Nachhaltigkeit von Biomasse und das Trauma der Bioenergie-Enthusiasten

Sagen wir es wie es ist, das Thema „Nachhaltigkeit“ hängt vielen bereits zu den Ohren heraus. Es ist ein bisschen so, als wäre „Nachhaltigkeit – das neue Schwarz“ und viele versuchen dieses elegante Kostüm für ihre Zwecke zurecht zu stutzen. Der blasenartige Erfolg des Nachhaltigkeits-Ideals und die inflationäre Verwendung des Begriffs lassen befürchten, dass sich in einigen Jahren kaum noch jemand mit diesem Thema auseinandersetzen möchte. So wie ein Ohrwurm-Song, den man die ersten 10 Mal begeistert mitsingt, aber beim 20.Mal am liebsten das Radio aus dem Fenster werfen möchte. Für die Bioenergie-Branche ist der Begriff der Nachhaltigkeit außerdem zu einer Art Trauma geworden, welches einst blühende Verfechter dieser erneuerbaren Energieform in engagierte Gegner verwandelt hat. In diesem Artikel gibt es einige Argumente und Zahlen zu dem etwas nervigen, aber weiterhin wichtigen Thema Nachhaltigkeit und ihrer Bedeutung für die Bioenergie.

Grundlagen des Begriffs der Nachhaltigkeit

Das Thema der Nachhaltigkeit ist erschreckend komplex, so dass es schwer fällt, eine eindeutige Definition für sie festzulegen. Deshalb möchte ich in diesem Zusammenhang nur kurz auf den Ursprung der Nachhaltigkeitsbewegung eingehen.

Der deutschsprachige Begriff „Nachhaltigkeit“ wurde bereits 1713 von dem deutschen Forstwissenschaftler Hans Carl von Carlowitz geprägt, der diesen in Zusammenhang mit dem Aufbau einer nachhaltigen Fortswirtschaft verwendete. Außerdem kennen wir die Ideen des nachhaltigen Umgangs mit der Natur von der Kultur der Indianer. Zu der aktuellen Blütezeit der Nachhaltigkeit hat der 1987 veröffentlichte Bericht der Brundtland-Kommission beigetragen, welcher ein Konzept für eine nachhaltige Entwicklung formuliert hat. Die häufig zitierte Kernaussage lautet:

„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Ein häufig zitiertes Ergebnis der Kommission war außerdem das Nachhaltigkeitsdreieck, welches die verschiedenen Dimensionen beschreibt, die für eine nachhaltige Entwicklung berücksichtigt werden müssen.

Nachhaltigkeit Dreieck Brundtland Kommission Das Ziel einer nachhaltigen Lebensweise ist also die langfristig tragbare Fusion der ökologischen, sozialen und ökonomischen Ziele unserer Gesellschaft. Auch wenn das Umweltschützer nicht gerne hören, ist Nachhaltigkeit kein Argument, welches sich auf die ökologische Entwicklung beschränkt. Umweltschutz ist wichtig, aber das Schaffen von Arbeitsplätzen oder die Verbesserung der Welternährung sind nicht weniger ehrenwerte Ziele und teilweise im direkten Konflikt mit dem Umweltschutz.

Weitere Informationen zum Begriff Nachhaltigkeit finden Sie im Lexikon der Nachhaltigkeit.

Umweltschutz und Klimaschutz sind zwei hartnäckige Begleiter

Diese Erfahrung durfte die Bioenergie in den vergangenen Jahren hautnah erleben und ich behaupte, dass sich die Bioenergiebranche die Forderungen der Umwelt- und Klimaschutzvertreter zu Herzen genommen hat und entsprechende Lehren aus der teilweise sehr scharfen Kritik gezogen hat.

Der Begriff der Nachhaltigkeit beschäftigt und verwirrt die öffentliche Debatte und in der Praxis schließen sich die verschiedenen Zielkorridore für den Umwelt- und Klimaschutz häufig gegenseitig aus. Obwohl die Motivationen für den Umwelt- und Klimaschutz ähnlich sind, sind sich die Vertreter beider Bewegungen bei der Bewertung gesellschaftlicher Entwicklungen selten einig. Ein aktuelles Beispiel sind die Zielkonflikte die aus dem Netzausbau zur weiteren Energiewende resultieren.

