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Dürre USADie Überschrift klingt erst mal nur wie eine unkonventionelle Behauptung innerhalb der aktuell geführten Biokraftstoff-Debatte, welche sich als Reaktion auf die anhaltenden Dürren in den USA und Indien entwickelt hat. Aber es gibt zahlreiche Argumente, welche diese Einschätzung unterstützen. Das gilt vor allem dann, wenn eine mittelfristige Perspektive als Maßstab genommen wird. Die aktuelle Dürre in den USA wird als die Schwerste seit 1956 gesehen und die Preise für Grundnahrungsmittel zeigen einen Anstieg, wie wir ihn das letzte Mal in den Jahren 2007/ 2008 erlebt haben. Deshalb hat die US-Dürre auch die Diskussionen um die Förderung von Biokraftstoffen und das Fördersystem des Renewable Fuel Standards (RFS) neu entfacht und man fragt sich, wie man auf die aktuelle Krisensituation reagieren soll. Einen Einblick in die aktuelle Lage bietet dieser Artikel.

Eine Jahrhundert-Dürre bedroht die landwirtschaftliche Produktion in den USA

Die Dürre in den USA findet kein Ende und der erlösenden Regen ist bisher ausgeblieben. Die Situation für viele betroffenen Landwirte, die Lebensmittelbranche und die Verbraucher wird immer dramatischer. Die politischen Entscheidungsträger ringen mit den passenden Maßnahmen und reagieren mit Sofortprogrammen.

Im  Bundesstaat Kansas, welcher sich im Corn-Belt der USA befindet, liegt die Durchschnittstemperatur in diesem Jahr bei 39 statt gewohnten 30 Grad. Einige Landwirte plagt neben finanziellen Sorgen nun auch die Angst vor Feuern, welche durch die anhaltende Trockenheit auf den Feldern leichter ausbrechen können.

Die Preise für Mais sind in den USA während der vergangenen 2 Monaten um 60 Prozent gestiegen und haben mit 6.8 Euro je Bushel (entspricht etwa 25 kg Mais) ein Allzeithoch erreicht. 2005 lag der Durchschnittspreis für 1 Bushel Mais noch bei 1.6 Euro.

Die Zeit hat ein Interview mit einem US-amerikanischen Farmer aus Kansas durchgeführt, der die aktuelle Dürre miterlebt und der nur durch eine glückliche Fügung von existentiellen Ängsten verschont geblieben ist. Zum Interview gehört auch der folgende englischsprachige Filmbeitrag, mit einem persönlichen Eindruck vom Ausmaß der Krise. Danke an die Redaktion von Zeit-Online, für die Möglichkeit zum Einbetten des Films in andere Internetseiten!

Biokraftstoffe und der Renewable Fuels Standard (RFS) in den USA

In den USA rechnet man in diesem Jahr damit, dass etwa 37 Prozent der viel zu niedrig ausfallenden Maisernte für die Herstellung von Bioethanol verwendet werden. Das entspricht den Angaben von Advanced Economic Solutionseiner Menge von 107 Millionen Tonnen Mais für die Herstellung von Biokraftstoffen. 2005 lag die für die Bioethanolherstellung verwendete Maismenge noch bei nur 40 Millionen Tonnen und hatte einen Anteil von 13 Prozent an der gesamten Maisernte.

Grafik Mais Verwendung USA

Grafik mit den wichtigsten Nutzungspfaden von Mais in den USA

Die Herstellung von Bioethanol ist in den USA während der vergangenen Jahre also rasch gewachsen und es wird mittlerweile mehr als doppelt soviel Mais zur Bioethanol-Herstellung verwendet, wie in der gesamten Europäischen Union überhaupt angebaut. Gegner kritisieren vor allem die Ausbaugeschwindigkeit für die Bioethanol-Produktionskapazitäten in einem Land, das ernährungstechnisch viel stärker vom Mais abhängig ist, als Europa.

Nachdem der Einsatz von E10 für viele Jahre der Standard in den USA gewesen ist, hat die US Environmental Protection Agency (EPA) im Juni beschlossen, den Anteil von Ethanol im Superbenzin um weitere 5 auf 15 Prozent (E15) zu erhöhen. Wie konnte die Erfolgsgeschichte des Bioethanols geschrieben werden? Die wichtigste Einflussgröße dürfte die Unterstützung von heimischen Kraftstoffen über den Renewable Fuels Standard (RFS) sein, welcher im Jahr 2005 im Zuge des Energy Police Act unter Präsident George W.Bush verabschiedet wurde.

