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Ich habe mich ja schon als Bewunderer der stofflichen und energetischen Nutzung von Biomasse geoutet. Deshalb freue ich mich als Berliner besonders über den eingeschlagenen Weg des Energieunternehmens Vattenfall Europe AG, das eine sehr engagierte Biomasse Strategie für die Bundeshauptstadt Berlin verfolgt. Da die formulierte Biomasse Vision und die nötigen Mittel bei der praktischen Umsetzung nicht immer deckungsgleich sind, ist die Biomasse Strategie nicht unumstritten. Deshalb soll im folgenden Artikel die teilweise emotional geführte Diskussion um die Berliner Biomasseheizkraftwerke von Vattenfall etwas zusammengefasst werden. Dabei sollen die Argumente der Pro- und Contra-Seite genannte und im Idealfall auch einige neue Argumente hinzuzufügt werden.

Biomasseheizkraftwerke für Berlin – Fakten und Potentiale

Vattenfall ist nach eigenen Angaben der fünftgrößte Stromerzeuger in Europa. Dieser Stellung entsprechend sind auch die Maßnahmen und angestrebten Ziele im Bereich der energetischen Nutzung von Biomasse entsprechend gewaltig.

Hier einige Zahlen und Fakten zur Biomasse-Strategie von Vattenfall:

  • Biomasse-Kraftwerke sollen die Reduzierung der CO2-Produktion von Berlin um 50% bis 2020 unterstützen
  • Der jährliche Gesamtverbrauch an Biomasse zur Energieerzeugung von Vattenfall liegt aktuell bei etwa 3 Millionen Tonnen
  • 60% der aktuell verwendeten Biomasse stammt Unternehmensangaben zur Folge aus Hausmüll und Gewerbeabfällen
  • Anwendung der effizienten Kraft-Wärme-Kopplung zur Produktion von Strom und Wärme in allen Kraftwerken Vattenfalls in der KWK Modellstadt Berlin
  • Installation eines der größten virtuellen Kraftwerke Deutschlands bis Ende 2011. Bei diesem kommen 31 Blockheizkraftwerke (BHKW) zum Einsatz, die den Verbrauch von ins Erdgasnetz eingespeistem Biomethan ermöglichen.

In einem älteren Artikel wurde schon über die Pläne von Vattenfall für die Umstrukturierung des Kohlekraftwerks Klingenberg in ein Biomasseheizkraftwerk berichtet. In einem weiteren Artikel wird die Grundsteinlegung für Berlin’s erstes Biomasseheizkraftwerk, dem Fernheizkraftwerk Märkisches Viertel,  vom 23.08.2011 beschrieben.

Bis 2019 werden mehrere Kraftwerke aus dem Vattenfall-Kraftwerks-Park in Berlin und Hamburg auf Biomasse umgestellt. Dabei soll auch das Verfahren des Co-Firing angewendet werden, bei welchem Biomasse und Kohle in Kombination verbrannt werden, um Strom und Wärme zu erzeugen.

Biomasse und Kohle sind sich in ihrer Zusammensetzung relativ ähnlich und sie enthalten mit energiereichen Kohlenwasserstoffen denselben biochemischen Energieträger. Der Vorteil von Biomasse ist, dass sie als regenerativer Energieträger auch in überschaubaren Zeiträumen nachwächst. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Energieträger Biokohle (siehe Artikel über Biokohle).

Im April dieses Jahres haben der Berliner Senat und die Vattenfall Europe AG ein Abkommen zur Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Beschaffung von holzartiger Biomasse unterzeichnet. Vattenfall verpflichtet sich darin, die vereinbarten Nachhaltigkeitsstandards für die Biomassebeschaffung sofort anzuwenden und nicht auf verbindliche gesetzliche Regelungen zu warten. Hier die offizielle Pressemittelung der Berliner Senatsverwaltung.

Außerdem wurde Vattenfall erst vor einigen Wochen auf der European Biomasse Conference 2011 (siehe Artikel) für seine Biomasse Anstrengungen mit dem EUBIA Industry Award ausgezeichnet.

Vieles spricht also dafür, dass Vattenfall die Umweltstandards als wichtige Aspekte seiner Kraftwerksumstellung auf Biomasse anerkennt und beim Wandel berücksichtigt.