Schockiertes Mädchen

Der Energiepflanzenbau und die Nutzung von Bioenergieträgern werden sowohl von Umweltschützern, als auch von Klimaschützer kritisch betrachtet. Während die Einen die Abholzung von Regenwäldern und die zunehmende Vermaisung von Landschaften (Monokulturen) verurteilen, kritisieren die Anderen die doch nicht neutrale Klimabilanz von Biokraftstoffen. Vor allem an der zentralen und industriellen Bioenergie lassen beide Parteien kaum ein gutes Wort. Hingegen sehen viele Ökonomen vor allem hier die Stärken für den weiteren Ausbau der Branche, weil Produktionskosten gesenkt und Wirkungsgrade erhöht werden können.

Seit einigen Jahren wird über ein Verbot von Biokraftstoffen der ersten Generation und die Einführung eines ILUC-Faktors diskutiert. In meinen Augen sind beide Maßnahmen sehr drastisch und gemeinsam mit den Vorschlägen der EU-Abteilung Klimapolitik zur Änderung der Biokraftstoffziele setzen sie einem Großteil der heutigen Bioenergie die Pistole auf die Brust.

Wenn es der Bioenergie-Branche gelingt, trotz aller gerechtfertigten Kritik an den Kritikern, auf deren Forderungen einzugehen, dann wird der Einsatz der Bioenergie nicht nur aus ökonomischer und sozialer, sondern auch aus der ökologischen Perspektive betrachtet eine Vorreiterrolle für eine nachhaltige Entwicklung einnehmen. Dass es hier schon viele Erfolge gibt, dazu in einem späteren Abschnitt mehr.

Uwe R. Fritsche – einer der schärfsten und besten Bioenergie-Kritiker?!

Ich habe lange überlegt, ob ich den folgenden und etwas persönlicheren Abschnitt zur Nachhaltigkeit von Bioenergie schreiben soll. Letztlich habe ich mich dafür entschieden, weil ich befürchte, dass sonst niemand über diesen so wichtigen Punkt für den weiteren Ausbau der Bioenergie schreiben wird. Letztlich ist der Bioenergie-Blog aber genau für diese offene Diskussion zur Bioenergie ins Leben gerufen worden. Worum geht es?

Beim von der DENA veranstalteten Fachdialog zur Nachhaltigkeit und Mitverbrennung von Biomasse habe ich den Vortrag eines Bioenergie-Akteurs gehört, um den man in der aktuellen Bioenergie-Debatte nicht herum kommt, weil er so omnipräsent ist. Leider kann ich nicht sagen, dass mich das nur freut, weil ich ihn gleichzeitig als einen der schärfsten und fundiertesten Kritiker der Bioenergie wahrnehme. Ich weiß nicht, ob er sich selbst auch als scharfen Kritiker beschreiben würde, aber die von ihm geforderten Maßnahmen im Umgang mit der Bioenergie bedrohen vor allem die noch junge Biokraftstoffproduktion in Europa in ihren Grundfesten. Die Rede ist von Uwe R. Fritsche, dem wissenschaftlichen Leiter des neu gegründeten International Institut for Sustainability Anlaysis ans Strategy (IINAS).

