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Bioergas Kuh. Jedem der einmal auf der Grünen Woche gewesen ist, werden die zahlreichen Hallen angefüllt mit  Ständen und Buden in Erinnerung bleiben, von denen die Hälfte den Besucher ständig auf die Probe stellt und mit kulinarischen Köstlichkeiten zu verführen versucht. Es ist fast so, als würde man mit 7-Meilen-Stiefeln von einer nationalen Küche direkt in die Nächste stolpern ohne zwischendurch Zeit zum Verdauen zu haben. Was sich nach einer teuflischen Art der Folter anhört, ist vor Ort ein aufregendes Erlebnis, bei dem sich die allgemeine Volksfeststimmung zum Abend hin gegen das professionelle geschäftliche Treiben durchsetzt.

Bierwand

Man benötigt trotz zahlreicher Karten, die überall im Grüne-Woche-Labyrinth verteilt sind, einiges an Wandererfahrung, bis man einen Überblick gewonnen hat und man sich geschickt zwischen den Buden mit Leckereien und den Fachständen mit Wissen und Neuigkeiten bewegen kann.

Über einige Gespräche die ich auf der drittgrößten Messeveranstaltung Deutschlands geführt habe, möchte ich heute auszugsweise berichten. Dabei werde ich aus der Perspektive der Biomasse-Nutzung hauptsächlich auf die Unterhaltungen an den Fachständen der „NatureTec“, der Halle für Nachwachsende Rohstoffe, eingehen und somit einige Erfahrungen und Meinungen mit ihnen Teilen, die von Beschäftigten in dem Bereich  aktuell vertreten werden.

1. Gespräch mit Maren Bengs – Mitglied des Entwicklerteams der Datenbank für Biokunststoffe

Eine schöne Überraschung war, dass ich Frau Bengs begegnet bin, welche seit einigen Jahren an genau der digitalen Datenbank für Biokunststoffe arbeitet, über die ich zufälligerweise an jenem Tag meines Messebesuchs einen Artikel (Link) geschrieben habe.

Es hat sich herausgestellt, dass es sich bei der Datenbank um die größte Sammlung weltweit handelt, die es aktuell für Biokunststoffe (und Kunststoffe allgemein) gibt und dass das Erscheinen des Biokunststoff-Segments in der Fachwelt für viel Aufsehen gesorgt hat. Direkt nach der ersten offiziellen Ankündigung der Datenbank auf der European Bioplastics Conference im November vergangenen Jahres liefen bei  der FH Hannover die Telefondrähte heiß.

Nach den Erfahrungen von Frau Bengs möchten einige Hersteller von Biokunststoffen sogar noch warten, bevor sie weitere Produkte an die Datenbank weiterleiten, da eine zu große Nachfrage die aktuellen Produktionskapazitäten leicht übersteigen kann.

Weiterhin habe ich beim Gespräch mit Frau Bengs erfahren, wie groß der Aufwand für das    Zusammentragen, Strukturieren und Digitalisieren der Daten und die Pflege der Datenbank ist und dass nach Möglichkeiten gesucht wird, den Service trotzdem weiterhin  kostenfrei anbieten zu können.

Der aktuelle Stand ist, dass die Fördergelder vom Bund auslaufen und über ein weiteres Finanzierungskonzept nachgedacht wird. Ziel ist weiterhin, eine Datenbank für Kunststoffe anbieten zu können, welche zwar die Wünsche der Industrie im Auge hat und unterstützt, aber gleichzeitig unabhängige und vergleichbare Qualitätskriterien für Biokunststoffe bieten kann. Wenn sie als Leser Finanzierungsideen für dieses nützliche Tool innerhalb eines aufstrebenden Zukunftsmarkts haben, können sie mich gerne anschreiben und ich werde einen Kontakt mit Frau Bengs herstellen.

Im Gespräch sind wir auch die Kritikpunkte oder Entwicklungspotentiale für die Datenbank durchgegangen, die mir bei meinem Test aufgefallen sind und auf die ich im Artikel eingegangen bin. Dabei hat sich herausgestellt, dass die chemischen Formeln der einzelnen Kunststoffe tatsächlich als Betriebsgeheimnisse von den Herstellern gehütet werden und deshalb in der Datenbank nicht auftauchen können. Dass die Funktion des direkten Vergleichs von zwei Kunststoffen bei meinem Testlauf nicht funktioniert hat, hat damit zu tun, dass nur einige Kunststoffe für diese Funktion geeignet und aufbereitet sind. Diese müssen per Mausklick aktiviert werden und bei meinem zweiten Versuch hat es auch funktioniert.

Stand FnR

Foto: Stand der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe

2. Gespräch mit einem Verfahrenstechniker im Bereich der Kunststoffverarbeitung

Aus dem Gespräch mit einem Verfahrenstechniker am Stand der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FnR) habe ich vor allem mitgenommen, dass es auf der Ebene der Verfahrenstechnik aktuell keine nennenswerten Unterschiede zwischen Biokunststoffen und klassischen Kunststoffen mehr gibt: beide Ausgangsformen sind in Form und Farbe genauso flexibel zu verwenden.

Die Technik zur Herstellung von Formteilen im Spritzgussverfahren funktioniert bei den auf Erdöl basierenden Granulaten genauso unproblematisch, wie bei denen auf Pflanzenöl- oder Stärkebasis. Die Arbeitsweise einer Spritzgussmaschine konnte auf der Messe begutachtet werden und sie war so eingestellt, dass sie aus wenigen Gramm Biokunststoffgranulat in 15 Sekunden eine kleine Brosche in verschiedenen Farben hergestellt hat.

