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Was denken die großen Biogasverbände in Deutschland über den aktuellen Stand der Biogasbranche? Welche Rahmenbedingungen und Maßnahmen sind nötig, um diesen heimischen und erneuerbaren Energieträger zu fördern und seine Potentiale weiter zu heben. Einen interessanten, sehr differenzierten und hoffnungsvoll stimmenden Einblick bietet das Interview mit Reinhard Schultz. Herr Schultz ist Geschäftsführer des Biogasrat e.V. und ehemaliger Bundestagsabgeordneter für die SPD.

8 Fragen an Reinhard Schultz zum Stand von Biogas und Biomethan

BiomassMuse: Guten Tag Herr Schultz vielen Dank dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen und mit mir über die Entwicklung der gasförmigen Bioenergie in Deutschland und  Europa sprechen werden. Sie sind Geschäftsführer des Biogasrat e.V., der seinen Sitz in Berlin hat. Ich habe 8 Fragen zu Biogas und Biomethan vorbereitet und bin gespannt auf Ihre Antworten.

Wer ist der Biogasrat und wofür steht er?

BiomassMuse: Der Biogasrat wurde 2009 gegründet und ist somit ein vergleichsweise junger Verband im Bereich der Bioenergie. Den Fachverband Biogas, den VDB oder den Bundesverband Bioenergie gibt es bereits seit über 10 Jahren. Warum war es 2009 Zeit für einen neuen großen Verband im Bereich der Bioenergie?

Reinhard Schultz: Der Biogasrat ist im Wesentlichen deshalb gegründet worden, weil sich die Einsicht bei wichtigen Marktteilnehmern durchgesetzt hat, dass man einen Beitrag zur erneuerbaren Energiewirtschaft nicht nur in sehr kleinräumigen, dezentralen Kategorien der Selbstversorgung rund um den Bauernhof organisieren kann.

Insbesondere was Biogas angeht, muss man seine Produktion im industriellen Maßstab organisieren. Das ist eine etwas andere Herangehensweise als bei den bestehenden Verbänden. Obwohl wir in manchen Feldern gut mit den bestehenden Verbänden kooperieren, gibt es schon Unterschiede in Sachen Effizienz, der Wirtschaftlichkeit und der Frage,  wie schnell wir eine Marktfähigkeit ohne Subvention erreichen wollen. Das waren die Hauptmotive dafür einen neuen Verband zu gründen, der ja auch gut eingeschlagen hat.

Welche Rolle spielt Biogas bei den erneuerbaren Energieträgern und der Energiewende?

BiomassMuse: Deutschland ist Weltmarktführer im Bereich der Biogastechnologie und verfügt über die meisten Biogasanlagen mit einer Einzelleistung größer 50 kW. Nach der KKW-Katastrophe in Japan hat sich Deutschland für einen Ausstieg aus der Atomkraft entschieden und möchte die Energiewende beschleunigen. Welche Rolle kommt der gasförmigen Bioenergie innerhalb der Erneuerbaren Energien und der Energiewende zu?

Reinhard Schultz: Biogas ist die einzige erneuerbare Energiequelle, außer der Wasserkraft und der Geothermie, die stetig produziert und bedarfsgerecht eingesetzt werden kann und die nicht abhängig vom Sonnenschein oder dem Wind ist. Deshalb kann Biogas zur Stabilisierung des Energiesystems entscheidend beitragen. Das gilt vor allem dann, wenn man auf den Einsatz fossiler Energieträger in der Regelungs- und Ausgleichsenergie tendenziell eher verzichten will. Das ist ein großer Vorteil.
Der zweite große Vorteil ist in den großen Potentialen für die Entwicklung der Landwirtschaft zu finden. Das gilt vor allem für den Energiepflanzenanbau, aber auch für den Einsatz im Reststoffbereich. Es gibt weltweit große Potentiale, die von den Ursprungsländern bereits jetzt genutzt werden oder noch für die zukünftige Nutzung bereit liegen. An Orten wo es Überschüsse gibt, kann und wird es auch Handelsbeziehungen geben. Diese Handelsbeziehungen werden im Grunde genommen denen entsprechen, die schon heute am Gasmarkt stattfinden.

