Kritische Betrachtung der engagierten Biomasse-Strategie der Vattenfall Europe AG für Berlin

Ich habe mich ja schon als Bewunderer der stofflichen und energetischen Nutzung von Biomasse geoutet. Deshalb freue ich mich als Berliner besonders über den eingeschlagenen Weg des Energieunternehmens Vattenfall Europe AG, das eine sehr engagierte Biomasse Strategie für die Bundeshauptstadt Berlin verfolgt. Da die formulierte Biomasse Vision und die nötigen Mittel bei der praktischen Umsetzung nicht immer deckungsgleich sind, ist die Biomasse Strategie nicht unumstritten. Deshalb soll im folgenden Artikel die teilweise emotional geführte Diskussion um die Berliner Biomasseheizkraftwerke von Vattenfall etwas zusammengefasst werden. Dabei sollen die Argumente der Pro- und Contra-Seite genannte und im Idealfall auch einige neue Argumente hinzuzufügt werden.

Biomasseheizkraftwerke für Berlin – Fakten und Potentiale

Vattenfall ist nach eigenen Angaben der fünftgrößte Stromerzeuger in Europa. Dieser Stellung entsprechend sind auch die Maßnahmen und angestrebten Ziele im Bereich der energetischen Nutzung von Biomasse entsprechend gewaltig.

Hier einige Zahlen und Fakten zur Biomasse-Strategie von Vattenfall:

  • Biomasse-Kraftwerke sollen die Reduzierung der CO2-Produktion von Berlin um 50% bis 2020 unterstützen
  • Der jährliche Gesamtverbrauch an Biomasse zur Energieerzeugung von Vattenfall liegt aktuell bei etwa 3 Millionen Tonnen
  • 60% der aktuell verwendeten Biomasse stammt Unternehmensangaben zur Folge aus Hausmüll und Gewerbeabfällen
  • Anwendung der effizienten Kraft-Wärme-Kopplung zur Produktion von Strom und Wärme in allen Kraftwerken Vattenfalls in der KWK Modellstadt Berlin
  • Installation eines der größten virtuellen Kraftwerke Deutschlands bis Ende 2011. Bei diesem kommen 31 Blockheizkraftwerke (BHKW) zum Einsatz, die den Verbrauch von ins Erdgasnetz eingespeistem Biomethan ermöglichen.

In einem älteren Artikel wurde schon über die Pläne von Vattenfall für die Umstrukturierung des Kohlekraftwerks Klingenberg in ein Biomasseheizkraftwerk berichtet. In einem weiteren Artikel wird die Grundsteinlegung für Berlin’s erstes Biomasseheizkraftwerk, dem Fernheizkraftwerk Märkisches Viertel,  vom 23.08.2011 beschrieben.

Bis 2019 werden mehrere Kraftwerke aus dem Vattenfall-Kraftwerks-Park in Berlin und Hamburg auf Biomasse umgestellt. Dabei soll auch das Verfahren des Co-Firing angewendet werden, bei welchem Biomasse und Kohle in Kombination verbrannt werden, um Strom und Wärme zu erzeugen.

Biomasse und Kohle sind sich in ihrer Zusammensetzung relativ ähnlich und sie enthalten mit energiereichen Kohlenwasserstoffen denselben biochemischen Energieträger. Der Vorteil von Biomasse ist, dass sie als regenerativer Energieträger auch in überschaubaren Zeiträumen nachwächst. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Energieträger Biokohle (siehe Artikel über Biokohle).

Im April dieses Jahres haben der Berliner Senat und die Vattenfall Europe AG ein Abkommen zur Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Beschaffung von holzartiger Biomasse unterzeichnet. Vattenfall verpflichtet sich darin, die vereinbarten Nachhaltigkeitsstandards für die Biomassebeschaffung sofort anzuwenden und nicht auf verbindliche gesetzliche Regelungen zu warten. Hier die offizielle Pressemittelung der Berliner Senatsverwaltung.

Außerdem wurde Vattenfall erst vor einigen Wochen auf der European Biomasse Conference 2011 (siehe Artikel) für seine Biomasse Anstrengungen mit dem EUBIA Industry Award ausgezeichnet.