Der Pferdefuss von Biokunststoffen ist weiterhin die wirtschaftliche Komponente. So liegen die Herstellungskosten des Granulats für „die Neuen“ in der Kunststofffamilie noch ca. 3-4 so hoch, wie bei den Klassikern aus dem schwarzen Gold. 

3. Gespräch mit einer Vertreterin des BDBe

Bei einem informativen Gespräch am Stand des Bundesverbands der deutschen Bioethanolwirtschaft e.V. habe ich vor allem von den Chancen des neuen E10 Kraftstoffs und von dem sehr unterschiedlichen Umgang mit Biokraftstoffen weltweit erfahren.

Dass Brasilien ein Vorreiter in Sachen Biokraftstoffen ist und ein großer Teil des Fuhrparks mit hochprozentigem Ethanol betankt wird, ist keine Überraschung. Große Anbauflächen mit Zuckerrohr und etwas ältere Autos mit weniger Elektronik erleichtern die sinnvolle Verwendung dieses Treibstoffs.

Ich wusste bisher noch nicht, dass sich vor allem der ADAC als wichtiger Vertreter der Autofahrer gegen die größere Verbreitung von Bioethanol eingesetzt hat. Dessen Angaben,  dass Bioethanol vor allem die Leitungen des Motors korrodiert und die daraus gezogenen Schlußfolgerungen sind in den Augen des BDBe etwas übertrieben.

Der Treibstoff E10 mit 10% Bioethanol soll in Deutschland in diesem Jahr auf den Markt kommen und eventuell die frei werdende Zapfsäule an den Tankstellen (für Normalbenzin) wieder in Arbeit bringen. In Frankreich wird E10 schon seit Anfang des vergangenen Jahres flächendeckend vertrieben.

4. Gespräch mit dem Netzwerk der INKA BB

Besonders gefreut hat mich als Berliner natürlich der Auftritt des Innovationsnetzwerks Klimaanpassung Brandenburg Berlin (INKA BB). Diesem Netzwerk und dem Gespräch mit einer Vertreterin am Stand auf der Grünen Woche werde ich mich in einem der nächsten Artikel ausführlicher widmen.

5. Gespräch mit einem Wissenschaftler des Forschungsnetzwerks Jülich

Einen der aufwendigsten und aufregendsten Stände hat das Forschungszentrum Jülich aufgebaut. Viele interaktive Elemente und innovative Technologien ermöglichen einen Ausblick auf zukünftige Verfahren im Pflanzenbau. Eines meiner persönlichen Lieblingsthemen, die Algennutzung, wurde mit einem nachgebauten Bioreaktor für Algenzüchtung vorgestellt.

Algenbioreaktor

In einem Gespräch mit einem Wissenschaftler habe ich mehr über die hohe Variabilität der Wärmeabstrahlung von unterschiedlichen Pflanzen erfahren. Mit einer Wärmekamera hat er  Experimente durchgeführt, um die Wärmeabstrahlung an der Pflanzenoberfläche  einer Tabakpflanze genau zu beobachten und den Einfluss verschiedener Ausgangsbedingungen auf den Wärmehaushalt näher zu erforschen. Als eines der ersten Ergebnisse hat sich ergeben, dass der Wasserhaushalt des Bodens einen großen Einfluss auf die Höhe der abgestrahlten Wärme hat. Die Geschwindigkeit des Pflanzenwachstums konnte jedoch bisher nicht eindeutig auf die Oberflächentemperatur der Blätter zurückgeführt werden.

6. Auftritt der Fördergesellschaft für nachhaltige Landwirtschaft

Da ich über die FNL schon im Vorfeld der Grünen Woche berichtet hatte (Link zum Artikel) und mit hohen Erwartungen an den angekündigten „ErlebnisBauernhof“ herangetreten bin, möchte ich hier sagen, dass mich der Stand sehr beeindruckt hat und ich Ihn zum optisch aufwendigsten Stand der NatureTec erklären würde. Augen, Ohren und Nase wurden alle gleichermaßen angesprochen. Großes Kompliment für den Stand. Einen Eindruck bietet das folgende Foto.

Mähdrescher FNL

7. Schnellwachsende Hölzer der P&P Firmengruppe

Der Auftritt dieses Unternehmens hat mich zu einem kleinen Projekt inspiriert. Das Ausgangsmaterial ist dieser kleine Steckling einer Pappel (siehe Foto) und ich werde versuchen, sie so aufzupäppeln, dass sie zumindest Blattaustriebe zeigt. Dabei werde ich sie ausschließlich in der Stadtwohnung großziehen und meine Erfahrungen mit dem schnellwachsenden Gehölz auf dieser Seite mitteilen.

Steckling Pappel

Fazit

400.000 Besucher in 9 Tagen mit durchschnittlich 105 ausgegebenen Euros sprechen für sich. Es wäre interessant zu wissen, welche Hallen und Themen bei den Besuchern besonders gut angekommen sind. Vielleicht werden die durchgeführten Umfragen vor Ort der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Für mich persönlich war es sehr interessant und es hat viel Spaß gemacht so unterschiedliche Ansätze und Zukunftsvisionen zu hören.  Ich freue mich auf ihre Erfahrungsberichte zur Grünen Woche.

Abschließend danke ich allen Gesprächspartnern für den spannenden Einblick in ihr Fachgebiet und die zahlreichen Inspirationen.