Der dritte große Vorteil ist, dass wenn sie Biogas zu Biomethan aufbereiten, es keinen physikalischen Unterschied mehr zu Erdgas gibt und sie es problemlos in die bestehende Erdgasinfrastruktur einspeisen können. Es wird dadurch möglich, dass sie das Biogas auf dem Lande erzeugen und das Biomethan in der Stadt entnehmen können. Dieser Vorteil ist nutzbar, ohne dass sie in neue Infrastrukturen investieren müssen. Das bedeutet, dass sich auch die Nutzung des Energieträgers Gas und des Erdgasnetzes in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ändern wird. Je mehr Biomethan sie erzeugen, desto mehr Erdgas können sie auch verdrängen, wodurch eine Ökologisierung der Gaswirtschaft stattfindet. Im Anschluss können sie das entnommene Gas nicht nur für die Stromerzeugung, sondern auch für die Wärmeerzeugung oder den Kraftstoffmarkt nutzen.

Wie bewerten Sie die EEG Novelle 2012?

BiomassMuse: Am 1. Januar 2012 ist die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes in Kraft getreten. Die etwas überstürzte Novelle hat in der Bioenergiebranche nicht gerade für einen Freudentanz gesorgt. Was denken Sie über die EEG-Novelle 2012 und wie sollte die Biogasbranche diese nutzen?

Reinhard Schultz: Leider ist es so, dass ein Teil der Verbände, insbesondere im Bereich der Bioenergie, erst sehr spät erkannt haben, dass die Vorstellungen des Umweltministeriums nicht den sehr stark den Brancheninteressen entsprechen, sondern dass die EEG-Novelle sehr restriktiv wirkt. Das gilt verstärkt für die dezentrale Stromerzeugung aus Biogas.

Im Bereich der Biomethaneinspeisung haben sich die Rahmenbedingungen etwas verbessert, aber etwas verbessert heißt noch lange nicht, dass sie ausreichend sind. Im Ergebnis haben wir eine Situation, welche vor allem das Wachstum bei der dezentralen Produktion deutlich verlangsamen wird.  Die Einspeisung von Biomethan wird etwas anziehen, aber die jährlichen Einspeiseziele von 6 Mrd. m3 Biomethan bis zum Jahr 2020 können mit den bestehenden Instrumenten nicht erreicht werden. Nun müssen wir uns nach der Decke strecken. Es gibt das Primat der Politik und die Branche ist ja zum Glück auch fantasievoll.

Die Biogasbranche wird an der Stelle investieren, wo sie die besten Möglichkeiten sieht. Im dezentralen Bereich wird es künftig mehr Anlagen geben, welche die besonders geförderte bedarfsgerechte Einspeisung nutzen werden. Die Umstellung von der festen Vergütung auf die Marktprämie werden wir in Zukunft häufiger sehen, womit diese Anlagen auch gut über die Runden kommen werden.

Der Nachteil ist, dass diese Anlagen nicht mehr verpflichtet sind, auch Wärme zu verkaufen. Die Kopplung der Strom und Wärmeproduktion wird bei größeren Investitionen nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, weil der Gesetzgeber im novellierten Gesetzestext diese Fehlallokation provoziert hat. Trotzdem kann man damit Geld verdienen.

Im Bereich der Gaseinspeisung hat sich die Situation dadurch verbessert, dass es eine besondere Vergütung für die Biogasaufbereitung gibt, die schon für mittelgroße Anlagen durchaus auskömmlich ist.

Ein ganz zentrales Problem, welches sich jetzt erst herausgestellt hat und welches noch gelöst werden muss, betrifft die Frage des Herkunftsnachweises für Biomethan. Es gibt eine Vielzahl von Kriterien, die für den Herkunftsnachweis erbracht und vom Betreiber der Verstromungsanlage bereitgestellt werden müssen. So muss sozusagen „grashalmscharf“ bilanziert werden, welche Substrate (NawaRo, Reststoffe etc.) für die Herstellung des Biomethans verwendet wurden. Das ist für dezentrale Anlagen wenig problematisch, weil Substraterzeuger und Kraftwerksbetreiber in der Regel identisch sind.

