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FechtenDie Stärken und Schwächen der nachwachsenden Bioenergie werden aus vielen Perspektiven beobachtet und seit der Nahrungsmittelpreiskrise 2007/2008 und der teilweise stattfindenden Regenwaldabholzung für die Gewinnung von Palmöl in Malaysia und Indonesien auch sehr kritisch hinterfragt. Bei der Analyse und Interpretation der Fakten vertreten die Wissenschaftler aktuell sehr unterschiedliche Ansichten. Während die Einen vor allem die Potentiale der Bioenergie sehen und die Entwicklung von Biokraftstoffen & Co unterstützen, fürchten andere die bestehenden Risiken und argumentieren gegen den Ausbau der Bioenergie. Eine am 26.Juli veröffentlichte Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina bringt neue Daten und Interpretationen auf den Tisch und befeuert die Bioenergie-Debatte in Deutschland mit ihrem sehr kritischen Ansatz weiter. In diesem Artikel stelle ich die Bioenergie-Studie der Leopoldina vor und ziehe als Bioenergie-Enthusiast ein kritisches Fazit.

Vorstellung der Bioenergie-Studie der Leopoldina

Unter dem Titel „Bioenergie – Möglichkeiten und Grenzen“ haben knapp 30 Wissenschaftler im Auftrag der Leopoldina eine Studie zur Bioenergie herausgegeben. In dieser sind sie den Potentialen von Biogas & Co. bei der Bewältigung der Energiewende und den klimatischen und ökologischen Risiken, bzw. Kosten,  der Bioenergie nachgegangen.

Die Kurzfassung der Studie umfasst 23 Seiten in deutscher Sprache und geht dabei auf folgende Punkte ein:

  • Verfügbarkeit und Nachhaltigkeit von pflanzlicher Biomasse als Energiequelle
  • Prozesse der Umwandlung von Biomasse in Brennstoffe
  • Biologische Prozesse zur Spaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff

Der Schwerpunkt der Studie liegt auf der Bioenergie-Situation in Deutschland, schließt aber auch die globale Perspektive mit ein. Die Studie konzentriert sich vor allem auf die ökologische Dimension („naturwissenschaftliche Aspekte“) der Bioenergie und lässt soziale oder ökonomische Aspekte weitgehend unbeachtet.

Da die Aussagen und Empfehlungen der Studie schwere Schläge gegen die gesamte Bioenergiebranche sind, möchte ich die Ergebnisse hier nicht unreflektiert aufzählen. Im anschließenden Fazit werde ich aber auf einzelne Punkte eingehen.

Hier finden Sie die Bioenergie-Studie der Leopoldina als Download.

Fazit und Kritik zur Bioenergie-Studie der Leopoldina

Da die Studie sehr kritisch mit der Bioenergie ins Gericht geht, habe ich in diesem Fall ebenfalls einen sehr kritischen Blick auf die Bioenergie-Studie geworfen. Ich sage es gleich vorne weg: Die Bioenergie-Studie der Leopoldina hat mich leider weitgehend enttäuscht und ich habe mir einen deutlich konstruktiveren Blick auf die Entwicklung der Bioenergie erhofft.

Einige naturwissenschaftlich gewonnene und von der Bioenergie-Studie präsentierte Daten sind interessant und fügen der Debatte zur Bioenergie neue Perspektiven hinzu. Ein Beispiel hierfür ist die differenzierte Nennung der Biomasse-Nettoprimärproduktion pro Landfläche (Wälder, Äcker, Wiesen etc.) in Deutschland. Auch beim Aufzeigen der Verfügbarkeit und der Nutzung von Biomasse in Deutschland stellt die Studie grundlegende Zahlen darüber vor, wie wir unsere wertvolle Landflächen und Böden in Deutschland nutzen. Andere Angaben der Bioenergie-Studie sind bereits länger bekannt und werden von ihr ausschließlich neu interpretiert. Ein Beispiel hierfür ist die negative Auswirkung des Düngereinsatzes auf die Klimabilanz der landwirtschaftlichen Produktion oder die Erwähnung, dass das dichtbesiedelte Europa auf Biomasse-Importe (Argentinien, Brasilien etc.) angewiesen ist.