Ich persönliche betrachte die Aussagen von Herr Fritsche zur Bioenergie sehr zwiespältig und sehe die Forderungen, die er stellvertretend für viele Bioenergie-Kritiker formuliert, als wenig hilfreich für einen schnellen Beitrag zum Klimaschutz und eine Löslösung vom Erdöl. Auf der einen Seite beeindruckt das breite und tiefe Wissen von Herr Fritsche bei der Betrachtung der Bioenergie. Auf der anderen Seite bin ich immer überrascht über die scheinbare Leichtigkeit, mit der er den weniger fundierten Kritikern wissenschaftliche Argumente liefert und so zum konstanten Imageverlust der Branche beiträgt. Seine starke Befürwortung des ILUC-Faktors für Bioenergieträger und das große Vertrauen in sehr abstrakte mathematische Modelle zur Bewertung dieser erneuerbaren Energieform unterstützen meiner Erfahrung nach die wenigstens Bioenergie-Akteure. Allerdings muss gesagt werden, dass Herr Fritsche Physiker und Wissenschaftler ist und der wirtschaftliche Ausbau der Bioenergie nicht zu seinen wichtigsten Ziele/ Aufgaben zählt. In dem letzten Vortrag den ich von ihm gehört habe, beschreibt er demzufolge die Bioenergie als „Brückentechnologie für ein solares Zeitalter“.

Ich kann mich nicht als erfahrenen Modellierer bezeichnen, aber ich habe meine Diplomarbeit der Entwicklung eines mathematischen Computermodells (MATLAB) für die Räuber-Beute-Beziehungen von Algenbiozönosen gewidmet und zumindest einen praktischen Einblick in die Stärken und Schwächen von mathematischen Modellen gewonnen. Ich respektiere den Glauben von Herr Fritsche an das große Potential mathematischer Modelle. Modelle werden in Zukunft sicher noch deutlich stärker dazu beitragen, dass wir verantwortungsbewusstere Entscheidungen treffen können. Aber viele mathematische Modelle, vor allem zu sehr komplexen Systemen, sind heutzutage noch weit davon entfernt als umfassende Entscheidungsgrundlage zu dienen. Ich weiß, dass die Ingenieure und Wissenschaftler, welche mathematische und computergestützte Modelle entwickeln, immer auch auf die engen Grenzen hinweisen, in denen ihre Modelle wirksam sind. Die zugrundeliegenden Rahmenbedingungen von komplexen Klimamodellen stoßen leider aktuell noch schnell an ihre Grenzen, wenn es um die representative Darstellung der Wirklichkeit geht. Das sollten wir bei aller Euphorie für die Potentiale dieser Entscheidungshilfen nicht vergessen.

Als mittelfristige Obergrenze für das Einsatzpotential der Bioenergie sieht Herr Fritsche eine 10 Prozent-Marke gemessen am Endenergieverbrauch (!) von Deutschland. Als Bioenergie-Enthusiast stimmt mich diese absolute und dazu noch vergleichsweise niedrige Obergrenze, für den gemessen am Anteil aktuell wichtigsten erneuerbaren Energieträger, traurig. Außerdem bleibt die Frage, ob diese Marke unter den vorgeschlagenen und vergleichsweise hohen Auflagen an die ökologische Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen & Co in naher Zukunft überhaupt erreicht werden kann. Aktuell liegt der Anteil der Bioenergie am Endenergieverbrauch von Deutschland bei 5.7 Prozent. Eine optimistische Betrachtung der Bioenergie sieht jedenfalls anders aus. Und auch ein pragmatisches „Ja“ zur Energiewende sieht für mich anders aus, als das Entwickeln immer komplexerer und abstrakterer Modelle, welche jegliche Investitionsbereitschaft gefährdet.

Also entweder Herr Fritsche liebt die Bioenergie so sehr, dass er sie von Anfang an perfekt entwickeln will, riskiert damit aber das Kind mit dem Bade auszuschütten, oder Herr Fritsches Leidenschaft für mathematische Klimamodelle ist so groß, dass ihm das Wachstum der Bioenergiebranche in der Praxis und ihre Bedeutung für die mittelfristige Energieversorgung von Deutschland vergleichsweise wenig bedeutet. Mir ist keine andere Landwirtschafts- oder Energiebranche bekannt, die sich mit einem so hohen Aufwand moralisch und verteidigen muss. Wenn man genau hinschaut, dann sind ja auch die Windenergie und die Phovoltaik nicht „klimaneutral“.