Greift der Kraftwerksbetreiber jedoch auf Biomethan aus dem Erdgasnetz zurück, dann ist die Bilanzierung für den Herkunftsnachweis deutlich schwieriger. Das stellt sich wiederum als ein großes Markthemmnis dar und der Betreiber weiß häufig nicht, welchen Vergütungssatz ihn erwartet. Dieser Prozess muss deutlich vereinfacht werden.

Novelle des EEWärmeG – Welche Position vertritt der Biogasrat?

BiomassMuse: In diesem Jahr steht eine weitere Novelle des Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetzes (EEWärmeG) an. Großbritannien hat mit der Renewable Heat Incentive (RHI) zum Ende des vergangenen Jahres einen sehr offensiven Weg zur Förderung der Erneuerbaren Wärme eingeschlagen. Welche Verbesserungen erhofft sich der Biogasrat durch die EEWärmeG-Novelle?

Reinhard Schultz: Zuerst mal finde ich es sehr gut, dass in diesem Fall mal ein anderes Land die Rolle des Trendsetters übernimmt. Auch wenn in Großbritannien auf Grund einer anderen Rechtstradition andere Instrumente verwendet werden, ist das ein sehr vernünftiger und wirksamer Weg auf den wir positiv verweisen können.

Großbritannien hat praktisch über Nacht festgestellt, dass es kein eigenes Erdgas mehr hat und entwickelt deshalb natürlich einen ganz anderen Drive, um an dieser Stelle verstärkt erneuerbare Energien einzusetzen. Man kann erkennen, dass Großbritannien wahrscheinlich sehr schnell das zweitstärkste Land in Europa bei der Nutzung von Biogas werden wird.

In Deutschland haben wir ein Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetz für den Neubaubereich. Neugebaut wird allerdings nur wenig in einer schrumpfenden Gesellschaft, weshalb ein so strukturiertes EEWärmeG keine große ökonomische und ökologische Bedeutung hat. Immerhin war in diesem Gesetz schon mal festgelegt, dass man einen bestimmten Anteil an erneuerbaren Energien zur Wärmeerzeugung nutzen muss. Ausgeschlossen war bisher, dass man Biogas auch in einer modernen Brennwertheizung nutzen kann. Das wollen wir ändern, wenn es um den Gebäudebestand geht.

Wir haben im vergangenen Jahr bereits einen kleinen Achtungserfolg errungen, als wir die Wärmeversorgung von öffentlichen Gebäuden auf die Grundlage erneuerbarer Energien umstellen konnten. Wenn ein öffentliches Gebäude in Zukunft saniert wird, muss ebenfalls ein fester Anteil an erneuerbarer Wärme enthalten sein, der dann auch in Form eines 25-prozentigen Biomethananteils erfüllt werden kann. Eine 15-prozentige Beimischung möchten wir für alle anderen Bestandgebäude erreichen und zwar nicht als Konkurrenz zur energetischen Sanierung, sondern als Ergänzung.

Wir wissen, dass sich die energetische Sanierung nur sehr langsam vollzieht und dass wir im vergangenen Jahr die niedrigste Sanierungsrate seit 10 Jahren hatten. Und das, obwohl die Politik immer wieder betont, dass an dieser Stelle am meisten passieren muss. Die Sanierungsrate liegt aktuell unter 1 Prozent aller Gebäude, was skandalös niedrig ist und ein Licht auf die Rahmenbedingungen wirft.

Das bedeutet, wenn man nicht sehr viel Geld in die Hand nimmt, wird man die CO2-Minderungsziele die man für den Gebäudebestand hat, kaum durch die energetische Sanierung allein erreichen können. Man kann aber einen weiteren Beitrag zum Erreichen der Ziele leisten, indem man erneuerbare Energien einsetzt. Hierbei ist die wirtschaftlichste Lösung der Einsatz von Biomethan in einer modernen Heizungsanlage.