Ziel des RFS ist die Beimischung von 7.5 Milliarden Gallonen (knapp 29 Mrd. Litern) an erneuerbaren Kraftstoffen in das eigene Verkehrssystem bis 2012. Die Zielvorgaben des Energy Independence and Security Acts (EISA) wurden 2007 sogar auf die Einspeisung von 36 Milliarden Gallonen (137 Mrd. Litern) im Jahr 2022 erhöht. „Die USA brauchen Biokraftstoffe und fördern diese auch aus Aspekten der nationalen Sicherheit.“

Die US-amerikanische Biokraftstofflobby (Advanced Ethanol Lobby, Growth Energy etc.) sieht vor allem in der Abhängigkeit der USA vom Erdöl die Hauptursache für die aktuell so dramatische Situation und benennt Biokraftstoffe als einen Teil der Lösung dieses tieferliegenden Problems.

Die USA sind wahrscheinlich das Land mit dem mutigsten Verhältnis zwischen der traditionellen Nutzung von Mais für die Lebensmittel-/ Futtermittelproduktion und der noch jungen Nutzung für die Gewinnung von Bioenergie. Dank der starken Förderung über den RFS, sind die USA seit kurzem sogar der größte Bioethanol-Produzent der Welt  und haben das traditionell führende Brasilien im Jahr 2010 erstmals auf den zweiten Platz verwiesen.

In den USA fragt man sich aktuell, ob man einen zu schnellen Wechselweg hin zu Biokraftstoffen forciert hat und ob das genutzte Fördersystem zum RFS flexibel genug ist, um auch auf solch extreme Wetterereignisse reagieren zu können. Der überraschend rasante Anstieg der Nahrungsmittelpreise hat vor allem die politische Lage im Corn Belt der USA stark angespannt. In einem Artikel auf Zeit-Online geht man davon aus, dass der weitere Umgang mit Ethanol auch ein wichtiges Thema für die Präsidentschaftswahl am 6. November 2012 sein wird.

In jedem Fall dürfte der Ausgang der Debatte um die richtige Nutzung von Biokraftstoffen in den USA auch die aktuelle Diskussion in Europa stark beeinflussen und ich bin gespannt, welches Erfahrungswissen unsere US-Kollegen aus dieser Krise mitbringen werden.

Bioenergie schafft alternative Absatzmärkte und fördert den Klimaschutz

In der Überschrift dieses Artikels wurde bereits angekündigt, dass die Bioenergie nicht nur als Ursache für die aktuellen Probleme, sondern auch als ein Teil der Lösung betrachtet werden kann. Abschließend möchte ich deshalb noch einige Argumente einbringen, welche hoffentlich dabei helfen, dass Sündenbock-Image der Bioenergie konstruktiv aufzulösen. Welche Sichtweisen auf die Bioenergie sollten wir bei der Bewertung der Dürrefolgen in den USA und Indien nicht vergessen?

1. Alternative Nutzungsmöglichkeiten für nicht ausgereifte Pflanzenbestände

Zu wenig Wasser führt dazu, dass die meisten Ackerbestände nicht ihre Erntereife erreichen und die geernteten Getreidepflanzen für die Verwendung als Lebensmittel nur wenig geeignet sind. Ein Teil der Landwirte (siehe Interviewfilm oben) sind durch die Jahrhundert-Dürre und die niedrigen Ernteerträge in ihrer Existenz bedroht – kein fertiges Produkt, kein Verkauf, keine Einnahmen.

Natürlich gibt es auch Landwirte, die von der Dürre und den durch diese gestiegenen Nahrungsmittelpreisen profitieren. Nämlich die, die das Glück hatten, mit entsprechenden Maßnahmen (Bewässerung) ihre Bestände zur Mehlreife oder Fruchtreife zu bringen. Diese können ihre Ware für unerwartet hohe Marktpreise verkaufen. Die Freude bleibt beim Gedanken an das Schicksal der weniger erfolgreichen Kollegen aber sicher verhalten.

Energiepflanzen benötigen nicht zwangsläufig den gleichen Grad der Abreifung, wie Getreide das für die Nahrungsmittelproduktion verwendet wird. Einige Energiewirte bevorzugen für die Vergärung von Energiemais in Biogasanlagen sogar eine früher geerntete Pflanze, weil deren Fasergehalt durch die abgebrochene Verholzung geringer ist.

Ganz allgemein kann gesagt werden, dass eine Pflanze deren Reifegrad noch nicht für die Herstellung von Nahrungsmitteln geeignet ist, mit Abstrichen für die Erzeugung von Bioenergie verwendet werden kann. In Regionen die häufiger von Dürren heimgesucht werden, kann die Bioenergie eine willkommene Ersatzlösung für die Landwirte bedeuten. Statt dem kompletten Verlust der Ernte kann der Bestand zumindest anteilig zur Herstellung von Biogas oder Biokraftstoffen (Zellulose-Ethanol!) verwendet werden. Die praktische Umsetzung (Förderbedingungen, Lieferverträge etc.) dieses flexiblen Einsatzes von Agrargütern ist allerdings eine Herausforderung die es noch zu meistern gilt.