Stammen die vorliegenden Kritikpunkte an der Biomasse-Strategie also ausschließlich aus den Reihen von sehr motivierten Umwelt-Aktivisten, die sich ausschließlich für die ökologischen Aspekte der Großprojekte einsetzen?

Einzugsbereich der Biomasseheizkraftwerke und Überlegungen zur Klimabilanz

Allein für die 2 entstehenden Biomasse-Blöcke des Kraftwerks Klingenberg in Berlin-Lichtenberg werden voraussichtlich 400.000 Tonnen Biomasse pro Jahr benötigt. Ein Großteil der Nachwachsenden Rohstoffe soll aus einem Gebiet mit einem Radius von 200 km um Berlin bezogen werden.

Eine entscheidende Frage ist, woher die restlichen Mengen an Holz zur künftigen bioenergetischen Befeuerung der Kraftwerke stammen werden. Berechnungen zur Folge reichen die frei verfügbaren Waldflächen Berlins und Brandenburgs nicht aus, um die benötigten Holzmengen zu liefern. Es ist sogar umstritten, ob tatsächlich „der Großteil“ aus diesem Radius bezogen werden kann.

Die Klimabilanz von Biomasseheizkraftwerken ist vor allem dann sehr gut, wenn die Biomasse aus einem möglichst engen Radius um das Kraftwerk bezogen wird. Das heißt aber nicht, dass weit gereistes Holz nicht immer noch eine bessere Klimabilanz haben kann, als (weitgereist) Kohle.

Kohle weißt zwar einen höheren Energiegehalt und einen geringeren Wassergehalt als transportierte Baumstämme auf, bleibt aber ein fossiler Brennstoff, der zusätzliches Kohlendioxid freisetzt. Der Transport von energiedichten Holz-Pellets, Holzhackschnitzeln oder vorher aufbereiteter Biokohle werden bei diesen Überlegungen zur Klimabilanz von Biomasseheizkraftwerken noch nicht einmal berücksichtigt.

Trotzdem, die Stärken der energetischen Nutzung von Biomasse liegen bei den aktuell verfügbaren Technologien in ihrer regionalen Verwendung. Eine möglichst umfassende Nutzung des verfügbaren Holzes aus dem Raum Berlin-Brandenburg unterstützt außerdem zusätzlich die regionale Forstwirtschaft – das sollte man nicht vergessen!

Die Vermutungen über die Mengen an Holz, die für die Berliner Biomasseheizkraftwerke international importiert werden müssen, gehen auseinander. Fest steht, dass ein Teil des Energieholzes aus dem westafrikanischen Land Liberia stammen soll. Welcher Anteil an Holzimporten wäre zur Absicherung des Holzbedarfs noch akzeptabel? Es kommt, wie so oft, auf die Perspektive an.

Deshalb hier eine Perspektive, von der ich bisher nichts mitbekommen habe. Was denken die Liberianer über die Partnerschaft im Holzhandel zwischen Vattenfall und Liberia?

„Holz aus Afrika für warme Stuben in Berlin?“ – PowerShift e.V.

So lautet der etwas provokante Titel einer Broschüre, die vor kurzem vom Verein PowerShift e.V. veröffentlicht wurde.

Bei PowerShift handelt es sich um einen 2010 gegründeten Berliner Verein, der sich für „eine ökologisch-solidarische Energie- & Weltwirtschaft“ einsetzt. Für weitere Informationen zu den Aktivitäten und Schwerpunkten des Vereins möchte ich einen Besuch der Internetseite von PowerShift e.V. empfehlen.

Parallel zur Broschüre wurde auch ein Film zur Thematik veröffentlicht. Das Besondere an dem Film, auf den mich der Geschäftsführer von PowerShift Peter Fuchs aufmerksam gemacht hat, ist, dass man die Perspektive von Liberianer zu sehen bekommt, die sich aktiv für die Stärkung der Rechte der Landwirte in Liberia einsetzen.

Der Film findet ein gutes Gleichgewicht zwischen dem Darstellen von Fakten und dem Hinterfragen der Auswirkungen der Vattenfall Biomasse-Strategie. Was denken die Liberianer über die Partnerschaft mit dem Energieriesen und den Export ihres Holzes? Der Film ist kritisch, aber nicht verurteilend.

Den Filmemachern zur Folge ist es unverantwortlich die wichtige Ressource Holz aus Liberia zu exportieren, solange der Eigenbedarf an Energie nicht gedeckt werden kann. Die Stromnetze sind durch einen 14 Jahre dauernden Bürgerkrieg bis 2003 noch zu großen Teilen zerstört.

