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Ölplattform ErdölDie Bioenergie wird aktuell von vielen Akteuren und Perspektiven untersucht und dabei teilweise sehr kritisch hinterfragt. Auch die schwer zu überblickenden Riesen der fossilen Energiebranche widmen einen Teil ihrer Aufmerksamkeit den kleinen Konkurrenten bzw. dem Nachwuchs innerhalb der großen Familie aus fossilen und regenerativen Energieträgern. Nicht selten tauchen sogar Geschichten von Partnerschaften zwischen der traditionellen und der neuen Energiewirtschaft auf. Hierbei unterstützen vor allem die älteren Energieunternehmen die alternativen Konzepte mit finanziellen Mitteln und Know-How bei ihrer Weiterentwicklung. Auch Shell, das zweitgrößte Mineralölunternehmen der Welt, hat sich mit der Veröffentlichung einer neuen Studie zu Biokraftstoffen an der Aufklärung zu diesen Bioenergieträgern beteiligt. Kommt die Studie den alternativen Kraftstoffen entgegen? Welche Stellung bezieht die Shell-Studie bezüglich Bioethanol & Co? Eine kurze Vorstellung der Studie zu Biokraftstoffen und der aktuellen Beziehung zwischen der fossilen und regenerativen Kraftstoffbranche.

Fossile und erneuerbare Kraftstoffbranche treffen aufeinander

Auf der einen Seite gehören etablierte Mineralölunternehmen wie Shell oder BP zu den größten Förderern und Investoren für neue Biokraftstoff-Konzepte. So hat sich Shell bereits mit großen Geldbeträgen für die Erforschung von Biokraftstoffen der zweiten Generation in Deutschland engagiert. Auch bei der leider insolvent gegangenen Choren im vergangenen Jahr, war Shell zu Beginn beteiligt. Ist das ein Zeichen dafür, dass fossile Kraftstoffe auf Erdölbasis ihr Schicksal der Endlichkeit anerkennen und die Gesellschaft beim Umbau des Transportsektors und dem Prozess der Energiewende im Verkehrssystem unterstützen? Dass es hier auch kritischere Interpretationen gibt, dazu im Fazit des Artikels mehr.

Zumindest wollen die etablierten Leistungsträger der Kraftstoffindustrie auf Erdölbasis nicht von einem Tag auf den Anderen das Parkett verlassen. Hierbei spielt sicher auch das Verantwortungsbewusstsein der Konzerne eine Rolle, dass ein Ausstieg von einem Jahr auf das Andere mit unmenschlichen Entzugserscheinungen verbunden wäre. Aus leicht nachzuvollziehenden Gründen ist die sofortige Aussetzung aller fossilen Kraftstoffe in der Praxis auch schlichtweg nicht möglich. Wir brauchen fossile Kraftstoffe in großen Mengen (Diagramm) und sind in Deutschland aktuell zu über 90 Prozent von deren Einsatz abhängig! Das plötzliche Verschwinden von den Tankstellen kann bei diesen Rahmenbedingungen von keinem ernsthaft gefordert werden, auch wenn es mittelfristig wünschenswert ist. Die Industrie der fossilen Kraftstoffe und die der Biokraftstoffe begegnen sich also mit gespaltenem Herzen.

Wann sind Biokraftstoffe bereit, mehr Verantwortung und einen größeren Anteil der Energieversorgung zu übernehmen? In welcher Form können sie dabei helfen, unsere Energieversorgung im Verkehrsbereich nachhaltiger und gerechter zu gestalten? Auch mit solchen Fragen beschäftigt sich die Shell-Studie zu Biokraftstoffen.

Auftraggeber und Verfasser der Biokraftstoff-Studie

Verfasser der Studie ist ein Team um den Chefvolkswirt von Shell Deutschland, Dr. Jörg Adolf, Fachleute des Heidelberger Instituts für Energie und Umweltforschung (ifeu) und des neu gegründeten Internationalen Instituts für Nachhaltigkeitsanalysen und -strategien (IINAS).