Vieles spricht also dafür, dass Vattenfall die Umweltstandards als wichtige Aspekte seiner Kraftwerksumstellung auf Biomasse anerkennt und beim Wandel berücksichtigt.

Stammen die vorliegenden Kritikpunkte an der Biomasse-Strategie also ausschließlich aus den Reihen von sehr motivierten Umwelt-Aktivisten, die sich ausschließlich für die ökologischen Aspekte der Großprojekte einsetzen?

Einzugsbereich der Biomasseheizkraftwerke und Überlegungen zur Klimabilanz

Allein für die 2 entstehenden Biomasse-Blöcke des Kraftwerks Klingenberg in Berlin-Lichtenberg werden voraussichtlich 400.000 Tonnen Biomasse pro Jahr benötigt. Ein Großteil der Nachwachsenden Rohstoffe soll aus einem Gebiet mit einem Radius von 200 km um Berlin bezogen werden.

Eine entscheidende Frage ist, woher die restlichen Mengen an Holz zur künftigen bioenergetischen Befeuerung der Kraftwerke stammen werden. Berechnungen zur Folge reichen die frei verfügbaren Waldflächen Berlins und Brandenburgs nicht aus, um die benötigten Holzmengen zu liefern. Es ist sogar umstritten, ob tatsächlich „der Großteil“ aus diesem Radius bezogen werden kann.

Die Klimabilanz von Biomasseheizkraftwerken ist vor allem dann sehr gut, wenn die Biomasse aus einem möglichst engen Radius um das Kraftwerk bezogen wird. Das heißt aber nicht, dass weit gereistes Holz nicht immer noch eine bessere Klimabilanz haben kann, als (weitgereist) Kohle.

Kohle weißt zwar einen höheren Energiegehalt und einen geringeren Wassergehalt als transportierte Baumstämme auf, bleibt aber ein fossiler Brennstoff, der zusätzliches Kohlendioxid freisetzt. Der Transport von energiedichten Holz-Pellets, Holzhackschnitzeln oder vorher aufbereiteter Biokohle werden bei diesen Überlegungen zur Klimabilanz von Biomasseheizkraftwerken noch nicht einmal berücksichtigt.

Trotzdem, die Stärken der energetischen Nutzung von Biomasse liegen bei den aktuell verfügbaren Technologien in ihrer regionalen Verwendung. Eine möglichst umfassende Nutzung des verfügbaren Holzes aus dem Raum Berlin-Brandenburg unterstützt außerdem zusätzlich die regionale Forstwirtschaft – das sollte man nicht vergessen!

Die Vermutungen über die Mengen an Holz, die für die Berliner Biomasseheizkraftwerke international importiert werden müssen, gehen auseinander. Fest steht, dass ein Teil des Energieholzes aus dem westafrikanischen Land Liberia stammen soll. Welcher Anteil an Holzimporten wäre zur Absicherung des Holzbedarfs noch akzeptabel? Es kommt, wie so oft, auf die Perspektive an.

Deshalb hier eine Perspektive, von der ich bisher nichts mitbekommen habe. Was denken die Liberianer über die Partnerschaft im Holzhandel zwischen Vattenfall und Liberia?

„Holz aus Afrika für warme Stuben in Berlin?“ – PowerShift e.V.

So lautet der etwas provokante Titel einer Broschüre, die vor kurzem vom Verein PowerShift e.V. veröffentlicht wurde.

Bei PowerShift handelt es sich um einen 2010 gegründeten Berliner Verein, der sich für „eine ökologisch-solidarische Energie- & Weltwirtschaft“ einsetzt. Für weitere Informationen zu den Aktivitäten und Schwerpunkten des Vereins möchte ich einen Besuch der Internetseite von PowerShift e.V. empfehlen.

Parallel zur Broschüre wurde auch ein Film zur Thematik veröffentlicht. Das Besondere an dem Film, auf den mich der Geschäftsführer von PowerShift Peter Fuchs aufmerksam gemacht hat, ist, dass man die Perspektive von Liberianer zu sehen bekommt, die sich aktiv für die Stärkung der Rechte der Landwirte in Liberia einsetzen.

