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Biosprit steht nicht nur für den Vertreter der Bioenergie-Gemeinschaft der sich für die Energiewende im Kraftstoffmarkt engagiert, sondern gleichzeitig auch für den am schärfsten kritisierten regenerativen Energieträger überhaupt. In den vergangenen 3 Jahren gingen in den Medien regelmäßige Shitstorm-Salven über den Biosprit-Befürwortern nieder, welche die Branche bis an die Grundsatzfragen ihres eigenen Existenzrechts geführt haben. Die aufgezwungene Katharsis und Beschäftigung mit der eigenen dunklen Seite hat die Biosprit-Branche nachhaltig verändert. Es freut mich, dass ich nach langer Zeit endlich mal wieder über Biosprit als ausgeschriebenes Vorbild berichten kann. Biosprit wird dank der politischen, technischen und rechtlichen Entwicklungen zu einem Vorbild für die Nachhaltigkeit innerhalb der Energie- und Landwirtschaft. Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen? Blicken wir einige Jahre zurück, als sich die Kritik und der mediale Shitstorm zum Biosprit langsam aufbauten…

Biosprit ist nicht tot

Der heilige Gral der Nachhaltigkeit

Wir schreiben das Jahr 2007. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Maßnahmen zum Klimaschutz und das wachsende Bewusstsein für die Endlichkeit des Erdöls haben zu raschen Erfolgen innerhalb der Biosprit-Branche geführt. Die Klimaschutz- und daraus erwachsende Energiewende-Bewegung haben die Weichen für einen stärkeren Einsatz von Biosprit in Europa und den USA gestellt. Es gab einen breiten Konsens, dass Bioethanol und Biodiesel beim Überwinden gleich mehrerer gesellschaftlicher Herausforderungen nützlich sind:

  • Senkung der Abhängigkeit von endlichen und fossilen Energieträgern wie Erdöl und Kohle
  • Unterstützung der Landwirtschaft von Entwicklungsländern die sich den Import fossiler Kraftstoffe (steigender Erdölpreis) nicht leisten können
  • Als Folge der landwirtschaftlichen Revolution in Entwicklungsländern (Punkt 2) wurde eine schnellere Bekämpfung des Welthungers gesehen
  • Reduzierung vom Ausstoß an treibhausfördernden Emissionen (CO2+) in die Atmosphäre
  • Stärkung der regionalen Land- und biobasierten Kreislaufwirtschaft

Dann kam die Enttäuschung und wir haben wiedermal erfahren müssen, dass die Welt komplexer und unvorhersehbarer ist, als uns häufig lieb ist. Man kann die Entwicklungen und Auswirkungen einer hochgelobten und dadurch rasch wachsenden Branche nicht am Reisbrett vorherzeichnen! Vorsichtig gesagt hat das dazu geführt, dass sich in der Praxis nicht alle großen Hoffnungen an den Heilsbringer Biosprit erfüllt haben. Im Gegenteil kam plötzlich ans Licht, dass jede Technologie auch eine dunkle Seite hat.

Einige Erfahrungen der vergangenen Jahre haben die Wahrnehmung der Nachhaltigkeit von Biosprit stark verändert. Deutlicher gesagt haben vor allem die im Folgenden ausgeführten Entwicklungen die Branche wie ein Hurrikan überzogen und nachhaltig geprägt.

Nachhaltigkeits Trias

1. Die soziale Nachhaltigkeit von Biosprit

Die Explosion der Nahrungsmittelpreise und die daraus resultierende Nahrungsmittelkrise 2007-2008 (Afrika, Südostasien, Mexiko) hat das Fundament der erneuerbaren Kraftstoffe erstmals erschüttert. Neben weiteren Ursachen (Agrar-Spekulationen, steigender Fleischkonsum, Dürren etc.) wurden die Biokraftstoffe als Hauptverantwortliche für den Anstieg der Nahrungsmittelpreise und damit verbundene Hungerkatastrophe ausgemacht.

Heute, nach einigen Jahren Zeit für Studien über neue Zusammenhänge der globalen Nahrungsmittelpreise allgemein und eine gründliche Analyse der Tortilla-Krise speziell kommt der Biosprit deutlich besser weg. Die erste sehr emotionale Reaktion wurde um rationale Fakten ergänzt. Meiner Einschätzung nach stimmen die meisten Fachleute heute darüber überein, dass der Anbau von Mais zur Umwandlung in Bioethanol einen Einfluss auf die Entwicklung der lokalen Agrarrohstoffpreise hat. Der Einfluss der Biosprit-Produktion auf die Entwicklung der Weltmarktpreise für Nahrungsmittel wird jedoch als sehr begrenzt angesehen. Diese Einschätzung lässt sich nachempfinden, wenn man berücksichtigt wie gering der Anteil von Bioethanol am globalen Getreideverbrauch ist. Dieser ist im vergangenen Jahr sogar wieder gesunken und liegt bei etwa 6 Prozent.

Biosprit und globaler Getreideverbrauch

Trotzdem hat die Tortilla-Krise als Tragödie ihren Platz im kollektiven Unbewussten eingenommen und mahnt uns aus den gemachten Fehlern zu lernen.

