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Dass Reformen zum gesellschaftlichen Erdöl-Entzug, sowie die Bemühungen zum Klimaschutz und der Energiewende auch sehr unbequem sein können, wird vor allem den aktiven Akteuren immer schmerzhafter bewusst. Zwar unterstützt die deutliche Mehrzahl der Deutschen (93 Prozent) das Ziel der Energiewende und den Ausbau der erneuerbaren Energien, unbequem und zäh sind die auf dem Weg liegenden Maßnahmen aber trotzdem. Die niedrig hängenden Früchte sind gepflückt und das Betreten der Leiter für weitere Erfolge ist herausfordernd und erfordert größere persönliche Opfer. Forderungen nach Verzicht und Fasten machen nehmen zu. Aber „das Erste was man bei einer Abmagerungskur verliert, ist die gute Laune“, Der meinte schon der Schauspieler Gert Fröbe.

Akzeptanz erneuerbare energien energiewende Deutschland 2013

Bei der Bundestagswahl wurden die Grünen auch deshalb abgestraft, weil sie von einigen Bürgern als zu fordernd oder bevormundend wahrgenommen wurden (Stichwort: Veggie-Day). Wer möchte sich schon gerne vorschreiben lassen, wie viel Fleisch er pro Woche zu essen hat. Von einem Arzt vielleicht, aber von der Politik?

Erdöl-Fasten ist nichts für Feiglinge!

Der persönliche Erdölverbrauch (Erdölkonsum) von etwa 4 Liter pro Tag und Einwohner in Deutschland kommt etwas versteckter daher als das lieb gewonnene Wiener Schnitzel auf dem Mittagsteller. Spätestens an der Tankstelle trifft man als Autofahrer aber die Entscheidung, ob man fossile oder regenerative Kost für seinen Wagen bevorzugt. Wie viel Veggie darf’s denn heute sein? Leider ist die heutige Auswahl zum Tanken von vegetarischen Kraftstoffen deutlich limitierter als die vegetarische Karte vieler Restaurants. An den meisten Tankstellen in Deutschland ist eine Tankfüllung mit 10 Prozent Biosprit das Maximum der Wahlfreiheit. Ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen fossil und regenerativ würde uns sicher nicht schaden.

Die Probleme bei der Einführung vom Biosprit E10 im Februar 2011 haben aber auch gezeigt, dass viele Autofahrer die Diät ihres Motors nicht leichtfüßig umstellen. Warum ein Risiko eingehen, wenn es bisher tadellos funktioniert hat? Das erinnert an den Slogan eines Stickers, welcher das Gehäuse mancher Computer schmückt: Never change a running system!

Never change a running system

Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Unannehmlichkeiten und Risiken nimmt man für einen zu erwartenden Fortschritt in Kauf? Naheliegend ist, dass man sich für diese Entscheidung in den Status Quo einfühlt und diesen dann mit dem erhofften Zustand nach dem Wandel vergleicht.

Was ist mit den Momenten, in denen man sich als Autofahrer über die Preisanstiege für fossile Kraftstoffe ärgert. Diese werden wahrscheinlich nicht seltener werden und wie jede Abhängigkeit hat auch die vom Erdöl ihren Preis. Ein rationaler Umgang mit der Tatsache des endlichen Erdöls und den daraus resultierenden Konflikten ist möglich.

  1. Wie viele Jahre werde ich noch Auto fahren?
  2. Wie stark wird der Erdöl-Preis in dieser Zeit noch ansteigen?
  3. Kann ich diese Preisanstiege an der Zapfsäule akzeptieren und mit dem Ärger über diese zufrieden leben?

Ein Umgang mit dem Konflikt, der nicht über die eigene Lebensgrenze hinaus kalkuliert, aber die Freiheit/ Verantwortung über diese Entscheidung kann einem keiner nehmen. Es ist empfehlenswert, bei der wenig nachhaltig gedachten Herangehensweise nicht an die Momente zu denken, wenn die Enkel einen fragen: Wie viel hast du unternommen, um den Klimaschutz zu Beginn des Jahrhunderts voranzutreiben? Ich kann es einfach nicht mehr hören, dieser nervige Klimawandel, der will einfach nicht verschwinden. Als wäre der Alltag nicht schon hart genug und Klimaschutz bringt sowieso nichts. Und wer will mir eigentlich vorschreiben, wie viel Fleisch ich zu essen habe…lassen wir das.

Mit ihrem appellierenden Wahlkampf konnten sich die Grünen bei der diesjährigen Bundestagswahl einzig in einem von 299 Wahlbezirken mit einem Direktmandat durchsetzen. Das bestätigt erneut, dass die meisten Bürger keine Vorschriften über die richtige Lebensweise möchten. Unter dieser Perspektive betrachtet, ist dieser Artikel wahrscheinlich ebenfalls „zu grün“. Ein kleines bisschen stolz bin ich aber trotzdem, dass ich diesen grünen Farbtupfer der Republik auch meinen Kiez nennen darf. Meinen Glückwunsch an Hans-Christian Ströbele, der den politischen Wettstreit um den Wahlbezirk Friedrichshain-Kreuzberg bereits zum 4 Mal für sich entscheiden konnte.