Der Film findet ein gutes Gleichgewicht zwischen dem Darstellen von Fakten und dem Hinterfragen der Auswirkungen der Vattenfall Biomasse-Strategie. Was denken die Liberianer über die Partnerschaft mit dem Energieriesen und den Export ihres Holzes? Der Film ist kritisch, aber nicht verurteilend.

Den Filmemachern zur Folge ist es unverantwortlich die wichtige Ressource Holz aus Liberia zu exportieren, solange der Eigenbedarf an Energie nicht gedeckt werden kann. Die Stromnetze sind durch einen 14 Jahre dauernden Bürgerkrieg bis 2003 noch zu großen Teilen zerstört.

Weiterhin gibt es auf der Internetseite von PowerShift die gut recherchierte Broschüre von Marc Engelhardt „Holz aus Afrika für warme Stuben in Berlin“ zum Thema Biomasse-Importe aus Afrika. Diese enthält auch viele interessante und zum Thema passende Details aus der Energiewirtschaft.

Die Schlussfolgerungen der Broschüre die im konkreten Fall zur Biomasse-Strategie von Vattenfall gezogen werden, sind mir persönlich aber zu drastisch und etwas auf die negativen Potentiale konzentriert. Verschiedene Meinungen sind aber wichtig und bitte entscheiden Sie selbst.

Vielen Dank für diese neue Perspektive und die Recherche vor Ort in Liberia an den PowerShift e.V.!

Buchanan Renewables als liberianischer Partner von Vattenfall Europe

Um dem hohen Holzbedarf gerecht zu werden hat Vattenfall ein Abkommen mit dem liberianischen Unternehmen Buchanan Renewables geschlossen.

Auf der Internetseite des Unternehmens präsentiert sich Buchanan Renewables als umweltbewusster Hersteller von Holzhackschnitzeln aus Kautschukbäumen mit hohen Sozialstandards und einer klaren Mission im Bereich der Erneuerbaren Energien. Ziel ist es,  zum führenden Hersteller von regenerativen Kraftstoffen innerhalb der Entwicklungsländer zu werden.

Die Biomasse Vision von Buchanan Renewables klingt in meinen Ohren sehr modern und soll das vom Bürgerkrieg noch beschädigte Land beim Wiederaufbau unterstützen.

Es wird beim Anbau der Biomasse vor allem auf Kautschukbäume zurückgegriffen, die keinen Milchsaft mehr produzieren und somit für die stoffliche Nutzung (Herstellung von Gummi) nicht mehr geeignet sind.

Laut einem Artikel im Time Magazin (vom 13. Juli 2009) hat Buchanan Renewables dabei auch tausende von Verträgen mit liberianischen Landwirten von Kautschuk-Plantagen unterzeichnet, um möglichst eine breite gesellschaftliche Basis an den Gewinnen des internationalen Biomasse-Handels zu beteiligen.

Erst vor einigen Wochen hat Buchanan Renewables außerdem den „Green Award 2011“ bei der Verleihung der African Business Awards in London überreicht bekommen. Diesen Preis bekommt das Unternehmen, welches herausragende Leistungen und umweltorientierte Führungsbereitschaft auf dem afrikanischen Kontinent bewiesen hat. Buchanan hat ihn für seine intensiven Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen in Liberia erhalten.

Ich kann weder eindeutig bestätigen, noch widerlegen, ob diese sehr anspruchsvollen Ziele auch mit geeigneten Maßnahmen erreicht werden können. Der oben eingebettet und teilweise vor Ort in Liberia gedrehte Film ist gegenüber der Umsetzung ja relativ kritisch eingestellt.

Das Problem einer wirklich anziehenden Vision ist immer, dass Sie durch die Probleme bei ihrer Umsetzung in der Praxis meist etwas an Glanz verliert. Ich finde allerdings, dass es erlaubt sein muss, sich als Unternehmen sehr hohe Ziele zu setzen – auch wenn diese eher ein schwierig zu erreichendes Ideal widerspiegeln.