Im folgenden Interview aus dem Sommer 2011 sind die Bioenergie-Aussagen von Herr Fritsche noch weniger drastisch, als bei den letzten Vorträgen die ich von ihm gehört habe.

Der große Respekt vor der Verantwortung im Umgang mit der Bioenergie

Seit etwa 3 Jahren befindet sich die Bioenergie in Deutschland in ihrer dunkelsten Phase und existentielle Ängste gehören vor allem für die Biokraftstoffbranche und in Ansätzen auch für die gasförmige Bioenergie zum Tagesgeschäft.

Das Bekanntwerden einer nicht so klimaneutralen Bilanz der Bioenergie wie anfangs erhofft, die Angst vor einer unkontrollierbaren Abholzung von Regenwäldern oder die Sorge mit der Nutzung der Bioenergie den Welthunger zu verschlimmern. Das sind die wichtigsten Kritikpunkte, die einen als Bioenergie-Enthusiasten in eine tiefe Krise stürzen. Niemanden, der sich offen mit der Bioenergiedebatte auseinandersetzt, können diese Vorwürfe unberührt lassen. Deshalb kann ich bis zu einem gewissen Grad gut nachempfinden, dass das Setzen auf komplexe mathematische Modelle ein bevorzugter Ansatz ist, um sich gegen alle denkbaren Risiken abzusichern. Aber es macht mich auch traurig zu beobachten, wie wir aus Angst vor jeglicher negativer Auswirkung auf Umwelt oder Klima die Chance vertun, die großen Potentiale der Bioenergie zur Lösung bestehender Probleme zu entfalten. Bei den fossilen Energieträgern sind wir hier schon deutlich abgehärteter (abgestumpfter?).

Wie paralysiert stehen wir meiner Meinung nach da und es fehlt bei vielen die Bereitschaft, wirklich etwas zur Verbesserung der Situation der kommenden Generationen beizutragen. Klimaschutz und die Löslösung vom knapper werdenden Erdöl bekommen wir leider nicht geschenkt. Momentan sieht die Lage der Bioenergie so aus, als spielen wir gegen sie eine sehr theoretische Schachpartie im wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Die Bioenergie-Studie der Leopoldina und der ILUC-Faktor sind zwei Beispiele für besonders elegante Züge. Etwas mehr Pragmatismus, Mut aus gemachten Fehlern zu lernen und eine optimistischere Grundeinstellung über das Verantwortungsbewusstsein von Unternehmen, würden einen dringend benötigten frischen Wind in die Bioenergie-Debatte bringen.

Bei aller Kritik an der Nachhaltigkeit der Bioenergie

Wir sollten bei der, in meinen Augen stark übertriebenen, Kritik an der heutigen Bioenergie nicht vergessen, dass die gasförmigen, flüssigen und festen Bioenergieträger auch große Vorteile für die soziale und ökonomische Nachhaltigkeit unserer Gesellschaft bieten. Das gilt vor allem für ein Land wie Deutschland, das nicht über nennenswerte eigene Ölvorkommen oder erdölfördernde Mineralölgesellschaften verfügt. Wenn wir uns in Deutschland zu einseitig auf die Probleme der Bioenergie-Gewinnung fokussieren, dann verpassen wir wahrscheinlich die Chance, unsere herausragende Stellung innerhalb der internationalen Bioenergieszene zu nutzen.