Shell ist international in mehrere Projekte zur Weiterentwicklung und Produktion von Biokraftstoffen involviert. Das größte Projekt ist hierbei das Raízen-Projekt in Brasilien. Bei dieser Biokraftstoff-Kooperation engagiert sich Shell mit der brasilianischen Cosan für die Herstellung von klimafreundlichem Bioethanol aus Zuckerrohr. Das Projekt wird wegen aufkommender Landkonflikte mit der indigenen Bevölkerung auch sehr kritisch betrachtet und Shell hat erst im Sommer dieses Jahres einen Vertrag unterschrieben, in dem sich das Unternehmen verflichtet, dass es kein Zuckerrohr für die Biokraftstoffherstellung verwendet, welches auf den Gebieten der Ureinwohner angebaut wurde.

„We want to be one of the world’s leading biofuels players.“ – Mark Gainsborough, Shell

Die Produktion des 2010 gegründeten Bioethanol-Unternehmens Raízen ist im internationalen Vergleich sehr hoch und übersteigt mit 1.6 Millionen Jahrestonnen sogar die Gesamtproduktion von Frankreich (1 Millionen Tonnen, 2010), welches die europäische Produktion anführt. Deutschland steht mit einer Produktion von 577.000 Tonnen Bioethanol im Jahr (Angaben des BDBe, 2011) an zweiter Stelle in Europa.

In dem folgenden Film stellt Mark Gainsborough (Executive Vize President Alternative Energies, Shell) die Rahmenbedingungen und Ziele vor, welche sich das Unternehmen mit dem Raízen-Projekt gesetzt hat.

Bei der Entwicklung von Biokraftstoffen der nächsten Generation könnte Shell als großer Marktteilnehmer der traditionellen Kraftstoffversorgung eine wichtige Rolle spielen. Vor allem im Bereich von BtL-Kraftstoffen sehe ich Shell als einen der vielversprechendsten Kandidaten weltweit. Shell war nicht nur an der Choren-Anlage (BtL-Biokraftstoffe) in Freiberg beteiligt, sondern ist auch Marktführer beim Betrieb von modernen GtL-Anlagen. So betreibt der international tätige Konzern die größte GtL-Anlage der Welt. Seit Mitte 2011 läuft in Katar die 18 Mrd. Euro teure Anlage Pearl GtL und stellt täglich aus 45 Millionen Tonnen Erdgas 22.000 Kubikmeter Flüssigkraftstoff her.

Shell ist also definitiv ein Marktteilnehmer, der über die finanziellen Mittel verfügt, um die Energiewende im Verkehrsbereich zu beschleunigen.

Zitate und Schlussfolgerungen der Biokraftstoff-Studie von Shell

Es folgen einige Zitate, welche erkennen lassen, welche Position die Shell-Studie zu Biokraftstoffen bezieht. Die Studie bezieht sich selbst auf zahlreiche vorangegangene Studien und greift auf die Ergebnisse des IPCC (2011), der IEA (2011), der Prognos AG (2009) und vieler Anderer zurück.

„Global bieten allein Reststoffe und degradierte Flachen ein Bioenergiepotenzial von 100 bis 200 Exajoule, das langfristig den kompletten Bedarf flüssiger Kraftstoffe decken konnte.“

Weiterhin heißt es in der Studie: „Die Energiewende ist beschlossen – und während Strom- und Wärmeerzeugung schon heute eine Vielfalt von Energieträgern zeigen und dort die erneuerbaren Energien schnell wachsen, stützt sich der Verkehr immer noch weitgehend auf einen einzigen flüssigen Energieträger: Erdöl. Wo also bleibt die Verkehrswende? Es wurde und wird viel über Elektromobilität, Wasserstoff usw. als Zukunftstechnologien diskutiert. Die wichtigste erneuerbare Energiequelle im Verkehr sind bislang aber Biokraftstoffe – sind sie die Lösung?“

„Global dominiert die Verwendung landwirtschaftlicher Biomasse für Futtermittel (74%), gefolgt von Nahrungsmitteln mit 18% sowie Energie- und Stoffnutzung mit jeweils rund 4%. Weltweit wird zurzeit 1% der landwirtschaftlichen Fläche für moderne Bioenergie genutzt.“

Die Kopplung der Biokraftstoff- und Futtermittelproduktion ist also möglich und sowohl bei der Herstellung von Biodiesel als auch Bioethanol ist die gekoppelte Produktion bereits Heute Realität.