Außerdem wird aktuell das Szenario stärker berücksichtigt, dass Biosprit auch zur Überwindung des Hungers einen wichtigen Beitrag leisten kann. Und auch das Setzen auf Biosprit der nächsten Generation aus Substraten wie Algen, Abfällen und Zellulose steht für die Anerkennung der sozialen Nachhaltigkeit von Biosprit.

2. Die ökologische Nachhaltigkeit von Biosprit

Kommen wir zum zweiten Vorwurf der gegen die Nachhaltigkeit von Biosprit hervorgebracht wird: das Fehlen der ökologischen Nachhaltigkeit. In der Nachhaltigkeits-Trias der 1987 zusammengekommenen Enquete-Kommission des deutschen Bundestages („Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“) wird ein vernünftiges Gleichgewicht aus sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit empfohlen. Natur- bzw. Umweltschutz sind demnach wichtige, aber eben nicht die einzigen Schutzgüter.

Zurück zur Biosprit-Kritik. Ein weiterer Rückschlag für die Biosprit-Branche waren die schockierenden Bilder, welche die zunehmend industrialisierte Palmöl-Gewinnung in Indonesien und teilweise in Malaysia mit sich brachte. Der rasche wirtschaftliche Aufstieg beider Länder in Südostasien ist eng an den Anbau der effektivste Ölpflanze der Welt gebunden. Arbeitsplätze, Bildung, Infrastruktur und viele andere erfreuliche Errungenschaften wurden im Zuge der beflügelnden Palmöl-Erfolge erreicht. Entsprechend wenig vorsichtig waren die Staaten zu Beginn beim Schutz ihrer wertvollen Urwälder. Nur am Rande sollte hier fairerweise erwähnt werden, dass Europa seine Urwälder schon vor vielen Jahrzehnten komplett zerstört hat. Der Grund war auch hier das Setzen auf wirtschaftliche Entwicklung und einen höheren Lebensstandard.

Zurück nach Südostasien. Es ist so, dass etwa 5 Prozent des Palmöls auch für die Herstellung von Biodiesel genutzt werden. Dafür gab es heftige Kritik am veresterten Biosprit (Biodiesel) und dieser wurde in der Folge zu einem Symbol für die Abholzung von Regenwäldern.

Plamöl Nutzung für Biosprit 2011

Auch hier gilt also wieder, dass der Umgang mit Biosprit eine dunkle Seite hat. Aber Biosprit ist nicht allein- und schon gar nicht hauptverantwortlich für die Zerstörung wertvoller Ökosysteme. Und man sollte berücksichtigen, dass diese zerstörerische Seite des teilweise stattfindenden Palmöl-Raubbaus auch eine sehr helle Seite hat, die sich in der wirtschaftlichen Entwicklung Südostasiens niederschlägt. Deshalb ist der Palmöl-Konflikt in erster Linie die Konsequenz eines schwierigen Bedürfnis-Dilemmas zwischen ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit.

Dass der Entzug vom Erdöl mit harten Entzugs-Erscheinungen einhergeht, ist uns spätestens seit den tragischen Erfahrungen der Palmöl-Industrie bewusst geworden. Trotzdem bleibe ich dabei, dass ein Umstieg von Erdöl auf Pflanzenöl ein notwendiger Schritt ist, wenn wir unseren Lebensstil nicht radikal ändern möchten. Aber auch wenn wir nichts unternehmen, wird sich unser Lebensstandard bei den vorherrschenden Rahmenbedingungen ändern (knapper und teurer werdende fossilen Ressourcen); und wahrscheinlich nicht zu unseren Gunsten!

Dieser Artikel läuft unter der Headline „Biosprit avanciert zum Vorbild für Nachhaltigkeit“. Bisher geht es aber vor allem um die Aufarbeitung der düsteren Seiten von Biosprit. Dass diese dunklen Erfahrungen der Biosprit-Branche letztlich dabei geholfen haben den nachhaltigen Umgang mit der wertvollen Substanz Biomasse zu verbessern (Aufbau von Zertifizierungssystemen für Nachhaltigkeit), wird im nächsten Artikel tiefer betrachtet. In diesem Artikel soll es der Vollständigkeit wegen noch um die letzte Nachhaltigkeits-Dimension von Biosprit gehen.

3. Die ökonomische Nachhaltigkeit von Biosprit

Machen wir uns nichts vor, wer eine industrielle Anlage für mehrere hundert Millionen Euro baut, muss mit den Einnahmen aus dem Betrieb der Anlage mindestens seine Belegschaft bezahlen können und möchte idealerweise auch Gewinn machen. Das ist bei Biosprit genauso wie bei jeder Erdöl-Raffinerie die uns mit den Erdölprodukten versorgt, die wir Konsumenten täglich wünschen. Ohne die Möglichkeit auf finanziellen Gewinn geht niemand die Risiken ein und investiert in den aufwendigen und teuren Bau eines Biodiesel- oder Bioethanolwerks. Deshalb benötigt jedes unternehmerische Handeln auch ein nachhaltig funktionierendes Geschäftsmodell. Und genau diese benötigte ökonomische Nachhaltigkeit, meinetwegen auch Investitionssicherheit (siehe Verbio AG), ist beim Bau von Biosprit-Anlagen aktuell stark gefährdet.