Die Bioenergie-Studie hat zum Ziel, die ökologischen und klimaschützenden Auswirkungen der Energiegewinnung aus Biomasse zu prüfen und Verbesserungsvorschläge zu präsentieren. Das ist ein erstrebenswertes Ziel und sollte in der Unternehmensphilosophie vieler Energieunternehmen stehen. Aber warum benennt die Bioenergie-Studie der Leopoldina dann nicht auch die großen Anstrengungen und Erfolge, welche die Bioenergiebranche mit den Gesetzestexten zur Nachhaltigkeit von Biomasse (Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung, Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung) und den Anpassungen des Biomassehandels genau in diesem Bereich in den vergangenen Jahren umgesetzt hat. Ist das nicht wenigstens eine Erwähnung wert? Statt diese Entwicklungen zu würdigen, wird von der „Grundlage der Annahme“ gesprochen (Seite 4), dass Biokraftstoffe aktuell über 35 Prozent (zukünftig 50 Prozent, bzw. 60 Prozent) an THG-Einsparung verfügen. Das ist keine Annahme, sondern mittlerweile eine Voraussetzung für den Einsatz eines Biokraftstoffs in Deutschland!

Leider liest man als Bioenergie-Enthusiast von der Einleitung der Bioenergie-Studie an eine starke Voreingenommenheit der Studie bei der Ausdrucksweise und der Wahl der Argumente heraus. Sie setzt sich sehr direkt für ein mittelfristiges an den Rand drängen der Bioenergie ein und stärkt, nicht sehr versteckt, das mittelfristige Festhalten an fossilen Energieträgern, sowie den starken Ausbau der erneuerbaren Energieträger Photovoltaik und Windenergie. Einzig die Speicherbarkeit der Bioenergie (Kapazitätskredit, Seite 12) und die Bioenergie aus Abfällen ist der Studie eine teilweise positive Erwähnung wert, wobei diese Abschnitte leider seltene Ausnahmen bleiben.

Woran könnte das liegen?

Die Bioenergie-Studie ist, entsprechend der wissenschaftlichen Institution (Nationale Akademie der Wissenschaft) von der sie erstellt wurde, sehr forschungsorientiert und setzt bei ihren Empfehlungen sehr stark auf die Förderung von innovativen Technologien und Verfahren. Dazu zählen vor allem die Wasserstofftechnologie oder die Brennstoffzelle, etwas kürzer werden auch die Pyrolyse oder die Algenkultivierung aufgegriffen.

Einige dieser Technologien können auch für bioenergetische Konzepte oder von umgewandelten Bioenergieträgern (Beispiel: Biogas zu Biomethan zu Biowasserstoff) genutzt werden, funktionieren aber weitgehend auch ohne Biomasse als Energieträger. Seltsamerweise geht die Studie genau auf die Zukunftstechnologien die auf Biomasse basieren könnten nicht näher ein und zieht sich mit der Kritik aus der Verantwortung, dass diese Technologien noch sehr viel Zeit benötigen werden, bevor sie die großtechnische Anwendung erreichen. Bei der Herstellung von Wasserstoff durch Photovoltaik und Windenergie (letztlich Power-to-Gas Technologien) wird hingegen nicht erwähnt, dass auch diese Technologien noch viel Zeit und Kapital für Grundlagen- und Anwendungsforschung benötigen, bevor kommerzielle Anlagen dieser Art in Betrieb genommen werden können.

Biokraftstoffe für den Verkehrsbereich sind demgegenüber weitgehend unkomplizierte Drop-In-Lösungen, bei der man als Wissenschaftliche Akademie befürchten kann, dass nicht mehr viel Grundlagenforschung erforderlich ist. Ob das auch tatsächlich so sein muss, ist eine Frage, welche die Fachleute der Wissenschaftslandschaft in Deutschland beurteilen müssen. Es ist sicher etwas frech formuliert, aber sehr anwendungs- und realitätsbezogen sind die Empfehlungen der sehr wissenschaftlich orientierten Bioenergie-Studie in meinen Augen nicht.

Und vergessen wir nicht, dass es die Bioenergie der zweiten oder dritten Generation (Bioenergie aus Algen oder Abfällen, Pyrolysetechnologie etc.) sehr schwer haben dürfte, wenn wir die Unternehmen und die Marktstruktur der ersten Generation (und die damit verbundenen Arbeitsplätze und Existenzen) durch einseitig hohe Anforderungen aus dem Markt gedrängt haben und niemand mehr das nötige Kapital aufbringen kann oder möchte, um in Anlagen der nächsten Bioenergie-Generation zu investieren! Auch die langfristige Akzeptanz für jegliche Formen der Bioenergie wird durch die Aussagen der Bioenergie-Studie der Leopoldina stark gefährdet. In einem der nächsten Artikel wird es eine Presseschau geben, welche die Reaktionen auf die Studie in den auflagenstärksten Medien zeigt. Leider haben die meisten Magazine und Zeitungen die Empfehlungen der Studie weitgehend unreflektiert übernommen.