Weiterhin gibt es auf der Internetseite von PowerShift die gut recherchierte Broschüre von Marc Engelhardt „Holz aus Afrika für warme Stuben in Berlin“ zum Thema Biomasse-Importe aus Afrika. Diese enthält auch viele interessante und zum Thema passende Details aus der Energiewirtschaft.

Die Schlussfolgerungen der Broschüre die im konkreten Fall zur Biomasse-Strategie von Vattenfall gezogen werden, sind mir persönlich aber zu drastisch und etwas auf die negativen Potentiale konzentriert. Verschiedene Meinungen sind aber wichtig und bitte entscheiden Sie selbst.

Vielen Dank für diese neue Perspektive und die Recherche vor Ort in Liberia an den PowerShift e.V.!

Buchanan Renewables als liberianischer Partner von Vattenfall Europe

Um dem hohen Holzbedarf gerecht zu werden hat Vattenfall ein Abkommen mit dem liberianischen Unternehmen Buchanan Renewables geschlossen.

Auf der Internetseite des Unternehmens präsentiert sich Buchanan Renewables als umweltbewusster Hersteller von Holzhackschnitzeln aus Kautschukbäumen mit hohen Sozialstandards und einer klaren Mission im Bereich der Erneuerbaren Energien. Ziel ist es,  zum führenden Hersteller von regenerativen Kraftstoffen innerhalb der Entwicklungsländer zu werden.

Die Biomasse Vision von Buchanan Renewables klingt in meinen Ohren sehr modern und soll das vom Bürgerkrieg noch beschädigte Land beim Wiederaufbau unterstützen.

Es wird beim Anbau der Biomasse vor allem auf Kautschukbäume zurückgegriffen, die keinen Milchsaft mehr produzieren und somit für die stoffliche Nutzung (Herstellung von Gummi) nicht mehr geeignet sind.

Laut einem Artikel im Time Magazin (vom 13. Juli 2009) hat Buchanan Renewables dabei auch tausende von Verträgen mit liberianischen Landwirten von Kautschuk-Plantagen unterzeichnet, um möglichst eine breite gesellschaftliche Basis an den Gewinnen des internationalen Biomasse-Handels zu beteiligen.

Erst vor einigen Wochen hat Buchanan Renewables außerdem den „Green Award 2011“ bei der Verleihung der African Business Awards in London überreicht bekommen. Diesen Preis bekommt das Unternehmen, welches herausragende Leistungen und umweltorientierte Führungsbereitschaft auf dem afrikanischen Kontinent bewiesen hat. Buchanan hat ihn für seine intensiven Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedingungen in Liberia erhalten.

Ich kann weder eindeutig bestätigen, noch widerlegen, ob diese sehr anspruchsvollen Ziele auch mit geeigneten Maßnahmen erreicht werden können. Der oben eingebettet und teilweise vor Ort in Liberia gedrehte Film ist gegenüber der Umsetzung ja relativ kritisch eingestellt.

Das Problem einer wirklich anziehenden Vision ist immer, dass Sie durch die Probleme bei ihrer Umsetzung in der Praxis meist etwas an Glanz verliert. Ich finde allerdings, dass es erlaubt sein muss, sich als Unternehmen sehr hohe Ziele zu setzen – auch wenn diese eher ein schwierig zu erreichendes Ideal widerspiegeln.

Pro und Contra von außereuropäischen Importen von Biomasse

Internationale Partnerschaften zwischen wirtschaftlichen Entwicklungsländern und Industrieländern bieten viele Chancen (neue Jobs, Geldströme, Entwicklungschancen) und bergen gleichzeitig auch ein hohes Konfliktpotential.

Um das Konfliktpotential zu erkennen, kann man sich zahlreiche Bespiele aus der Geschichte anschauen. Ein thematisch passendes (Kautschuk-Plantagen in Afrika), wenn auch sehr grausames (!) Beispiel ist sicher die Ausbeutung des Kongos durch den belgischen König Leopold II zwischen 1880 und 1920. Aber man muss nicht so weit zurück und so ins extreme gehen, um Beispiele für internationale Ausbeutungen zu finden.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch sehr positive Beispiele für Partnerschaften, die zu einer Win-Win-Situation auf beiden Seiten geführt haben. Die allermeisten Projekte der GIZ – Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (ehemals GTZ) im Bereich Biomasse können hier sicherlich angeführt werden.