Pro und Contra von außereuropäischen Importen von Biomasse

Internationale Partnerschaften zwischen wirtschaftlichen Entwicklungsländern und Industrieländern bieten viele Chancen (neue Jobs, Geldströme, Entwicklungschancen) und bergen gleichzeitig auch ein hohes Konfliktpotential.

Um das Konfliktpotential zu erkennen, kann man sich zahlreiche Bespiele aus der Geschichte anschauen. Ein thematisch passendes (Kautschuk-Plantagen in Afrika), wenn auch sehr grausames (!) Beispiel ist sicher die Ausbeutung des Kongos durch den belgischen König Leopold II zwischen 1880 und 1920. Aber man muss nicht so weit zurück und so ins extreme gehen, um Beispiele für internationale Ausbeutungen zu finden.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch sehr positive Beispiele für Partnerschaften, die zu einer Win-Win-Situation auf beiden Seiten geführt haben. Die allermeisten Projekte der GIZ – Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (ehemals GTZ) im Bereich Biomasse können hier sicherlich angeführt werden.

Man kann den internationalen Handel mit Biomasse also nicht pauschal beurteilen. Was man aber sagen kann ist, dass:

  • Bioenergie seine ökologischen Stärken vor allem in der regionalen, dezentralen Nutzung entfaltet
  • der nötigste Holzbedarf des exportierenden Landes gedeckt sein muss, bevor über Exporte nachgedacht wird
  • ein Mindestmaß an Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden muss
  • der Handel zwischen Ländern mit stabilen politischen Verhältnissen fruchtbarer für das Entwicklungsland sind, als wenn die Gefahren einer eher von Korruption geprägten Regierung vorliegen

Länder mit hohen Biomasse-Produktionsraten sollten aber die Chance haben ihre natürlichen Ressourcen für ihre wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen und Partnerschaften mit großen Energieunternehmen aus Industrieländern einzugehen.

Wie das ausländische Geld von den jeweiligen Exportländern (in dem Fall Liberia) genutzt wird, kann und sollte eigentlich auch nicht die Aufgabe der jeweiligen Investoren (in dem Fall Vattenfall) sein. Ausnahmen bestätigen wie gewohnt die Regel.

Die Entwicklung von FairTrade-Zertifikaten für Holz, wie es sie im Lebensmittel-Sektor schon gibt, könnte dazu beitragen, dass die Landwirte des exportierenden Landes bestmöglich an den Gewinnen beteiligt werden. Das würde allerdings zu einem leichten Preisanstieg für dieses Energieprodukt führen, den die Stromkunden dann bereit sein müssten zu bezahlen. Neue Zertifizierungskriterien könnten beispielsweise den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC) für nachhaltige Forstwirtschaft angefügt werden.

Hier der Link zu einem kürzlich veröffentlichten Artikel, der sich mit weiteren bioenergetischen Projekten auf dem afrikanischen Kontinent beschäftigt.

Fazit zur Biomasse-Strategie von Vattenfall für Biomasseheizkraftwerke in Berlin

Das Besondere an den Erneuerbaren Energien liegt vor allem auch in ihrer Kraft, dass sie einem erlauben ein kleines Stück an die Weiterentwicklung der Welt zu glauben. Somit sind erneuerbare Energien und somit auch die Bioenergie auch ein technologisches Symbol für Fortschritt und letztlich für eine bessere Welt.

Dieses Pfund der regenerativen Energien darf man nicht nur nutzen, sondern man muss es auch schützen. Man kann diese Stärke der Erneuerbaren Energien auch leicht verspielen, wenn man beispielsweise einseitig nur auf ökologische Resultate hin optimiert und nebenbei die Berücksichtigung der sozialen Faktoren vergisst – oder umgekehrt.

Das wird bei der internationalen Biomasse Strategie von Vattenfall in meinen Augen aber nicht vergessen. Ich persönlich finde die Vattenfaller Biomasse „Vision“ für Berlin ziemlich positiv, da es auch eine mutige Abkehr von der fossilen Kohle ist und trotzdem, wirtschaftlich vernünftig, die bisher getätigten Investitionen in den Berliner-Kraftwerks-Park nutzt.