Aus unserer Sicht soll jeder Hausbesitzer selbst entscheiden können, auf welche Art und Weise (BHKW, Solarthermie) er seine Verpflichtung zum Einsatz erneuerbarer Energien erfüllt. Auch hier wird man allerdings versuchen, seine CO2-Bilanz mit den geringsten Kosten zu verbessern. Und im direkten Vergleich liegen die Kosten für einen 15-prozentigen Einsatz von Biomethan im Erdgasanteil um bis zu 70 Prozent niedriger als für die gleichen Minderungsziele bei allen anderen Alternativen.

Ein wichtiges Argument auch für Mieter, denn alle Kosten für die Sanierung oder den Einsatz von erneuerbaren Energien fließen letztlich in die Kalt- oder Warmmiete mit ein. Am Ende werden die Budgets der privaten Haushalte belastet und ich glaube nicht, dass es die Politik durchhalten wird, enorme Mietsteigerungen zu provozieren. Die Politik muss Maßnahmen zum Klimaschutz umsetzen, die aber auch sozialverträglich sein müssen und hier wäre die Zulassung von Biomethan im Wärmemarkt genau der richtige Weg.

BiomasseMuse: Sind das bereits Ergebnisse der Wärmestudie die der Biogasrat durchgeführt hat?

Es wirft einen Blick auf unsere Studie, welche zwar noch nicht abgeschlossen ist, sich aber bereits in der Endkurve befindet. Wie die Sanierungssituation und die Kostenverhältnisse der verschiedenen Alternativen aktuell aussehen, sind Ergebnisse der Studie. Welche Instrumente wir letztendlich empfehlen werden, um Biomethan gängig zu machen, beispielsweise mit Hilfe einer Nutzungspflicht, ist aber noch nicht entschieden. Dass der Einsatz von Biomethan der beste Weg ist, um möglichst warmmietenneutral den Klimaschutz voranzubringen, das kann man aber bereits jetzt schon sagen.

Wie ist der Stand der gasförmigen Bioenergie in Europa?

BiomassMuse: Lassen sie uns die Perspektive auf Biogas und Biomethan etwas weiten und einen Blick auf die Situation in Europa  werfen. Der Biogasrat hat im November des vergangenen Jahres die Fachkonferenz „Biogas und Biomethan im Europäischen Binnenmarkt“ veranstaltet. Was haben Sie aus dieser Veranstaltung mitgenommen und welche Potentiale sehen sie für die gasförmige Bioenergie in Europa?

Reinhard Schultz: Die Situation der gasförmigen Bioenergie in der Europäischen Europa ist sehr unterschiedlich und unabhängig von den theoretisch vorhandenen Potentialen Biogas zu erzeugen, werden diese sehr unterschiedlich genutzt. Großbritannien ist auf einem großen Sprung und auch die Niederlande sind sehr interessiert und importieren Biomethan massiv aus anderen Ländern. In Bezug auf die Verstromung sind auch Polen und Italien auf dem Sprung, wobei Italien die besten Vergütungssätze bereitstellt. In anderen Ländern ist man noch in den Anfängen, aber man sieht die Chance der gasförmigen Bioenergie.

Es stellt sich die Frage, wie man die Biogaspolitiken der verschiedenen Mitgliedsländer der EU auch seitens der Marktteilnehmer besser koordinieren kann, um zu vergleichbaren Vergütungssätzen, Maßstäben und Anwendungsfeldern zu gelangen.

Wir haben ein europäisches Marktsegment, welches bereits europäisiert ist und nicht ausschließlich der nationalen Gesetzgebung unterliegt. Das ist der Kraftstoffsektor. Wir haben eine Kraftstoffrichtlinie mit einer Biokraftstoffquote in der Biogas, beziehungsweise Biomethan, grundsätzlich zugelassen ist. Dieser Markt unterliegt ausschließlich der Europäischen Union und ist einer, in dem schon ein Cross-Border-Verkehr in großem Maße stattfindet.

