Mrz 07 2010
Pro und Contra von Kunststoffen – Inspiriert durch den Film “Plastic Planet”
Im letzten Artikel ging es um einige aktuell sehr kontrovers diskutierte Punkte der Algennutzung. Der Heutige beschäftigt sich ebenfalls mit einem Thema, welches sehr unterschiedliche Meinungen hervorbringt, aber nicht aus dem Bereich der energetischen, sondern der stofflichen Biomasse-Nutzung stammt. Ich möchte anlässlich des aktuell in den deutschen Kinos laufenden Films “Plastic Planet” von Werner Boote über die Pro und Contras der Kunststoffnutzung sprechen.
Wenn man an Arten der Biomasse-Nutzung denkt, dann fällt einem das Material Kunststoff zwar nicht unbedingt als Erstes ein, aber die Kunststoff- und Biomasse-Branche könnten über den Bereich der Biokunststoffe (wie z.B. PLA) in den nächsten Jahren zu starken Partnern heranreifen (Link zu weiterem Artikel).
Plastic Planet
Der Film “Plastic Planet” ist ein ziemlich kritischer Film von einem Kenner der Branche und beleuchtet vor allem die dunklen Seiten des Kunststoffzeitalters aus verschiedenen Perspektiven. Die Meinungen über den Film gehen, wie beim Thema Kunststoff selbst, weit auseinander und reichen von vorwurfsvollen Kommentaren über die Verwendung unwissenschaftlicher Studien bis hin zu Danksagungen über die prophetische Kraft und gesellschaftliche Relevanz des Films. Wenn es denn eine Wahrheit gibt, dann liegt sie wahrscheinlich irgendwo dazwischen.
Mir hat der Film gut gefallen und ich habe mich ein wenig an Al Gore’s Film zum Klimawandel “Eine unbequeme Wahrheit” erinnert. Auf relativ private und sympathische Art und Weise präsentiert Herr Boote eine weitere unbequeme Wahrheit über die Auswirkungen unseres globalen Handelns. Dabei ist der Film meinem Empfinden nach nur selten moralisierend, aber legt den Finger in eine Wunde, die man als Teil einer vom Kunststoff durchfluteten Gesellschaft nur schwer ausblenden kann. Auf seiner globalen Reise zu den problematischen Aspekten unseres Plastic Planets spielen vor allem die gesundheitlichen und entsorgungstechnischen Probleme eine zentrale Rolle. Trotz des ernsten Themas ist der Film unterhaltsam und man verläßt das Kino mit einem geschärften Bewußtsein für die Kunststoffproblematik.
Den Link zu offiziellen und sehr informativen Internetseite des Film mit passendem Plastik-Design gibt es hier.
Liste zu den gesellschaftlichen Vorteilen und Nachteilen von Kunststoffen
Wie bei allen erfolgreichen Technologien hat auch die Verwendung von Kunststoff über die gesamte Wertschöpfungskette verschiedene Problempunkte, welche sich der Kritik stellen müssen. Hier eine Liste von Vorteilen und Nachteilen die bei der Kunststoffnutzung auftreten:
Vorteile der Kunststoffnutzung
- sehr flexibles Material, welches in vielen Branchen eine anwenderspezifische Lösung ermöglicht
- Elektro- und Autoindustrie sind ohne Kunststoff kaum vorstellbar
- Kaskadennutzung ist möglich – in Deutschland besteht eine Wiederverwertungsquote von 96%
- ist ein relativ kostengünstiger Werkstoff
Nachteile
- Beschaffungsproblematik des fossilen Rohstoffs Erdöl und Abhängigkeit von dessen Preis
- Müllproblematik vor allem in Ländern mit fehlenden Recyclingkonzepten
- geteilte Meinungen bezüglich der Bewertung der Gefährlichkeit von einigen Inhaltsstoffen wie Bisphenol A, PVC und bestimmten Phthalaten
Diese Punkte halte ich für die Wesentlichen, wobei die Liste wahrscheinlich nicht vollständig ist und jeder Punkt für sich genommen noch ausdifferenziert werden kann.
