0 Flares Twitter 0 Facebook 0 Google+ 0 Email -- 0 Flares ×

Foto KarusselWarum ist der Besuch von Messen oder Konferenzen so spannend? Unter anderem doch deshalb, weil man einen Blick in die Welt von Morgen geboten bekommt. Auch wenn es sich dabei nicht um ein eindeutiges Bild von den kommenden Entwicklungen handelt, fächert sich doch vor den Augen des Messebesuchers ein buntes Spektrum an innovativen Ideen und Möglichkeiten auf. In Gesprächen mit einzelnen Unternehmen über Technologien, vielversprechende Neuerungen oder überwundene Hindernisse flirteten auf der ACHEMA auch die Biokraftstoffe von Morgen mit mir und haben für ihre Annahme geworben. Deshalb war der Besuch der alle 3 Jahre stattfindenden ACHEMA in Frankfurter am Main ein inspirierender Moment, den ich gerne mit Ihnen teilen möchte.

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass uns etwas mehr Mut und Offenheit zum kollektiven Träumen bei der Energiewende gelegentlich nicht schaden würde, teilt nicht jeder das fast schon romantische Ideal eines Messebesuchs. Der Artikel zur ACHEMA bietet deshalb vor allem die Hard Facts zu anwesenden Biokraftstoff-Projekten und einen kleien Ausblick zu aktuellen Entwicklungen von Biokraftstoffen der nächsten Generation.

ACHEMA 2012 in Zahlen

Die ACHEMA 2012 fand zwischen dem 18 und 22 Juni in Frankfurt am Main statt und gehört weiterhin zu den größten Messen für die Branchen Chemie, Verfahrenstechnik und Biotechnologie weltweit. Schwerpunktthemen 2012 waren dabei Energie und BioÖkonomie.

In diesem Jahr haben den Angaben der Veranstalter entsprechend 167.000 Besucher und über 3.700 Aussteller ihren Weg auf die ACHEMA gefunden. Dabei stammen die Aussteller mittlerweile zu 50 Prozent aus dem Ausland und repräsentierten bei der diesjährigen ACHEMA 56 Nationen. Außerdem wurden auf dem parallel zur Ausstellung stattfindenden Kongress 900 Fachvorträge abgehalten. „Zu den Spitzenreitern zählten dabei Vorträge zur Energiegewinnung und -speicherung und zur Biomassenutzung“, wie dem Resümee der Veranstalter zum Ende der ACHEMA zu entnehmen ist.

Die Veranstalter sprechen von einer deutlich erfolgreicheren Messe als 2009 und sogar von einer erfolgreicheren als 2006 vor dem Beginn der Krise.

Aber welche Entdeckungen gab es auf der ACHEMA 2012 in Bezug auf die Bioenergie?

Foto einer Biokraftstoff-Anlage aus Lego zum TMFB

Lego-Prozessmodell zum TMFB zeigt die einzelnen Prozessschritte von der Biomasse bis zum Biokraftstoff

 

Tailor-Made Fuel from Biomass (TMFB)

Auf BiomassMuse wurden schon mehrere große Forschungsprojekte der vergangenen Jahre zum Thema Bioenergie vorgestellt (siehe BioBoost und COACH Bioenergy). Das Projekt Tailor-Made Fuels from Biomass (TMFB), welches sich auf der ACHEMA präsentierte, reiht sich wunderbar in die Reihe der vorgenannten Bioenergie-Forschungscluster ein und setzt bei der medienwirksamen Präsentation sogar noch neue Maßstäbe. So bekommt man beim Besuch des TMFB-Standes auf der ACHEMA sogleich einen sehr anschaulichen, 140 Seiten umfassende Status Report 2007 – 2011 dazu, in dem auch jedes Teilprojekt des Biokraftstoffclusters, der jeweilige Projektleiter und die schon erreichten Ziele vorgestellt werden.

Wie der Name des 2007 an der RHTW Aachen ins Leben gerufene Exzellenzcluster schon vermuten lässt, nutzen die Wissenschaftler ihr geballtes Wissen und ihre gute Vernetzung mit renommierten Universitäten (Yale, MIT, Notre Dame etc.) und Unternehmen (Daimler, Volvo, Volkswagen, Bayer, BP, Shell etc.) weltweit, um die verbesserten Biokraftstoffe der kommenden Generation mit wissenschaftlicher Präzision zu schneidern.

Die folgende Grafik zeigt den beeindruckend komplexen Ansatz der für den Forschungscluster und die Entwicklung der innovativen Biokraftstoffe gewählt wurde.

TMFB Grafik zeigt Aufbau Forschungsprojekt

Inhaltliche Struktur des TMFB Exzellenzclusters für Biokraftstoffe

Diese ganzheitliche Struktur des TMFB über die gesamte Wertschöpfungskette der Biokraftstoffproduktion erinnert an den Aufbau einer Bioraffinerie und zeigt, dass man auch hier der Aussage von Aristoteles „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ folgt. Aristoteles zählt immerhin als Begründer der Wissenschaftstheorie.

