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Ethanol E10 Benzin-Gipfel Tankstelle Verträglichkeit Biokraftstoff MotorschadenSeit Anfang Februar wird vor allem an Tankstellen im Süden und Osten Deutschlands das Biokraftstoffgemisch E10 angeboten. Die geplante Einführung seit Anfang 2011 hat, harmlos gesprochen, nicht gerade reibungslos funktioniert. Mittlerweile ist den Diskussionen um die E10-Einführung leider jeglicher Humor abhanden gekommen und es werden teilweise sogar wieder die alten Dämonen der Biokraftstoff-Branche, wie beispielsweise die „Teller-und-Tank“-Diskussion, herausgekramt. Welche Probleme und Lösungsansätze gibt es bei der Einführung von E10?

E10 – ein euphorischer Sprung ins unbekannte Gewässer?

Vielleicht zu hochgejubelt und auf die leichte Schulter genommen, wurde Anfang des Jahres der Biokraftstoff E10 mit 10% (Bio)-Ethanol-Anteil, an deutschen Tankstellen eingeführt. Laut öffentlichen Angaben vertragen 90 % aller Fahrzeugmotoren den neuen Kraftstoff problemlos, während die verbleibenden 10 % selbst bei einmaligem Tanken Probleme mit dem Motor bekommen können.

Eine sehr beruhigende Angabe, wenn man sein Auto z.B. täglich im Beruf benötigt. Besonders dann, wenn das eigene Auto schon mal in der Werkstatt war und eventuell einige Motorteile ausgetauscht wurden, die dann wieder nicht E10 tauglich sein könnten. Auch die Handhabung der Haftungsfrage für eventuelle Motorschäden durch das Tanken von E10 bei möglichen Fehlangaben in den Verträglichkeits-Listen ist ungewiß. Alles in allem eine unbefriedigende Ausgangslage, die von den meisten beteiligten Parteien scheinbar unterschätzt wurde.

So wird von den meisten Autofahrern aktuell das im Durchschnitt 8 cent teurere „Super“ bevorzugt. Der E10 Blend sammelt sich an den Tankstellen an, während „Super“ wahrscheinlich bald zu horrenden Preisen auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden kann.

Die Suche nach Schuldigen

Die Raffinerien beginnen ihre E10-Produktion herunterzufahren und die Ausweitung des E10-Einführungsgebiets auf weitere Tankstellen in der Republik wird vorerst gestoppt. Es ist ein wirtschaftlicher Schaden entstanden und es wird nach Schuldigen gesucht. Der schwarze Peter, wer schuld an dem Schlammassel ist, wird dabei aktuell noch hin- und hergeschoben. Ich kann die Emotionen verstehen, aber ein Image-Schaden wird vermutlich vor allem für den Kraftstoff E10 oder sogar die Biokraftstoffe an sich zurückbleiben.

Es hätten sicher alle Beteiligten etwas mehr tun können, um dem neuen Kraftstoff einen entspannteren Eintritt in seine Tankstellen-Laufbahn zu ermöglichen. Die Suche nach einem Schuldigen hilft in der aktuellen Phase jedenfalls nur den Kritikern der Biokraftstoffe.

Am Dienstag wird es dann den Benzin-Gipfel zum Thema E10 geben, auf dem geklärt werden soll, welche Maßnahmen ergriffen werden.  Es wäre erfreulich, wenn sich der Benzin-Gipfel nur am Rande mit der Suche nach Schuldigen befasst und stattdessen seine geballte Kompetenz darauf konzentriert, rasche und trotzdem durchdachte Lösungsmaßnahmen zu entwickeln und einzuleiten.

Um die Dramatik noch etwas zu steigern, melden sich JETZT sogar noch einige Fahrzeughersteller und geben an, dass sich durch den Einsatz von E10 auch weitere Veränderungen für die Verbraucher ergeben könnten. So könnte es eventuell nötig werden, durch den höheren Anteil an Alkohol im Tank, auch die Ölwechsel-Intervalle zu verkürzt.

War die Einführung des Biokraftstoffgemischs überstürzt?

Wenn man die Auswirkungen betrachtet, die wir aktuell rund um die Einführung des E10-Kraftstoffs erleben, muss man diese Frage sicher mit „Ja“ beantworten. Ich würde aber sagen, dass die Einführung vom Zeitpunkt her nicht überstürzt war, sondern einfach einer umfangreicheren Planung bedurft hätte. Deutschland strebt mit der Einführung des E10 Kraftstoffs letztlich nur die Umsetzung gemeinsam gesteckter Ziele innerhalb der Europäischen Gemeinschaft an.