Letztlich ist die Studie auch ein Schlag gegen eine kooperative Stimmung innerhalb der Familie der erneuerbaren Energien und deshalb destruktiv für eine zügige Energiewende in Deutschland!

Wirtschaft, Wissenschaft und Politik müssen im Bereich Bioenergie noch enger zusammenarbeiten

Ein weiterer Kritikpunkt den ich anbringen möchte, ist die Weitläufigkeit der Aussagen die sich die Bioenergie-Studie der Leopoldina, offen gesagt, anmaßt. Wissenschaft sucht natürlich nach abstrakten und verallgemeinerbaren Theorien die eine langfristige Vorhersage von Systemen ermöglichen. Das ist auch gut so und vielfach sehr nützlich. Wir dürfen dabei aber nicht die getroffenen wissenschaftlichen Annahmen vergessen, welche in der Realität nicht zwangsläufig auftreten müssen. Auch die Berücksichtigung von jeglichen Anpassungsmöglichkeiten der Bioenergiebranche in der Praxis, bei auftretenden Konflikten oder Problemen, ist bei einer wissenschaftlich theoretischen Betrachtung nur sehr begrenzt möglich (Stichwort: Nachhaltigkeitszertifizierung für Biokraftstoffe).

Einige Zusammenhänge kann man wissenschaftlich Belegen oder sogar erst Entdecken, andere eben nicht. Die wissenschaftliche Methode hat auch Grenzen und denen sollte man sich bei einer Erstellung einer so vernichtenden wissenschaftlichen Studie auch bewusst sein. Und die pauschale Beurteilung darüber, ob die Bioenergie mehr Vorteile oder Nachteile hat und die Empfehlung darüber, ob der Ausbau der Bioenergie in Deutschland gefördert oder gestoppt werden sollte, kann meiner Meinung nach nicht die alleinige Aufgabe einer Studie sein, die sich auf die ökologischen und klimaschützenden Auswirkungen der Bioenergie konzentriert! Hierfür sind auch eine ganzheitliche moralische Debatte und die Berücksichtigung von ökonomischen und sozialen Faktoren nötig, in die viele Akteure der Gesellschaft einbezogen werden sollten. Die gesellschaftliche Entscheidung Pro- oder Contra-Bioenergie sollte  nicht ausschließlich auf der Analyse der ökologischen Dimension der Bioenergie beruhen.

In der Art, wie die Bioenergie-Studie andere Technologien fast schon überschwänglich lobt (Beispiel: Photovoltaik, Windenergie), vermute ich, dass der Ursprung für eine so pessimistische Grundeinstellung der Verfasser, gegen fast die gesamte heute am Markt bestehende Bioenergie, häufig auf eine grundlegende Ablehnung der Verbrennungstechnologie beruht. Diese Vermutung möchte ich aber nicht pauschalisieren. Die von einigen als zu schmutziger Weg der Energieerzeugung angesehene Verbrennungstechnologie wird früher oder später sicher im Museum der Energieversorgungstechnologien zu finden sein, aber für die kommenden Jahrzehnte ist sie für eine bezahlbare und somit sozial vertretbare Energieversorgung alternativlos.

Inhaltliche Ergänzung der Aussagen der Bioenergie-Studie

Auch wenn ich es nicht unbedingt für nötig halte, weil auf BiomassMuse regelmäßig ein alternativer Blick auf Biogas und Biokraftstoffe geworfen wird, möchte ich noch etwas stärker auf einige konkrete Aussagen der Bioenergie-Studie der Leopoldina zu sprechen kommen und vorhandene Schwächen aufzeigen.

Die Studie nennt die Reduktion von CO2-Emissionen als ein Hauptmotiv der Verwendung von Bioenergie. Das stimmt, aber der Beitrag zum Klimaschutz ist eben nur eines von mehreren Motiven, wobei die Bioenergie-Studie der Leopoldina sich sehr stark (für mich zu stark) auf diesen Punkt fokussiert. Der Ursprung für die Nutzung der Bioenergie in den 1970igern liegt in der Stärkung der Unabhängigkeit vom knapper werdenden Erdöl und die Klimaschutz-Debatte kam erst mit der Jahrtausendwende hinzu. Ein Beitrag zum Klimaschutz ist somit ein wichtiges, aber eben nur ein Ziel (und Vorteil) bei der Nutzung der Bioenergie. Ein Beziehen auf diesen einen Punkt kann deshalb nicht in so drastischen Empfehlungen enden, wie es bei der Bioenergie-Studie der Leopoldina der Fall ist!