Mit dem Co-Firing von Biomasse in ehemaligen Kohlekraftwerken zu beginnen, halte ich deshalb für ein gutes ökologisches und ökonomisches Kompromiss, welches die Verschmelzung von fossiler und regenerativer Energieerzeugung ermöglicht.

Natürlich müssen dabei auch die Interessen der Liberianer ganz oben auf der Agenda stehen! Meine Recherchen haben zumindest nichts Gegenteiliges gezeigt.

Seit Anfang des Jahres sind Zertifizierungssysteme zur Gewährleistung der Nachhaltigkeit von flüssiger Biomasse (siehe Artikel) in Deutschland Pflicht. Dabei werden vor allem ökologische Kriterien berücksichtigt, die es als am dringlichsten zu lösen gilt. Die Einhaltung von sozialen Kriterien beim Anbau und zukünftig vielleicht auch beim Handel der Biomasse könnten in Zukunft entwickelt werden.

Was denken Sie über die Biomasse-Strategie für Berlin? Finden Sie den Import von Holz aus weit entfernten Ländern vertretbar oder unakzeptabel?

Diskutieren Sie mit![/fusion_builder_column][/fusion_builder_row][/fusion_builder_container]

About the Author:

Ron "BiomassMuse" Kirchner ist Umweltingenieur, Fachjournalist und WebDesigner. Eine für BiomassMuse nützliche Mischung, da diese einen unabhängigen Schreibstil unterstützt. Aus der Hauptstadt schreibt er über den Einsatz der gasförmigen, flüssigen und festen Bioenergie im Strom-, Wärme- und Kraftstoffmarkt. Außerdem engagiert er sich gemeinsam mit anderen Energiebloggern für das Gelingen einer bürgernahen und ganzheitlichen Energiewende.

12 Comments

  1. RonKir 4. Mai 2012 at 20:58

    Vielen Dank für diesen spannenden Kommentar der wahrscheinlich viel eher das Label „kritisch“ verdient, als der Artikel selbst.

    Ich stimme in vielen Punkten zu und bin selbst häufig etwas enttäuscht, wie wenig die großen Energieversorger und Mineralölunternehmen scheinbar bereit sind, mit viel Kraft voranzugehen und die Energiewende energisch bei den Hörnern zu packen. Bis kurz vor der Bekanntgabe des Atomausstiegs waren die Gewinne wirklich so gewaltig, dass man meiner bescheidenen Einschätzung nach auch deutlich größere Summen hätte investieren können, als die paar Millionen, die man auch gerne als „Greenwashing“ abtun kann.

    Auf der anderen Seite stellen diese Unternehmen viele Arbeitsplätze zur Verfügung und haben eine dementsprechend große und direkte soziale Verantwortung, welche sie einfach wichtiger nehmen als einen großen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, über dessen konkrete Auswirkungen und seine Geschwindigkeit selbst bei den Wissenschaftlern die Meinungen sehr unterschiedlich ausfallen. Auf Grund von gruseligen Szenarios fangen die etablierten Energieversorger jedenfalls nicht an Milliardenbeträge zu bewegen. Große Kraftwerke haben einen besseren Wirkungsgrad als dezentrale kleine Anlagen und außerdem wurden Milliarden in die Kraftwerke investiert und das reicht als Entscheidungsgrundlage häufig aus, um ihren Betrieb zu rechtfertigen. Das ist vielleicht nicht immer verkehrt, denn das Geschrei der Aktionäre (Groß-, wie Kleinanleger) ist sicher auch groß, wenn plötzlich die Kurse deutliche Verluste machen.

    Die Erneuerbaren haben ja bekanntlich in Deutschland zum Glück schon gut aufgeholt (zumindest im Strombereich 20 Prozent) und verdrängen den Strom aus den fossilen Kraftwerken, so dass die fossilen Kraftwerke längere Stillstandzeiten in Kauf nehmen müssen als geplant. Trotzdem hoffe ich, dass die Vertreter der erneuerbaren und der fossilen Energiewirtschaft in Zukunft noch stärker zusammenarbeiten und über eine für alle Seiten akzeptablen, aber auch zügige Energiewende OFFEN diskutieren. Das die Energiewende von einigen wenigen entschieden wird, die dann natürlich finanziell stark befangen sind, müssen wir vermeiden.