Die im Jahr 2003 veröffentlichte „EU-Biokraftstoffrichtlinie“ (2003/30/EG) beschreibt den Umgang mit Biokraftstoffen in Europa. Sie wurde 2009 durch die „Erneuerbare-Energien-Richtlinie“ der EU (2009/28/EG) ergänzt und soll 2012 vollständig durch diese ersetzt werden. Es bestand, wie üblich, die Möglichkeit die EU-Richtlinie in angepaßter Form in nationales Recht umzusetzen.

Diese Möglichkeit hat Deutschland wahrgenommen und bereits 2009 die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung erlassen. Als verbindliches Ziel wurde in dieser, wie in der europäischen Richtlinie auch, ein Anteil von 10% Biokraftstoffen bis zum Jahr 2020 festgelegt.

Für das Erreichen der europäischen Klimaziele musste also auch Deutschland handeln. Ob aber eine Einführung von E10 in 2 Jahren auch noch gereicht hätte, ist mühselig zu beantworten. Fakt ist, dass eine bessere Planung nötig und wahrscheinlich auch möglich gewesen wäre.

Mehr Aufklärung und Absprache mit den Verbrauchern vor dem In-Verkehr-Bringen von E10, etwas mehr begleitende Informationen an den Tankstellen nach der Einführung und natürlich handfeste Studien über die genauen Auswirkungen von E10 auf die verschiedenen Modelle hätte viele Überraschungen sicher vorweggenommen. Außerdem hätte man mit einem kleineren Einführungsgebiet anfangen können, um die aktuell auftretenden logistischen Probleme einzudämmen.

Aber hinterher ist man immer schlauer und jeder hätte es natürlich besser gemacht!

Biokraftstoffe sind weder „Öko-Engel“ noch „Hunger-Teufel“

Es ist sehr schade, dass auf Grund der Einführungsprobleme von E10 und dem damit verbundenen Frust auch gleich wieder die Biokraftstoff-Kritikpunkte hochkochen, die gar nichts mit den aktuellen E10-Problemen zu tun haben.

Meinungen, die so undifferenziert über ein so vielversprechendes Thema wie Biokraftstoffe urteilen, müssen einen als „Freund der Biokraftstoffe“ einfach ärgern. Das gilt besonders dann, wenn allgemeine Urteile für ALLE Biokraftstoffe gefällt werden. So ist der Klimawandel oder das Aufstellen einer Ökobilanz ein so komplexes Feld, dass selbst Wissenschaftler eingestehen, dass die Ergebnisse ihrer Klimamodelle nur unter ganz bestimmten Randbedingungen Gültigkeit besitzen.

Besonders schmerzhaft sind Vorwürfe, dass Biokraftstoffe zur Abholzung der Regenwälder führen und den Hunger in der Welt ausweiten. Wenn man dann noch verfolgt hat, wie intensiv sich die Biokraftstoff-Branche in den letzten Jahren mit diesen Kritikpunkte beschäftigt und Maßnahmen zur Beseitigung jedes einzelnen getroffen hat, dann können undifferenzierte Artikel über die „bösen Biokraftstoffe“ auch nicht mehr mit der Liebe für den Planeten oder den Menschen in Entwicklungsländern gerechtfertigt werden. Kritik ist wichtig und teilweise sicher gerechtfertigt, aber Biokraftstoffe als Sündenbock für alle Übel der Welt anzuklagen, löst kein einziges dieser Probleme.

Welche häufigen Kritikpunkte gegenüber Biokraftstoffen gibt es?

1. Biokraftstoffe sind verantwortlich für die Abholzung der Regenwälder

Bis zu einem gewissen Grad stimmt das leider. Aber selbst Palmöl, welches immer als wichtigstes Produkt für diesen Kritikpunkt angeführt wird, wird „nur“ zu etwa 5% für die Herstellung von Biodiesel genutzt. Der überwiegende Teil des Palmöls geht in die Herstellung von Kosmetika und Margarine. Und nicht jedes Palmöl aus Malaysia oder Indonesien wird auf Flächen angebaut, welche vorher mit Regenwald bewachsen war.

Außerdem wurden und werden aufwendige Zertifizierungsverfahren entwickelt und seit kurzem angewendet (siehe Artikel zu Zertifizierungssystemen für Biomasse), welche auf so hochwertigen Flächen gewonnene Biomasse für die Nutzung von Biokraftstoffen ausschließt (zumindest in Europa).

