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ILUC in EuropaKann man das Fehlen einer Entscheidung innerhalb der ILUC-Debatte auf EU-Ebene schon als einen ersten Erfolg für die Branche betrachten?

Meiner Einschätzung nach ist dieses Ergebnis für die europäischen Biokraftstoffe ein erstes positives Signal dafür, dass man das Thema des ILUC-Faktors nicht einfach durchwinken möchte und dass man die Kritik der Industrie sehr ernst nimmt. Der Hintergrund: Bei dem Anfang vergangener Woche abgehaltenen Treffen der EU-Kommissare sollte der weitere Umgang mit den indirekten Landnutzungsänderungen von Biokraftstoffen besprochen werden. Dabei kam es zu keinem endgültigen Ergebnis.
Was waren die Ursachen für die Vertagung der Entscheidung zur Nachhaltigkeitsdebatte von Biokraftstoffen, welche vor allem für europäischen Biodiesel existentielle Auswirkungen haben kann?

Umgang mit ILUC-Konzept für Biokraftstoffe bei EU-Kommissaren umstritten

Nach allem was an die Öffentlichkeit gedrungen ist, hat sich der Großteil der 27 EU-Kommissare (Übersicht) bei der Nachhaltigkeitsdebatte zum Thema Biokraftstoffe gegen eine weitere Verschärfung der Nachhaltigkeitsstandards ausgesprochen. Die als Grundlage für die Debatte vorliegende IFPRI-Studie aus dem September des Jahres 2009 sei in vielen Punkten zu theoretisch und beinhaltet zu dem zahlreiche Ungenauigkeiten. Eine drastische Verschärfung bei der Berechnung der Klimabilanz, unter Verwendung eines ILUC-Faktors, wird deshalb von der Mehrheit der EU-Kommissare abgelehnt.

Trotzdem soll das Thema der indirekten Landnutzungsänderungen bei der weiteren Verwendung von Biokraftstoffen stärker berücksichtigt werden. Die entscheidende Frage ist allerdings „das Wie“? Vor allem das EU-Department für Energie und die Departments für Klimaschutz (climate action) und das für Umwelt standen sich beim Treffen der EU-Kommissare gegenüber und vertraten unterschiedliche Auffassungen im Umgang mit dem ILUC-Konflikt.

Während Connie Hedegaard, EU-Klimakommissarin für Klimapolitik, und Janez Potocnik, EU-Kommissar für das Thema Umwelt, an einer starken Integration des ILUC-Konzepts festhalten möchten, sieht der EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger, vor allem die negativen Auswirkungen des ILUC-Konzepts und möchte die Maßnahmen möglichst gering halten.

Die EU-Kommission muss nun darüber entscheiden, wie die Auswirkungen der indirekten Landnutzungsänderungen (ILUC) durch den Anbau von Biomasse für die Biokraftstoffproduktion in die Klimabilanz für Bioethanol & Co eingepreist werden sollen.

Was ist ILUC und wie wirkt der ILUC-Faktor?

Von indirekten Landnutzungsänderung (ILUC) wird gesprochen, wenn durch den zusätzlichen Anbau von Energiepflanzen (Raps, Palmöl etc.) eine allgemeine Zunahme der benötigten Ackerfläche auftritt und hierfür an anderer Stelle Landfläche umgebrochen und in die landwirtschaftliche Produktion aufgenommen werden muss. Indirekt deshalb, weil davon ausgegangen wird, dass für den Anbau von Energiepflanzen nicht nur direkt ökologisch wertvolle Flächen (Regenwald, Moore, Feuchtgebiete etc.) umgewandelt werden, sondern auch indirekte Verschiebungen auftreten.

Die direkten Landnutzungsänderungen von Regenwäldern oder Torfmooren sind allerdings bereits heute für den Anbau von Energiepflanzen und die Herstellung von Biokraftstoffen in Europa untersagt und durch einen ILUC-Faktor möchte man auch die indirekt auftretenden Landnutzungsänderungen in die Klimabilanz von Biokraftstoffen aufnehmen.