Und die Kritiker der Bioenergie möchte ich daran erinnern, dass…

  1. …die Bioenergie schon heute einen deutlich besseren Beitrag zum Klimaschutz leistet (siehe Grafik Klimabilanz von Biokraftstoffen), als der Großteil der fossilen Energiewirtschaft.
  2. …die Bioenergie bei allen Horrorgeschichten der Tank-oder-Teller-Debatte eine der großen Hoffnungsträger vieler Entwicklungsländer ist, endlich ihre landwirtschaftliche Produktion zu revolutionieren und ihre Ernährungssituation zu verbessern. Der Import und die Versorgung mit teuren fossilen Kraftstoffen ist für viele Entwicklungsländer nicht finanzierbar.
  3. …das 95 Prozent des geernteten Palmöls für die Herstellung von Lebensmitteln, Kosmetikartikeln und Kerzen verwendet wird. Auch wenn das die teilweise stattfindende Regenwaldabholzung nicht besser macht, werden nur knapp 5 Prozent des Palmöls für die Herstellung von Biodiesel verwendet.
  4. …die Bioenergiebranche führend ist, wenn es um die Nachhaltigkeitszertifizierung von Agrarrohstoffen und -produkten geht. Die Biokraftstoffbranche ist hier Vorreiter und setzt neue Maßstäbe für den Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft. Die Kritiker können stolz auf diese Entwickung sein, denn die auf ihren Druck hin aufgebauten Nachhaltigkeitssysteme für Biokraftstoffe sind ein echter Beitrag zum Umwelt- und Artenschutz innerhalb der gesamten landwirtschaftlichen Produktion.

Grafik zur Klimabilanz erneuerbarer Energien

Ein konstruktiverer Umgang mit den Stärken und Schwächen der Bioenergie als die Reaktionen auf die Bioenergie-Studie der Leopoldina würde sicher nicht gleich schaden. Bei vielen Bioenergie-Akteuren renne ich mit diesem Wunsch offene Türe ein.

Download der Vorträge zur Mitverbrennung und Nachhaltigkeit von Biomasse

Hier können Sie die beim „Fachdialog: Biomassemitverbrennung und Nachhaltigkeit – ein Widerspruch?“ gehaltenen Vorträge der DENA-Veranstaltung ansehen und herunterladen.

About the Author:

Ron "BiomassMuse" Kirchner ist Umweltingenieur, Fachjournalist und WebDesigner. Eine für BiomassMuse nützliche Mischung, da diese einen unabhängigen Schreibstil unterstützt. Aus der Hauptstadt schreibt er über den Einsatz der gasförmigen, flüssigen und festen Bioenergie im Strom-, Wärme- und Kraftstoffmarkt. Außerdem engagiert er sich gemeinsam mit anderen Energiebloggern für das Gelingen einer bürgernahen und ganzheitlichen Energiewende.