Berlin Marathon 2013

Die ganzheitliche Energie- und Rohstoffwende ist ein Marathon

Unter anderem durch den Wahlbezirk von Herr Ströbele führt heute der 40. Berlin-Marathon. Und entgegen dem was man so erwarten könnte, wenn man an das Interesse zur Teilnahme an einem 42,195 km Langstreckenlauf über Asphalt denkt, waren die 40.000 Tickets innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Und dabei zahlen die Teilnehmer noch rund 100 Euro, um an dem Kampf mit dem inneren Schweinehund teilnehmen zu dürfen.

Auch die ganzheitliche Energie- und Rohstoffwende ist ein Marathon. Dabei ist der Entzug vom Erdöl nicht so ein Selbstläufer wie der Berlin-Marathon. Allerdings sprechen wir auch nicht von einer überschaubaren Laufzeit zwischen 2 bis 6 Stunden, sondern eher von 20 bis 50 Jahren. Und auch hier gilt, je früher man im Ziel ein läuft, desto höher das Preisgeld.

Willst du schnell gehen, dann geh allein, willst du weit gehen, dann geh gemeinsam“ lautet ein afrikanisches Sprichwort. Demnach wäre für den Erfolg beim Langstreckenlauf zur Energiewende ein gesellschaftliches Handeln unumgänglich. Gemeinsam kann man ein Motivations-Tal leichter überwinden und man bringt zahlreichen Kompetenzen mit an den Start, die für das komplexe Großprojekt der Energiewende (Peter Altmaier) benötigt werden.

Aber was bedeutet ganzheitliche Energiewende?

Energiemarkt = Strommarkt + Wärmemarkt + Kraftstoffmarkt

Dank des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) und den bisherigen 3 Novellierungen des EEG kann die Energiewende im Stromsektor hierzulande große Erfolg vorweisen. Die Angaben für den Anteil von EE-Strom am Bruttostromverbrauch schwanken zwischen 22 und 25 Prozent. Aber der Gesamtenergieverbrauch speist sich neben dem Energiebedarf im Strommarkt auch aus dem Energieverbrauch im Kraftstoff- und Wärmemarkt. Gemessen an den Entwicklungen im Strommarkt, hat die Energiewende im Kraftstoff- und Wärmemarkt praktisch noch nicht begonnen.

Grafik zur Entwicklung der erneuerbaren Energien beim Endenergieverbrauch in Deutschland

Entwicklung der erneuerbaren Energien beim Endenergieverbrauch in Deutschland zeigt die Anteile für den Strom-, Wärme- und Kraftstoffsektor.

Bioenergie ist ein erneuerbarer Energieträger, der technologisch alle 3 Energiemärkte problemlos beliefern kann. Aber die vorhandene Technik ist eben nicht alles und vor allem die Energiewende im Mobilitätsbereich verläuft mehr als zäh. Neben Motorschäden sind vor allem die anhaltende Kritik zur Gewinnung von Agrotreibstoffen (Kritik am Biosprit: Palmöl-Industrie, Nahrungsmittelpreise) dafür verantwortlich, dass sich Bioethanol und Biodiesel so schwer tun, die Energiewende im Kraftstoffmarkt auf einen grünen Zweig zu bringen. Im vergangenen Artikel bin ich auf die vielfältigen Bedenken eingegangenen, welche speziell zur Nachhaltigkeit von Biosprit und der Nachhaltigkeit von Bioenergie allgemein intensiv erörtert werden. Obwohl ich den stärkeren Einsatz von Biokraftstoffen sehr befürworte, kann ich nur immer wieder betonen: Es ist wichtig, dass wir die verschiedenen Herstellungs- und Nutzungspfade der regenerativen Kraftstoffe auf Herz und Nieren prüfen, um die besten Anwendungsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Vor allem dann, aber nicht nur dann, ist Biosprit ein echter Gewinn gegenüber den endlichen fossilen Kraftstoffen.

Gleichzeitig bin ich aber auch der Meinung, dass Kritik am Biosprit beinahe zu einem Volkssport geworden ist. Die Potentiale der flüssigen Bioenergieträger spielen kaum eine Rolle. Deshalb überrascht es auch wenig, dass eine FORSA-Umfrage vom 27.August ergeben hat, dass mittlerweile über 70 Prozent der Deutschen gegen die weitere Beimischung von Biosprit zu den konventionellen Kraftstoffen sind. Bedeutet dieses relativ deutliche Contra, dass die Risiken von Biosprit für unsere Umwelt sogar noch schlimmer sind als die Schäden der globalen Erdöl-Förderung? Das sehen die Bewohner des Niger-Deltas oder Anwohner von Ölsand-Förderregionen in Kanada (Athabasca) und Venezuelas (Orinoco) wahrscheinlich anders. Der überwiegende Teil der heutiger Biosprit-Herstellung in Europa basiert auf den Stärken und Schwächen der konventionellen Landwirtschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Fossil oder Regenerativ?

Wenn wir uns also fragen, ob wir unser aktuelles running system ändern sollten, dürfen wir nicht vergessen den aktuellen Status Quo in die Berechnung mit einzubeziehen. Denn bei aller berechtigten Kritik an einigen Herstellungs- und Nutzungspfaden für Biomasse wird der wirtschaftliche Motor unserer Gesellschaft bisher fast ausschließlich mit dem fossilen und endlichen Erdöl betrieben. Vor dem Hintergrund der überwältigenden Erdöl-Dominanz in unserem Wirtschaftssystem ist das Setzen auf eine biobasierte Kreislaufwirtschaft (BioÖkonomie) vergleichbar mit einer entschlackenden Biomasse-Diät.