    Sollte die politische und technologische Energiewende in Europa gelingen, dann ist das in jedem Fall auch eine große wirtschaftliche Chance für unseren Kontinent!

    Schöne Grüße aus Berlin.

  2. Mirco Beisheim 3. Mai 2012 at 20:47

    Hallo,
    grundsätzlich ein lesenswerter Artikel, der mehrere Seiten beleuchtet.

    Leider mangelt es jedoch an der Betrachtung des entscheidenden Aspekts, wenn Sie Ihrem Artikel die Worte „Kritische Betrachtung“ voranstellen.
    Dieser Aspekt betrifft die Frage: Haben kohlebefeuerte Großkraftwerke weiterhin eine Daseinsberechtigung im regenerativen Zeitalter?
    Hier lautet die Antwort aller unabhängigen Experten: nein.

    Denn egal ob Vattenfall in seinen Kohlekraftwerken feste Biomasse beifeuert: es bleiben primär Kohlekraftwerke. Und diese sind zum einen nicht schnell genug als Ergänzung zu den regenerativen steuerbar, zum anderen bleiben sie im Vergleich zu GuDs enorme CO 2 Emittenten.
    Wenn aber die feste Biomasse in Kohlekraftwerken verbrannt wird, die der Energiewende entgegenstehen, und dieses Verhalten zusätzlich dazu führt, daß kleine regelbare dezentrale Anlagen nicht gebaut werden, weil der regionale Einsatzstoff „feste Biomasse“ fehlt, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Vattenfall Strategie bereits eindeutig beantwortet. Auch der mögliche Hinweis auf eine nötige „Brückenzeit“, in der man Kohlekraftwerke noch braucht, hilft an dieser Stelle nicht. Die Technik für kleine dezentrale Heizkessel oder BHKW auf Basis von fester Biomasse ist seit Jahren am Markt und lassen sich wirtschaftlich betreiben. Vattenfall hat also keine Ausrede. Vattenfall hat nur das einzige Argument: Profit. Denn der ist mit den bestehenden KoKW in Berlin und Hamburg höher als mit kleinen Anlagen, da Vattenfall sowohl in Berlin als auch in Hamburg ein Fernwärmemonopol besitzt und dadurch für seine bestehenden überdimensionierten Großkraftwerke eine Abnahmegarantie besitzt (die Profite aus der kohlelastigen Fernwärme sind auch der Grund, warum Vattenfall in Hamburg und Berlin die Rekommunalisierung fürchtet!). Ob man das als pro-Argument für die Vattenfall Strategie gelten läßt, soll jede/r für sich entscheiden.
    Als Ergebnis bleibt: Vattenfall verpaßt seinen KoKWs im wahrsten Sinne des Wortes ein grünes Mäntelchen. Obendrein nimmt Vattenfall kleinen dezentral agierenden BHKW oder HHS-Kessel Betreibern die regionale Biomasse weg. Genau die Betreiber, die mit ihren schnell regelbaren Anlagen für die Energiewende nötig sind.
    Natürlich könnte Vattenfall auch selber kleine dezentrale Biomasse Anlagen betreiben. Jedoch z.B. in Hamburg hat Vattenfall den Bau einer dezentralen 12 MW Anlage auf Eis gelegt und will stattdessen die feste Biomasse in seinen bestehenden KoKWs verfeuern.
    Vattenfall hat nachweislich kein Interesse am nötigen Umbau seines kohlelastigen deutschen (!) Kraftwerkparks auf kleine dezentrale Anlagen. Wenn sie es tun, dann nur durch externen Druck seitens Bürgerinitiativen und NGOs. Oder wenn alte KoKW wie das Vattenfall KoKW in Wedel bei Hamburg buchstäblich auseinanderfallen (aber selbst Wedel sollte laut Vattenfall bereits seit Jahren stillgelegt werden, läuft aber nun bis mindestens 2017).

    Die allgemeine Frage, wieviel % an Biomasse nach Deutschland importiert und woher und von wem ist sicherlich wichtig. Aber sie ist nicht entscheidend, um Vattenfalls „Biomasse Strategie“ als greenwashing Kampagne zu entlarven.