„Biokraftstoffe können in Entwicklungsländern ohne eigene Ölressourcen helfen, bei steigenden Ölpreisen knappe Devisen einzusparen, denn Diesel ist dort in ländlichen Regionen sehr teuer. Damit würden Biokraftstoffe zur Modernisierung der Landwirtschaft und zum Einkommen – und damit auch zur Ernährungssicherung – beitragen.“

Für einen tieferen Einblick in die Erkenntnisse der Studie und die Stellungnahmen zu den Konflikten rund um Biokraftstoffe (Tank-oder-Teller, Abholzung von Regenwald etc.) empfehle ich den vollständigen Text.

Download der Shell-Studie zum Potential von Biokraftstoffen

Hier können Sie die vollständige Shell-Studie zu Biokraftstoffen (Download als PFD) herunterladen und sich tiefer mit den einzelnen Fakten und Argumenten auseinandersetzen. Die Studie umfasst 44 Seiten.

Fazit zur Biokraftstoff-Studie von Shell

Der ganze Tonfall der Biokraftstoff-Studie von Shell ist neutral und nimmt sowohl Risiken als auch Chancen von Biokraftstoffen ausgewogen ins Visier. Dass dieser konstruktive Ansatz nicht die Regel ist, zeigt die Bioenergie-Studie der Leopoldina, welche sich durch eine sehr einseitige und negative Stellungnahme in den vergangenen Monaten ins Gespräch gebracht hat.

Überraschend ist, dass die gelungene Shell-Studie zur flüssigen Bioenergie zu einer deutlich geringeren Resonanz in der Presse geführt hat und nicht annährend an das Presse-Echo zur Studie der Leopoldina heranreicht. Vielleicht lassen sich die leider etwas plakativen Forderungen der Leopoldina-Studie, zu einem so kompexen Thema wie der Bioenergie, leichter transportieren, als der differenziertere Ansatz der Shell-Studie. Oder es wird dem riesigen Mineralölkonzern nicht die gleiche Objektivität zugetraut, wie der führenden Nationalen Akademie der Wissenschaften in Deutschland.

Die Shell-Studie wurde von der Industrie finanziert und ist demnach auch stark an der Technologie und Ökonomie und weniger an der Ökologie von Biokraftstoffen orientiert. Herstellung und Verbrauch von Biokraftstoffen werden mit aktuellen Zahlen und Grafiken präsentiert und die einzelnen Typen von Biokraftstoffen vorgestellt. Das heißt aber nicht, dass die ökologische Komponente von Biokraftstoffen in der Shell-Studie nicht berücksichtigt wird. Dem Thema der ökologischen Nachhaltigkeit wird in der Studie ein hoher Stellenwert eingeräumt. Ich möchte keine einseitige Werbung für die Shell-Studie abliefern, aber wer sich tiefer mit den Pro-und-Contra-Argumenten zu Biokraftstoffen auseinandersetzen möchte, der findet in dieser eine interessante Zusammenfassung der aktuellen Biokraftstoff-Debatte.

Kritiker werfen den etablierten Mineralölunternehmen vor, dass sie einige sehr vielversprechende Biokraftstoffkonzepte in einem frühen Entwicklungsstadium aufkaufen, um sie dann besser unter Kontrolle zu haben und in Schubladen verschwinden/ „vergammeln“ zu lassen. Ob diese Projekte, die es gibt (!), tatsächlich mit einem zu geringen Tempo vorangetrieben werden oder einfach noch nicht bezahlbar sind, dass kann ich nicht beurteilen. Es steht aber fest, dass kein Unternehmen sein Kerngeschäft gefährden wird, um einem potentiellen Konkurrenten zu stark beim Markteintritt zu unterstützen. Dass die guten Gewinne des Erdölgeschäfts (Shell: 30 Mrd. US-Dollar Nettogewinn im Jahr 2011) nicht unnötig gefährden werden, kann man den Großen des Energiemarkts kaum vorwerfen.

Die Unterstützung von Biokraftstoffen durch die größten Unternehmen der Welt ist also ein zweischneidiges Schwert. Die veröffentlichte Shell-Studie sehe ich allerdings als differenziertes Bekenntnis des Global Players zu Biokraftstoffen. Etwas mehr Nachdruck bei der Entwicklung von Biokraftstoffen der folgenden Generation durch Shell, BP & Co würde ich mir als Bioenergie-Enthusiast natürlich wünschen. Und eine rechtzeitige Umorientierung auf die Kraftstoffe der Zukunft ist sicher auch für die Größten der Erdölbranche nicht uninteressant