Man kann den internationalen Handel mit Biomasse also nicht pauschal beurteilen. Was man aber sagen kann ist, dass:

  • Bioenergie seine ökologischen Stärken vor allem in der regionalen, dezentralen Nutzung entfaltet
  • der nötigste Holzbedarf des exportierenden Landes gedeckt sein muss, bevor über Exporte nachgedacht wird
  • ein Mindestmaß an Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden muss
  • der Handel zwischen Ländern mit stabilen politischen Verhältnissen fruchtbarer für das Entwicklungsland sind, als wenn die Gefahren einer eher von Korruption geprägten Regierung vorliegen

Länder mit hohen Biomasse-Produktionsraten sollten aber die Chance haben ihre natürlichen Ressourcen für ihre wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen und Partnerschaften mit großen Energieunternehmen aus Industrieländern einzugehen.

Wie das ausländische Geld von den jeweiligen Exportländern (in dem Fall Liberia) genutzt wird, kann und sollte eigentlich auch nicht die Aufgabe der jeweiligen Investoren (in dem Fall Vattenfall) sein. Ausnahmen bestätigen wie gewohnt die Regel.

Die Entwicklung von FairTrade-Zertifikaten für Holz, wie es sie im Lebensmittel-Sektor schon gibt, könnte dazu beitragen, dass die Landwirte des exportierenden Landes bestmöglich an den Gewinnen beteiligt werden. Das würde allerdings zu einem leichten Preisanstieg für dieses Energieprodukt führen, den die Stromkunden dann bereit sein müssten zu bezahlen. Neue Zertifizierungskriterien könnten beispielsweise den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC) für nachhaltige Forstwirtschaft angefügt werden.

Hier der Link zu einem kürzlich veröffentlichten Artikel, der sich mit weiteren bioenergetischen Projekten auf dem afrikanischen Kontinent beschäftigt.

Fazit zur Biomasse-Strategie von Vattenfall für Biomasseheizkraftwerke in Berlin

Das Besondere an den Erneuerbaren Energien liegt vor allem auch in ihrer Kraft, dass sie einem erlauben ein kleines Stück an die Weiterentwicklung der Welt zu glauben. Somit sind erneuerbare Energien und somit auch die Bioenergie auch ein technologisches Symbol für Fortschritt und letztlich für eine bessere Welt.

Dieses Pfund der regenerativen Energien darf man nicht nur nutzen, sondern man muss es auch schützen. Man kann diese Stärke der Erneuerbaren Energien auch leicht verspielen, wenn man beispielsweise einseitig nur auf ökologische Resultate hin optimiert und nebenbei die Berücksichtigung der sozialen Faktoren vergisst – oder umgekehrt.

Das wird bei der internationalen Biomasse Strategie von Vattenfall in meinen Augen aber nicht vergessen. Ich persönlich finde die Vattenfaller Biomasse „Vision“ für Berlin ziemlich positiv, da es auch eine mutige Abkehr von der fossilen Kohle ist und trotzdem, wirtschaftlich vernünftig, die bisher getätigten Investitionen in den Berliner-Kraftwerks-Park nutzt.

Mit dem Co-Firing von Biomasse in ehemaligen Kohlekraftwerken zu beginnen, halte ich deshalb für ein gutes ökologisches und ökonomisches Kompromiss, welches die Verschmelzung von fossiler und regenerativer Energieerzeugung ermöglicht.

Natürlich müssen dabei auch die Interessen der Liberianer ganz oben auf der Agenda stehen! Meine Recherchen haben zumindest nichts Gegenteiliges gezeigt.

Seit Anfang des Jahres sind Zertifizierungssysteme zur Gewährleistung der Nachhaltigkeit von flüssiger Biomasse (siehe Artikel) in Deutschland Pflicht. Dabei werden vor allem ökologische Kriterien berücksichtigt, die es als am dringlichsten zu lösen gilt. Die Einhaltung von sozialen Kriterien beim Anbau und zukünftig vielleicht auch beim Handel der Biomasse könnten in Zukunft entwickelt werden.

Was denken Sie über die Biomasse-Strategie für Berlin? Finden Sie den Import von Holz aus weit entfernten Ländern vertretbar oder unakzeptabel?

Diskutieren Sie mit!