Die Bioenergie-Studie spricht außerdem davon, dass die CO2-Kosten für die Gewinnung der Bioenergie in einigen Fällen so hoch sind, dass sie die CO2-Einsparung komplett aufhebt. Das stimmt, aber es ist eine Aussage, die erstens für viele Erzeugungswege von fossiler oder erneuerbarer Energie gilt und zweitens völlig unbeachtet lässt, dass der Großteil der Erzeugungspfade der Bioenergie eine deutlich bessere CO2-Bilanz hat, als die fonsatzssilen Energieträger Erdöl und Kohle. Ich denke es ist nicht zuviel verlangt, dass eine Studie, die mit so vielen negativen Fakten sehr schnell unterwegs ist, auch einige positive Fakten herausstellt – und damit meine ich nicht nur die Bioenergie aus Abfällen. Die Studie argumentiert, dass diese Betrachtung der CO2-Einsparung häufig falsch ist (Düngereinsatz und Nährstoffauswaschung), aber es gibt eben auch zahlreiche Studien, die der Leopoldina in diesem Punkt wiedersprechen.

Dann geht die Studie natürlich auch auf das Thema Hunger durch Bioenergie und die Tank-oder-Teller-Debatte ein, ohne dabei zu erwähnen, dass der Einsatz von Biokraftstoffen und Bioenergie auch einen starken Anstieg der globalen landwirtschaftlichen Produktion und die Lösung vieler Hungerprobleme fördern kann. Bioenergie ist die einzige regional verfügbare Energiequelle mit der schon heute Traktoren oder Mähdrescher betrieben werden können, ohne dass man auf das, nicht immer bezahlbare, Erdöl angewiesen ist. Entwicklungsländer können bei allen Risiken auch stark von der Bioenergie profitieren. Nicht umsonst setzen viele Staaten des afrikanischen Kontinents auf den Ausbau der Bioenergie. Auch wenn es bei solchen Betrachtungen nicht um Deutschland geht, kann man bei den Internationalen Rückschlüssen welche die Bioenergie-Studie der Leopoldina häufig zieht, diese positiven Potentiale nicht außer Acht lassen.

Die Bioenergie-Studie der Leopoldina enthält zahlreiche weitere Punkte die man kritisch betrachten kann. Aber der Artikel ist auch jetzt schon sehr lang und bei Interesse können weitere Punkte gerne in den Kommentaren ausdiskutiert werden. Außerdem sind einige Schlussfolgerungen so verallgemeinernd, dass die Aufdeckung aller Schwächen der Studie ein sehr langwieriger und in meinen Augen wenig hilfreicher Prozess wäre.

Eine abschließende Frage ist, warum die vollständige Fassung einer so kritischen Studie zur Bioenergie in Deutschland eigentlich ausschließlich in englischer Sprache erscheint? Wenn man die Branche schon so scharf kritisieren muss, dann sollte man das wenigstens in der Sprache tun, welche jedem leicht zugänglich ist und die Menschen, welche am meisten von den Auswirkungen der Studie betroffen sind, auch erreicht. Ich sehe die englische Langfassung nicht als Öffnung für die internationale Debatte, sondern eher als Verstecken vor den heimischen Kritikern.

Die Suche nach dem richtigen Umgangston für die nationale Energiewende

Der gesamte Tonfall der Bioenergie-Studie der Leopoldina ist von der Einleitung an sehr negativ und pessimistisch gegenüber der Bioenergie und entspricht meinem Empfinden nach nicht der neutralen kritischen Einstellung, welche ich mir von einer wissenschaftlichen Studie gewünscht hätte. Die Studie wirft den vorrangegangenen Studien zur Bioenergie eine zu optimistische Herangehensweise vor, worauf ich nur antworten kann, dass sie selbst ein Paradebeispiel für eine sehr pessimistische Grundeinstellung ist.

Kritik ist wichtig, aber eine zu pessimistische und in meine Augen voreingenommene Studie ist wenig hilfreich beim Entwickeln von Lösungen für eine langfristig erfolgreiche Energiewende. An der Suppe die wir uns mit dem mutigen Angehen der Energiewende eingebrockt haben, müssen wir noch sehr lange essen, weshalb sie wenigstens ein bisschen schmackhaft sein sollte – aktuell sehe ich eher, dass wir mit zu viel Pfeffer und Salz das ganze Projekt verderben. Das sollten wir ändern! Und ein Wechsel des Umgangstons fängt bei jedem einzelnen Akteur an, der an der Gestaltung der Energiewende beteiligt ist! Was denken Sie?