2. Biokraftstoffe sind verantwortlich für steigende Lebensmittelpreise und den Hunger in der Welt

Dass der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen auf Grund der Flächen- und Nutzungskonkurrenz für Nahrungsmittel auch zum Anstieg der Lebensmittelpreise beiträgt, kann man nicht bestreiten, aber der wichtigste Grund für den Preisanstieg für Nahrungsmittel ist das rasante Wirtschaftswachstum in Ländern wie Indien und China, durch welchen auch die Nachfrage nach Lebensmitteln wie Mais, Weizen und Reis in die Höhe geschossen ist.

Außerdem profitieren Entwicklungsländer teilweise auch von den breiteren Einsatzmöglichkeiten der Biomasse und haben für ihre häufig großen Anbauflächen weitere Absatzmärkte hinzugewonnen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Biomasse für viele Regionen in Entwicklungsländern die einzig bezahlbare Kraftstoffquelle überhaupt ist – gerade bei steigenden Ölpreisen! Auch die energetische Erschließung dezentraler Regionen wird häufig erst durch die Bioenergie möglich.

Um die wirtschaftliche Wechselwirkung von Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen aber noch weiter zu verstärken, wird außerdem die Erforschung und Entwicklung von Biokraftstoffen der 2. und 3. Generation intensiv vorangetrieben. So ist beispielsweise die Erzeugung von Bioethanol aus nicht eßbaren Pflanzenbestandteilen (siehe Artikel Cellulose-Ethanol) ein wichtiger Schritt, um die Konkurrenz von Biokraftstoffen und Nahrungsmitteln einzuschränken.

3. Biokraftstoffe haben eine schlechtere Ökobilanz als fossile Kraftstoffe

Das Argument, dass Bioenergie eine schlechtere CO2-Bilanz als fossile Energieträger hat,  finde ich ziemlich vermessen. Sicherlich stimmt die Aussage für den Anbau einiger Biomassen (z.B. beim Gründlandumbruch), ist als verallgemeinerte Aussage für alle organischen Einsatzstoffe und Bioenergieträger aber nicht haltbar.

Die Berechnung der Ökobilanz von Biokraftstoffen kann, wie übrigens bei allen anderen Energieformen auch, teilweise sehr schwierig sein, da über die gesamte Produktionskette bis hin zum Verbrauchsort viele verschiedene Technologien kombiniert werden und Langzeitfolgen und Materialeinsatz oft schwierig zu berücksichtigen sind.

Trotzdem hat die Herstellung von Biokraftstoffen teilweise natürlich auch negative ökologische Auswirkungen (z.B. bei Mais-Monokulturen), welche erkannt und gebannt werden müssen.

Auch wenn Biokraftstoffe in den letzten Jahren vor allem als Klimaschützer angetreten sind, sollte man sie nicht nur wegen ihrer ökologischen Auswirkungen beurteilen. Biokraftstoffe und andere Bioenergieträger haben weit mehr Vorteile gegenüber vielen fossilen Energieträgern, als „nur“ eine andere Ökobilanz (siehe Artikel über die Vorteile der Bioenergie). Besonders hervorzuheben sind hierbei eine größere Unabhängigkeit vom Erdöl und das Verlagern vieler Wertschöpfungsketten und Arbeitsplätze an den Ort, an dem die nachwachsenden Rohstoffe angebaut und im Idealfall auch verbraucht werden.

Fazit

Ohne zu moralisierend zu sein, sollte sich doch jeder selbst die Frage stellen, ob er eine größere Unabhängigkeit vom Erdöl unterstützen möchte und welche persönlichen Opfer er bereit ist, für diese Entwicklung aufzubringen. Welcher gemeinsame Weg dabei gegangen wird, sollte öffentlich diskutiert werden. Ein Weg die wirtschaftlichen und ökologischen Potentiale von Biokraftstoffen zu realisieren, muss in einem gemeinsamen und differenzierten Dialog gefunden werden.

Jede Veränderung unserer Energiewirtschaft hat Auswirkungen auf unsere Umwelt und nicht jede davon wird positiv sein. Auch die Einführung von E10 wird nicht absolut und für jeden nur Vorteile haben. Trotzdem bleibt Erdöl, bezogen auf menschliche Zeithorizonte, vorerst eine nicht nachwachsende Ressource und ist ENDLICH. Deshalb müssen Alternativen gefunden werden, da wir sonst weit größere Veränderungen für unsere Lebensweise erwartet müssen.