Der Einsatz von Biosprit ist eng gekoppelt an den Wunsch von Gesellschaft, speziell den Autofahrern, aktiv zu Klimaschutz sowie Energie- und Rohstoffwende beizutragen. Biosprit ist aktuell die einzige Alternative, die eine rasche, bezahlbare und vergleichsweise sanfte Energiewende im Mobilitätssektor ermöglicht. Elektromobilität, Car-Sharing-Konzepte oder der komplette Verzicht auf das Autofahren sind weitere Alternativen für einen Entzug von fossilen Rohstoffen. Diese Alternativen sind aber alle deutlich kostenintensiver, benötigen noch viel Entwicklungszeit oder fordern von den Autofahrern große Einschränkungen. Alle Alternativen sind wichtig, aber meiner Meinung nach trägt Biosprit am schnellsten und unkompliziertesten zum Klimaschutz bei!

Mit diesem Anspruch sind die Akteure der Biosprit-Branche auch angetreten: dass sie klimaneutral und somit ein direkter Beitrag zum Klimaschutz sind. Vor allem beim Anbau von klassischen (überholten?) Energiepflanzen der ersten Generation haben Wissenschaftler mittlerweile festgestellt, dass die einfache Rechnung nicht aufgeht, nach der die Pflanze für ihr Wachstum maximal soviel CO2 aufnimmt, wie bei der Verbrennung des aus ihr hergestellten Biosprits wieder freigesetzt wird. Heute ist man realistischer und berücksichtigt, dass der Anbau von Energiepflanzen und die Veredelung der Agrarrohstoffe auch Verfahrensschritte benötigt, welche einen zusätzlichen Energiebedarf haben. Vor allem in einer fossil geprägten Energiewirtschaft bedeutet das weitere Emissionen durch Biosprit.

An dieser Stelle möchte ich aber auch daran erinnern, dass die nachgelagerten Produktionsprozesse für die Förderung, Verarbeitung und den Transport von fossilen Rohstoffen ebenfalls zusätzliche Emissionen freisetzen! Wenn man die Emissions-Rechnung also auf die Verarbeitungsprozesse ausweitet, dann muss man das fairerweise auch für die fossilen Kraftstoffe tun. Und dann stehen die Biokraftstoffe wieder deutlich besser da. Meines Wissens ist das bisher nicht der Fall. Einzig der Biosprit muss seinen ökologischen Fußabdruck über die gesamte Wertschöpfungskette nachweisen, um als Biosprit in Europa eingesetzt werden zu dürfen. Diese ungleiche Bewertung von fossilen und regenerativen Kraftstoffen hat sich in dem komplexen Modellansatz ILUC zugespitzt. Das Konzept um die indirekten Landnutzungsänderungen (ILUC) ist sehr umstritten und würde Biosprit deutlich stärker belasten, als alle anderen Kraftstoffe. Das Messen mit zweierlei Maß ist eine tiefe Ursache, warum der Eintritt von Biosprit in den Kraftstoffmarkt aktuell so zäh verläuft. Deshalb hat sich die EU-Kommission in den vergangenen Jahren auch so schwer getan, einen einseitigen ILUC-Faktor für Biosprit einzuführen.

Ohne die klare Zusage, dass die Klimabilanz von Biosprit zum überwiegenden Teil deutlich besser ist als die von fossilen Kraftstoffen, werden es die alternativen Kraftstoffe im hart umkämpften Kraftstoffmarkt sehr schwer haben. Der ökonomische Erfolg von Bioethanol & Co steht und fällt damit, ob sie die Einzigen sein werden, die hohe Nachhaltigkeitsstandards einhalten müssen und ob der europäische Emissionshandel (ETS) wiederbelebt werden kann.

Biosprit: Mit hohen Anforderungen entlassen von der Anklagebank

Abschließend noch ein kurzes Resümee.

Alle 3 Zielkorridore für Nachhaltigkeit (ökologisch, sozial und ökonomisch) bedingen sich gegenseitig. Teilweise stehen sie im Konflikt zueinander und manchmal begünstigen sie sich. Wer so scharf kritisiert wird wie der Energieträger Biosprit und praktisch dazu gezwungen wird sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auf allen Ebenen zu beschäftigen, lernt natürlich bei diesem Prozesse auch viel über das Ideal der Nachhaltigkeit. Das ist der Grund, warum Biosprit aktuell vom Angeklagten zum Lehrer der Nachhaltigkeit avanciert. Dass es für diese ebenfalls vorhandene Vorbild-Funktion des stark kritisierten Biosprits bereits konkrete Beispiele gibt, wird im nächsten Artikel berichtet.

Feedback zum Thema Nachhaltigkeit und Biosprit sind herzlich willkommen!