    Grüße aus Hamburg

    Mirco Beisheim

  3. Josef Simon 8. November 2011 at 12:35

    Sehe das einzige Problem bei den langen Transportwegen und das die Wälder leer gefegt werden, was langfristig für den Wald und neue Bäume nicht gut ist. Sonst finde ich die Biomasseverwertung gut. Dies ist ein natürlicher und ökologischer Weg.

  4. RonKir 26. Oktober 2011 at 09:34

    Vielen Dank für den detaillierten Kommentar. Das sind ja teilweise ernüchternde Zahlen über die zur Verfügung stehenden inländischen Holzmengen in Deutschland.

    Aber die Bioenergie muss den Energieverbrauch aus fossilen Energieträgern (Strom und Wärme) zum Glück nicht alleine ersetzen, sondern kann auf ein starkes Teams der Erneuerbaren Energien zurückgreifen. Bei der Wärmeversorgung (gerade von Großstädten) wird es aber wahrscheinlich mittelfristig nur mit dem Einsatz der Fossilen funktionieren.

    Ob die Verwendung von Holzpellets, inklusive des beschriebenen Verfahrens (Pellets Pressen + Pellets wieder Mahlen) wirklich sinnvoll ist, ist eine schwierige Frage. Immerhin haben Holzpellets einen sehr niedrigen Wassergehalt und eine hohe Energiedichte pro Volumen. Das führt beim Transport zumindest zu einer guten CO2-Bilanz und gleichzeitig zu geringen Spritkosten. Holzpellets sind deshalb wahrscheinlich besser geeignet als Hackschnitzel, Scheitholz oder auch Sägespäne.

    Die Verwendung von Rundholz, beziehungsweise Stammholz wäre vermutlich ähnlich gut, welches aber auf Grund seiner hohen Qualität nicht für die energetische Nutzung geeignet ist. Entsprechend der Biomasse-Nutzungskaskade sollten die hochwertigen Holzsegmente zuerst stofflich und nur die Holzabfälle und Altholz energetisch genutzt werden. Vielleicht gibt es aber mittelfristig noch bessere Möglichkeiten, um die Energiebilanz von fester Biomasse als Energieträger (gerade für Großkraftwerke) noch zu verbessern.

    Das Thema Holzimporte ist wirklich sehr schwierig und es gibt viele positive Potentiale (gerade für biomassereiche Entwicklungsländer), aber auch große Risiken.

    Schöne Grüße.

  5. mr 25. Oktober 2011 at 17:58

    Bei den Projekten in Berlin sollen offenbar z.T. Pellets zu Staub/Spänen gemahlen werden, um dann gemeinsam mit Kohlestaub verbrannt zu werden (co-firing).
    Kann dies wirklich sinnvoll sein, die zunächst mit entsprechendem Energieaufwand gepressten Pellets anschließend wiederum mit entsprechendem Aufwand feinzumahlen?

    Und vielleicht noch eine Information zu der Frage, ob wir Holz zur Erzeugung von Wärme/Strom importieren sollten: Selbst im Rekordjahr 2007 wurden in Deutschland insgesamt etwa 75 Mio. Festmeter Holz eingeschlagen. Dies bedeutet, dass selbst wenn wir den gesamten Holzeinschlag verbrennen würden, für jeden Einwohner durchschnittlich weniger als 1 Fm Holz zur Verfügung stünde – was nicht mal den Wärmebedarf ansatzweise decken würde (vom Bedarf an elektrischer Energie ganz zu schwiegen). Dies zeigt m.E., dass heimisches Holz als Brennmaterial nur einen sehr begrenzten Teil des Energiebedarfs überhaupt decken kann. Und Holz als Brennmaterial aus Entwicklungsländern zu importieren, erinnert durchaus an koloniale Verhältnisse.

    Danke und viele Grüße!

  6. RonKir 15. August 2011 at 17:15

    Hallo „Sida“, vielen Dank für deinen Kommentar zu der faszinierenden Energiepflanze Sida!