Die aktuelle Diskussion zum ILUC-Faktor sieht vor, dass auf die bisherige Emissionsbilanz jedes Biokraftstoffs ein pauschaler Wert X, der ILUC-Faktor, aufgeschlagen wird. Wie das Diagramm zeigt, wird die absolute Menge freigesetztes CO2 pro Bezugseinheit (z.B. MJ an verbrauchtem Biokraftstoff oder gefahrenem Kilometer) durch die Anwendung eines ILUC-Faktors deutlich verschlechtert und führt bei dem Großteil aller heute eingesetzten Biokraftstoffe zum Verfehlen der vorgeschriebenen Emissionsminderungsziele ab 2017 (minus 50 Prozent) oder spätestens ab 2018 (minus 60 Prozent).

Diagramm ILUC-Faktor Werte Biodiesel Bioethanol

Auswirkungen eines ILUC-Faktors für die Klimabilanz von Biodiesel und Bioethanol im Jahr 2017

Harmonisierung von Klimaschutz und Umweltschutz | Fazit zum ILUC-Faktor

Eine erfolgreiche Überwindung der ILUC-Bedrohung ist das Ausbleiben einer Entscheidung für die auf 13 Milliarden Euro geschätzte und zahlreiche Arbeitsplätze sichernde europäische Biokraftstoffindustrie noch nicht, aber der aktuelle Zwischenstand dürfte zumindest für eine erste Entspannung der betroffenen Unternehmen und Arbeitnehmer sorgen. Seit der Veröffentlichung der IFPRI-Studie geht die Sorge um, dass die Biodieselbranche in Europa durch die Einführung des ILUC-Faktors komplett zerstört wird. Dabei bildet Biodiesel die große Mehrheit bei der momentanen Biokraftstoffversorgung von Europa.

Noch vor 5 Jahren wurden Biokraftstoffe als die großen Hoffnungsträger und wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz im Verkehrssektor gefeiert. Es wurde viel Geld in die Hand genommen und in zahlreiche Anlagen zur Herstellung von Bioethanol und Biodiesel in Europa investiert. Die IFRPI-Studie und der möglicherweise resultierende ILUC-Faktor drohen der Sargnagel für eine ganze Branche.

Hohe Nachhaltigkeitsstandards von Biokraftstoffen müssen gesichert werden, was auch niemand ernsthaft bestreitet! Man darf beim Lernen aus gemachten Fehlern (Flächenumnutzungen) aber nicht vergessen, dass die Produktion von Biokraftstoffen schon heute den härtesten Nachhaltigkeitskriterien für jegliche landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Produktion weltweit unterliegt. Ein übertriebener politischer Kahlschlag mit Hilfe eines ILUC-Faktors schadet meiner Meinung nach deutlich mehr, als das er Europa nutzt. Deshalb finde ich es sehr weitsichtig und vernünftig, dass sich die EU-Kommission für die Entscheidung zum ILUC-Faktor länger Zeit lässt, als ursprünglich veranschlagt.

Den Klimaschutz und den Umweltschutz zu harmonisieren halte ich für einen der Kernpunkte innerhalb der aktuellen Klima- und Energiedebatte. Das Erreichen beider Ziele wirtschaftlich und sozialverträglich zu gestalten, ist eine Herausforderung, die weitreichende Auswirkungen hat.

Europa und vor allem Deutschland sind sowohl in Bezug auf den Klimaschutz, als auch beim Umweltschutz eine der aktivsten Kräfte weltweit und setzen sich vergleichsweise engagiert für beide Ideale ein. Die in der EU entwickelten Nachhaltigkeitskonzepte für Biokraftstoffe haben deshalb auch Vorbildcharakter für die Weiterentwicklung der Branche weltweit. Dass wir diese politische Verantwortung nicht auf die leichte Schulter nehmen finde ich sehr erfreulich und ich hoffe, dass wir eine ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltige Lösung (Nachhaltigkeits-Trias) des ILUC-Konflikts erreichen werden.