One Comment

  1. Laszlo Maraz 8. Januar 2018 at 16:54

    Lieber Herr Kirchner,
    danke für Ihren informativen Beitrag, dem ich einige Informationen und Gedanken hinzufügen möchte.
    Für einige Jahre habe ich die NGO-Plattform „Nachhaltige Biomasse“ koordiniert und befasse mich auch seitdem mit dem Thema, da auch der Wald und die Waldpolitik, zu der ich hauptsächlich arbeite, davon betroffen ist.
    Herr von Carlowitz war kein Forstwissenschaftler, sondern Kameralist und Oberberghauptmann des Erzgebirges. Seine Motivation bestand darin, die Versorgung der Bergwerke und Verarbeitungsbetriebe mit Holz zu sichern, denn der Wald war schon damals ein weit übernutztes Ökosystem. Seine Verdienste sind wirklich großartig!
    Nach vielen Jahren der Biokraftstoffpolitik müssen wir leider feststellen, dass es – neben erfreulichen Entwicklungen neuer Technologien, der Schaffung guter Arbeitsplätze und einer gewissen Mitversorgung des Energiebedarfes – bei einer Art Alibi-Politik geblieben ist. Ob sich die Akteure der Branche zum Nutznießer dieser Politik, oder gar zum Helfershelfer gemacht haben, oder dem Treiben ohnmächtig zusehen müssen, muss jeder für sich beantworten. Die Gesamtemissionen sind weiter angestiegen, Bioenergie fristet weitgehend ein Dasein als Ersatzkanister, Zusatztreibstoff oder Strohfeuer, denn eine verantwortungsvolle Energie- oder Verkehrspolitik findet nicht statt.
    Die Nutzung von Bioenergie könnte einen mehr oder minder großen Anteil an der Dekarbonisierung der Wirtschaft leisten – wenn der Gesamtverbrauch an Energie (oder der Gesamtausstoß an Emissionen) sinken würde. Solange das aber nicht passiert, wird dem Klimaschutz leider nicht geholfen, denn die Atmosphäre interessiert sich nicht für vermiedene Emissionen, sondern nur für den tatsächlichen Anstieg und die vorhandene Treibhausgaskonzentration.
    Ähnliche Probleme müssen wir auch in anderen Bereichen beobachten. So werden weltweit Eukalyptusplantagen für die Zellstoffproduktion angelegt, um den „Bedarf zu decken“, ein Bedarf, der durch die günstige Bereitstellung zusätzlicher Rohstoffe gezielt gesteigert wird. Trotz Recyclingpapiereinsatz steigt der Jahresverbrach an und liegt in Deutschland derzeit bei über 250 Kilo pro Kopf.
    Auch hierfür werden große Landressourcen (Wald und Landflächen) verbraucht bzw. in Anspruch genommen. Die durch den Palmöleinsatz freigewordenen Pflanzenölmengen können bequem zu Biokraftstoffen verwendet wurden, wogegen angesichts der überragenden Flächenproduktivität von Ölpalmen solange nichts einzuwenden wäre, stiege der Verbrauch dieser Ölmengen nicht kontinuierlich an (was zu weiterer Belegung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen führt). Die Wirtschaftsbereiche, die mit Soja (Viehfutter), Holz (Energieholz) und anderen Rohstoffen arbeiten, funktionieren ebenfalls nach ähnlichem Schema: Wachstum, Steigerung von Geld-Gewinnen, Konzentration von Macht und Profiten sind die treibenden Kräfte hinter solchen Entwicklungen, weil die Priorität von Wirtschaft und leider auch von Politik fast ausschließlich an ökonomischen Interessen ausgerichtet wird, und nicht an der Erfüllung etwa von nachhaltigen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals), also etwa der Beseitigung von Hunger und Armut, mehr Bildung und Bewahrung ökologischer Strukturen und Funktionen von Lebensräumen.
    Solange sich daran nichts ändert, werden technische Entwicklungen, so gut und effizient und erfreulich sie auch sein mögen (und da ist die Bioenergiebranche wirklich ein schönes Beispiel!), nichts dazu beitragen, um die großen sozialen, ökologischen, kulturellen und letztlich auch wirtschaftlichen Krisen zu lösen.
    Es schmerzt, wenn ich beobachten muss, wie sich Wissenschaftler und Vertreter der Bioenergiebranche um Prozente und Promille an Effizienzbeträgen streiten, während gleichzeitig ein Verkehrsminister und mit ihm ein Großteil der Bundesregierung es nicht einmal schafft, den Betrug beim Kraftstoffverbrauch, wo es um 25 bis 40 Prozent zu Lasten von Klima und Geldbeutel der Verbraucher geht (!), abzustellen.
    Es schmerzt, wenn sich Vertreter von Energieholznutzern gegen die Schaffung einiger Schutzgebiete im Wald engagieren (es geht um die noch fehlenden 2.7 Prozent der Waldfläche). Vertreter einer Branche, die für nicht einmal 2 Prozent der Primärenergieeinsatzes verantwortlich zeichnet, während gleichzeitig Braunkohlekraftwerke gigantische Energiemengen verschwenden und Treibhausgasemissionen erzeugen, die durch den Einsatz noch so effizienter Holzheizkraftwerke in Jahrhunderten nicht wettgemacht werden könnte.
    Auch die Bioenergiebranche muss die verantwortlichen Politiker dazu auffordern, die dringlicheren Hausaufgaben zu machen, wenn sie nicht selbst künftigen Generationen als klammheimlicher Profiteur einer verfehlten Politik und Nutznießer einer Alibi-Klima- und Agrarpolitik in Erinnerung bleiben möchte.
    Mit besten Grüßen
    László Maráz
    Koordination AG Wald und Dialogplattform Wald
    Forum Umwelt und Entwicklung
    10117 Berlin
    maraz@forumue.de

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