Gerade in Bezug auf die Gesundheitsgefahren von Kunststoffen ist in der EU in den letzten Jahren einiges passiert. So gilt seit Juni 2007 die EU-Verordnung REACH, welche die Verwendung von Chemikalien innerhalb der EU-Staaten regelt. Nach dieser dürfen nur solche Substanzen verwendet werden, welche vorher registriert und bewertet wurden. Das gilt auch für chemische Stoffe, welche bei der Kunststoffverarbeitung notwendig sind.
Wenn ich an Kunststoffe denke, dann auch mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite habe ich die Bilder von Teppichen aus Plastikmüll die auf dem Meer schwimmen und die Verwendung von vielleicht problematischen Lösungsmitteln im Kopf. Auf der anderen Seite ist da aber auch die Vorstellung von einem der flexibelsten Werkstoffe bezüglich Formbarkeit, Beständigkeit, Gewicht und Kosten, welcher viele gesellschaftliche Probleme in der Medizin, Kommunikation oder Mobilität lösen konnte.
Eine Verdammung einer ganzen Industrie ist in meinen Augen mittelfristig betrachtet genauso irrational wie der einseitige Hype. Beides trägt nach meinem Empfinden zuviel Revolution und zu wenig Evolution in sich. Aus gemachten Fehlern zu lernen und an bestehendes anzuknüpfen halte ich für vernünftiger als eine ganze Branche ersetzen zu wollen.
Kunststoffe 2.0 = Biokunststoffe?
Das Besondere an Biokunststoffen ist, dass diese helfen können einen Großteil der Kritikpunkte (Beschaffung, Entsorgung) zu überwinden und die Vorteile der Kunststoffnutzung in der Gesamtbilanz noch zu stärken. Eine Differenzierung zwischen fossilen Kunststoffen und Biokunststoffen halte ich deshalb für sehr wichtig. Denn auch das Material Kunststoff und die Kunststoffbranche insgesamt entwickelt sich, auch unterstützt durch Filme wie “Plastic Planet”, natürlich ständig weiter.
Bei den Biopolymeren sollte aber auch unterschieden werden zwischen den Kunststoffen, die ausschließlich auf der Basis von nachwachsenden Rohstoffen entstanden sind und denen, die zusätzlich noch biologisch abbaubar sind. So gibt es auch Kunststoffe, die zu den Biokunststoffen zählen, aber nicht unbedingt biologisch abbaubar sind. Nach den Angaben einiger Biokunststoff-Hersteller sind die ökologischen Vorreiter unter den Biokunststoffen aber die Sorten, welche innerhalb von 180 Tagen komplett biologisch abgebaut werden können, ohne schädliche chemische Reststoffe zurückzulassen.
Die Schwachpunkte der Biokunststoffe liegen aktuell vor allem im ökonomischen Bereich, da sie teurer sind als ihre fossilen Kollegen. Einige Aussagen über die Konkurrenzfähigkeit von Biokunststoff gegenüber den Fossilen habe ich auf der Grünen Woche von einem Verfahrenstechniker der Kunststoffbranche erhalten.
Ersetzen von 50% der fossilen Kunststoffe durch Biokunststoffe aus Algen
Wichtig ist aber auch bei Biokunststoffen die Frage nach der Rohstoffquelle und der zunehmenden Konkurrenz um nachwachsende Rohstoffe. Das US-amerikanische Unternehmen Cereplast hat zu diesem Argument erst kürzlich in einer Pressemitteilung die Meinung vertreten, dass mit Hilfe von Kunststoffen auf Algenbasis bis zu 50% der fossilen Kunststoffmengen ersetzt werden könnten.
Bisher hat das Unternehmen vor allem den Biokunststoff PLA aus der Stärke von Kartoffeln, Getreide und Maniok (Tapioka-Stärke) hergestellt, ist aber von den Ergebnissen der eigenen Algenforschung so überzeugt, dass es für die kommenden Monate die Entwicklung eines Biokunststoffs auf Algenbasis anstrebt. Das zeigt erneut die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Algen, welche sich demnach sowohl für die energetische, als auch für die stoffliche Nutzung anbieten.
Was ist eure Meinung zum Film oder zu “Plastik” allgemein – sollten wir uns mittelfristig vom Kunststoff trennen und nach Alternativen Ausschau halten oder eher eine Modernisierung vornehmen?
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