2. Anstieg der landwirtschaftlichen Produktion in Entwicklungsländern

Bioenergie kann auch dabei helfen, dass die landwirtschaftliche Produktion in Entwicklungsländern steigt und die Ernährung dieser Staaten weniger stark von den Weltmarktpreisen für Grundnahrungsmittel abhängt. Der Betrieb von landwirtschaftlichen Maschinen (Traktoren, Mähdreschern etc.) mit heimischen Pflanzenölen ist zum aktuellen Zeitpunkt wahrscheinlicher, als dass die Länder ohne entsprechende Infrastruktur mit teuren fossilen Treibstoffen ihre Produktion steigern können.

Die Bioenergie ist für viele Staaten Afrikas eine dankbar angenommene Alternative, um landwirtschaftlich geprägte Gesellschaftsstrukturen für die Erzeugung von Nahrungsmitteln und heimischer Energie zu nutzen. Der vom Erdölpreis unabhängige Einsatz von Pflanzenölen kann die Produktionsverhältnisse in Regionen die noch mit dem Hand- oder Zugtierpflug arbeiten revolutionieren.

Hier finden Sie ein Beispiel für eine Kooperation zwischen Afrika und Europa zur Gewinnung von Bioenergie aus Obstabfällen.

3. Biokraftstoffe der nächsten Generation ermöglichen Teller UND Tank

Teller UND Tank ist auch bei den Biokraftstoffen der ersten Generation möglich, wie die Herstellung von Biodiesel und die dabei anfallenden Koppelprodukte (eiweißhaltige Futtermittel) beweisen. Bei den Biokraftstoffen der nächsten Generation kann diese Kopplung vom Anbau von Biomasse noch um ein Vielfaches verbessert werden.

Die USA sind bei der Entwicklung von Biokraftstoffen der zweiten Generation führend und so werden wir in den Jahren 2013 und 2014 gleich mehrere Anlagen in den Betrieb gehen sehen (Abengoa, Coskata, Mascoma, POET etc.), die sich auf die kommerzielle Herstellung von Zellulose-Ethanol spezialisiert haben.

Aktuell steht die größte Zellulose-Ethanol -Anlage der Welt in Dänemarkt und in Deutschland hat die Clariant AG erst im Juni die größte Demonstrationsanlage zur Herstellung von Zellulose-Ethanol Deutschlands im bayerischen Straubing in Betrieb genommen.

Interessante Informationen über den aktuellen Stand von Zellulose-Ethanol finden Sie auch in dem FAZ-Artikel „Biosprit aus Abfall statt aus Mais“ welcher in der vergangenen Woche (30.08.2012) erschienen ist .

4. Bioenergie stärkt den Klimaschutz und reduziert extreme Wetterereignisse

Abschließend möchte ich noch einen langfristig wirkenden Vorteil vom Einsatz der Bioenergie nennen und anführen, dass durch die im Vergleich mit fossilen Energieträgern bessere CO2-Bilanz der Bioenergie zumindest das Auftreten von extremen Wettereignissen verringern werden kann.

Skeptiker des Klimawandels werden mir widersprechen, aber das Auftreten von Dürren, Überschwemmungen oder Stürmen wird sich als Folge eines raschen Klimawandels nach den Aussagen der meisten Wissenschaftler eher häufen, als verringern. Auch wenn das für mich nicht das wichtigste Argument für die Nutzung der Bioenergie ist, ist ihre verstärkte Anwendung doch auch ein Beitrag zum Klimaschutz.

Kritiker der Bioenergie mögen außerdem einwenden, dass die Klimabilanz des Energiepflanzenanbaus nicht immer ist, als die von fossilen Energieträgern. Das stimmt, aber die meisten Herstellungspfade sind es schon heute! In naher Zukunft werden, abhängig von der ausstehenden Entscheidung der EU-Kommission zum Thema ILUC, zumindest die in der EU verwendeten Biokraftstoffe deutlich bessere THG-Werte aufweisen müssen, als ihre fossilen Kollegen.

Fazit zum Thema Dürre in den USA und Einsatz der Bioenergie

Es bleibt die Frage, wie wir in Deutschland und Europa mit der weiteren Förderung der Bioenergie umgehen? Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um die großen Potentiale von Biokraftstoffen & Co auch mittelfristig freizusetzen ohne klimatische Extremereignisse und die damit verbundenen Preisanstiege für Nahrungsmittel auszublenden. Wir sollten deshalb nicht vergessen, dass die Bioenergie, neben den aktuell zu beobachtenden Konflikten, auf vielen Ebenen auch dabei helfen kann, dass wir zukünftig weniger dieser Extremereignisse erleben oder zumindest besser mit diesen umgehen können.

Was sollten wir aus der Dürre in den USA über den Umgang mit der Bioenergie als landwirtschaftlicher Alternative lernen? Was denken Sie?

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