    Für alle die genau wie ich bisher nicht von dieser Pflanze gehört haben, ist hier eine kurze Einführung mit den wichtigsten Fakten zu dieser vielversprechenden Energie- und Faserpflanze, die auf eine lange Tradition in Polen zurückblicken kann. Sida ist ein mehrjähriges Staudengewächs, dass auf Grund seines schnellen Wachstums (hohe Erträge), guter Brennwerte und dem unkomplizierten Anbau für viele bioenergetische Nutzungen (feste, flüssige und gasförmige Bioenergie) in Frage kommt.

    Eine wirklich interessante Energiepflanze die wahrscheinlich auch für den Anbau auf deutschen Äckern geeignet ist. Eine stärkere polnisch-deutsche Kooperation bezüglich dem Anbau der Sida wäre toll.

    Wenn in Polen gerade das größte Biomasseheizkraftwerk der Welt (siehe Artikel) gebaut wird (190 MW!), dann ist die Zusammenarbeit mit Vattenfall Berlin wahrscheinlich nur eine Notfall-Alternative für den Absatz energetisch zu nutzender Biomasse aus Polen.

    Schöne Grüße aus Berlin,
    Ron

  7. sida 15. August 2011 at 16:41

    Ich arbeite noch als one -man-show doch ich habe in Polen eine Energie-
    pflanze entdeckt die wieder ein Stück mehr Lebensqualität bringt .
    Sie wird überall dort angebaut wo die Biomasseenergie gebraucht wird.

    Die Sidapflanze hat ein nachhaltiges Potenzial ,hoeheren Ertrag wie jede
    Umtriebsplantage und alle Werte bezüglich ihrer Verbrennung sind mit
    AAA zu betrachten. Man kann von einem ha ein 4 Personenhaushalt
    gemütlich beheizen und die Kosten sind nur halb so hoch wie bei ÖL-
    GAS oder KOHLE. Die Wertschöpfung bleibt in der Region und man erhält noch 100 kg Honig pro ha, wenn die Bienen eigentlich schon in den Winterschlaf geschickt werden, die Sida blüht bis zum ersten Frost. Man kann die Sida als Hackschnitzel oder als Pellet verbrennen.

    Gruss aus Polen
    Sida
    PS.Polen baut gerade das größte Biomasseheizkraftwerk der Welt

  8. RonKir 18. Juli 2011 at 13:47

    Hallo Herr Simon, vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Behandlung von Hausmüll der neben hochkalorischem Verpackungsmüll (Gelber Sack) auch organische Substanz enthält, wurde meines Wissens lange Zeit von reinen Müllverbrennungsanlagen (MVA) übernommen. Dabei ging es aber in erster Linie nicht um die energetische Nutzung der enthaltenen Biomasse, sondern vor allem um die Reduzierung der zu deponierenden Abfallmengen in Form von Schlacke.

    In den letzten Jahren hat die energetische Verwertung von organischen Abfällen als letzte Nutzungsstufe immer mehr an Bedeutung gewonnen.

    Der CoFiring-Prozess von Biomasse in fossilen Kraftwerken und das vorherige Umwandeln (Pyrolyse, Vergasung) der heterogenen Biomasse in Syngas oder Kohlestaub wird die energetische Nutzung von Biomasse noch deutlich effizienter gestalten (Kraft-Wärme-Kopplung). Das ist aber größtenteils noch Zukunftsmusik und die Technologien befinden sich vor allem für die industrielle Anwendung noch in der Entwicklung.

    Schöne Grüße.

  9. Solarstrom Simon 17. Juli 2011 at 20:04

    Ein Import von Biomasse ist nicht sinnvoll.
    Erneuerbar bedeutet für mich direkt und dezentral Energie produzieren.
    Aus Biogasanlagen kann ich Gas herstellen das gereinigt mit ins Erdgasnetz eingespeist werden kann. Aber Holz aus Afrika für Berlin??? Was ist dabei ökologisch?

    mit sonnigen Grüßen aus Bayern Olching Josef Simon

  10. Solarstrom Simon 17. Juli 2011 at 19:59

    Biomasse verheizen nannte man früher Müllverbrennung? Oder verwechsle ich da was?

    Finde den Artikel gut und objektiv.

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