Hier finden Sie den Download einer Informationsbroschüre und einen Film zum TMFB, welche einen Einstieg und Überblick für das ambitionierte Biokraftstoffunterfangen bieten.

 

Eine gute Nachricht zum Schluss: Mitte Juni hatten die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat bekanntgegeben, dass der Exzellenzcluster TMBF auch für weitere 5 Jahre gefördert wird.

Sunliquid Demonstrationsanlage für Zellulose Ethanol eröffnet in Straubing

Die Herstellung von Biokraftstoffen der nächsten Generation ist das Ziel vieler Unternehmen weltweit und es gibt zahlreiche Konzepte für nextgen Biokraftstoffe, die preiswerter in der Herstellung sind, weniger mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren und noch effektiver zum Klimaschutz beitragen.

CHOREN, der größte Hoffnungsträger für marktfähige Biokraftstoffe der 2. Generation in Deutschland, musste leider im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden. Auch ein Jahr nach der Insolvenz sind mir die wirklichen Gründe dafür nicht klar (kurzfristige Finanzierungsprobleme leuchten mir zumindest nicht ein). Aber das Konzept hatte von Anfang an auch scharfe Kritiker.

Eine Anlage zur Herstellung von Zellulose-Ethanol (Bioethanol) in Straubing, soll die Biokraftstoffe der Zukunft nun auch in Deutschland wieder auf die Siegerstraße führen. Man kann leider nicht sagen, dass Biokraftstoffe aktuell ein Lieblingskind der deutschen Autofahrer sind und die Meisten werden sich an die problematische Einführung von E10 Anfang 2011 erinnern. Von den zahlreichen Rückschlägen der vergangenen Jahre erholt sich die Branche nur langsam.

Das schweitzer Unternehmen Clariant hat im Jahr 2011 das deutsche Chemie-Unternehmen Süd-Chemie übernommen, wozu auch das Konzept zur Herstellung des Zellulose Ethanols SunLiquid aus Agrarreststoffen (Stroh) gehört. Der neue Mutterkonzern Clariant verzeichnet mit seinen weltweit 22.000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa 6 Milliarden Euro und hat sich mit der Weiterführung des SunLiquid-Projekts auch zu diesem innovativen Geschäftsfeld bekannt.

Eine erfreuliche Nachricht ist, dass fast auf den Tag genau 1 Jahr nach Baubeginn für die größte Anlage zur Herstellung von Zellulose Ethanol in Deutschland, diese Demonstrationsanlage am 20.07.2012 auch in Betrieb gehen wird. Über das SunLiquid-Konzept und die neue Anlage wurde bereits in einem älteren Artikel berichtet.

Bau der größten Anlage zur Herstellung von Zellulose Ethanol in Italien

Auch wenn es für die Herstellung von Zellulose Ethanol bereits größere Anlage in Europa gibt, als die in Betrieb gehende Anlage in Straubing, ist das Konzept der Süd-Chemie ein Leuchtturmprojekt für Biokraftstoffe der nächsten Generation in Deutschland.

Einige Konzepte aus Dänemark, einem der führenden Länder in diesem Bereich, wurden in dem Artikel über den Innovationsmotor Dänemark für die Entwicklung von Biokraftstoffen der kommenden Generation vorgestellt. Vor allem die aktuell noch größte Anlage weltweit, welche von Inbicon im dänischen Kalundborg betrieben wird, soll hier genannt werden und bringt es auf eine Jahreskapazität von 5.4 Millionen Litern an Zellulose-Ethanol.

Das italiniensche Unternehmen M & G geht noch einen Schritt weitere und hat im April 2011 mit dem Bau der größten Zellulose-Ethanol-Anlage der Welt in Crescentino begonnen und plant die Inbetriebnahme ebenfalls noch in diesem Jahr. Für die Anlage, welche eine Jahresproduktion von 50 Millionen Litern haben wird, arbeiten die Italiener mit dem dänischen Unternehmen Novozymes zusammen.

Außerdem erwarten die Bioenergie-Enthusiasten, dass die US-amerikanischen Unternehmen Abengoa, Coskata, Mascoma und POET ihre Produktionsanlagen zur Herstellung von Zellulose Ethanol im Zeitraum 2013 – 2014 in Betrieb nehmen und dabei die Jahreskapazität von 50 Millionen Litern jeweils noch übertreffen werden.

Es bleibt also sehr spannend im heiß umkämpften Wettkampf für die Herstellung von Biokraftstoffen der kommenden Generation, welche mit zahlreichen Verbesserungen glänzen. Die ACHEMA 2012 hat gezeigt, dass Deutschland mittelfristig wahrscheinlich nicht zu den führenden Nationen für die Herstellung von Biokraftstoffen der kommenden Generation gehören wird, sich aber trotzdem intensiv an der Forschung & Entwicklung beteiligt. Und wer weiß, wenn sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Biokraftstoffen in Deutschland wieder etwas wandeln wird, werden wir vielleicht auch hierzulande bald weitere Pläne für die Herstellung von verbesserten Biokraftstoffen vernehmen – das Karussell dreht weiter.

Vielen Dank an Paintthemoon.net für das Foto zu Beginn des Artikels.