Im Bereich der Verstromung werden die nationalen Gesetzgeber ihre eigenen Kriterien entwickeln, die nicht komplett kompatibel sein werden. Wie in Deutschland wird in den nationalen Gesetzen teilweise sogar enthalten sein, dass die Erzeugung der erneuerbaren Energien innerhalb der eigenen Landesgrenzen stattfinden muss, wenn man die entsprechenden Vergütungen und Subventionen erhalten möchte. Das ist im Kraftstoffsektor nicht so und der Biokraftstoff kann erzeugt werden, wo es am besten passt, wodurch von vornherein eine Einladung vorhanden ist, die Dinge auch zu europäisieren.

Ich glaube, dass wir auf die Dauer den erneuerbaren Energiesektor europäisch definieren müssen, mit gemeinsamen Kriterien was die Nachhaltigkeit angeht, aber auch mit ähnlichen Vergütungssätzen. Auf diesem Wege wird mittelfristig dort produziert, wo auch die besten Rahmenbedingungen zu finden sind, wodurch die erneuerbaren Energien so schnell wie möglich die Marktfähigkeit erreichen können. Im Biogasbereich stehen die Chancen hierfür sehr gut – insbesondere im Bereich Biomethan. Wir haben bereits ein europäisches Erdgasnetz und somit einen funktionierenden Vertriebsweg für Biomethan, welches aus jedwedem Land in jedwedes andere Land transportiert werden kann. An dieser Stelle müssen eigentlich nur die Weichen so gestellt werden, dass die Schnittstellen zwischen den Ländern harmonisieren.

Hier haben wir ein Projekt aufgelegt, welches auf Erfahrungen aus dem letzten Jahr basiert. Für dieses Projekt haben wir 7 oder 8 Länder an einen Tisch geholt, um gemeinsam mit den Marktteilnehmern Spielregeln zu entwickeln, wie die verschiedenen nationalen Kriterien vergleichbar gemacht werden können. So soll der Verkauf von Biomethan von Deutschland nach Holland oder von Frankreich nach Schweden ermöglicht werden. Dieses Projekt wird bereits Mitte des Jahres abgeschlossen sein und ist ein wirkliches Trendprojekt, welches es in dieser Form bisher nirgendwo gibt. Wir verknüpfen das Projekt sehr eng mit der Green Gas Grid Initiative der Europäischen Union, bei welcher die Energieagenturen der verschiedenen Länder zusammenarbeiten. Hier sind wir mit an Bord und bringen unser Projekt mit ein.

Welche Stellung vertritt der Biogasrat in der Debatte um ein künftiges EEGasG?

BiomassMuse: Aktuell kann man zunehmend eine Diskussion um ein Erneuerbares-Energien-Gas-Einspeisegesetz  (EEGasG) verfolgen. Das neue Gesetz soll das Erreichen der politisch vorgegebenen Einspeiseziele von jährlich 6 Mrd. m3 Biomethan bis 2020 und eine allgemeine Belebung des Biomethanmarkts in Deutschland unterstützen.   Die beiden großen Biogasverbände in Deutschland vertreten zu dem  eventuell kommenden EEGasG ganz unterschiedliche Ansichten. Welche Meinung vertritt der Biogasrat?

Reinhard Schultz: Unser Wettbewerbsverband der Fachverband Biogas vertritt seit Jahren die Auffassung, dass wir ein Gas-Einspeisegesetz benötigen, obwohl er gleichzeitig die Position vertreten hat, dass man unbedingt auf die Effizienz bei der Verstromung achten sollte. Ich sehe hier einen großen Widerspruch.

Wenn man die Einspeisung als solche vergütet, dann hat man keinen Einfluss mehr darauf, was mit dem Gas geschieht und es führt unabhängig von der späteren Anwendung zu einem schwer zu unterscheidenden Mix aus grauem und grünem Gas.  Und diese Vorgehensweise steht auch quer zum EEG und ich weiß nicht, wie man die Bilanz des Verstromungsgesetzes (EEG) und des Gas-Einspeisegesetzes später auseinanderhalten soll. Es wird somit eher zu einer Addition von Subventionen kommen, als dass man diese abbauen kann.

Wir sind ausdrücklich gegen ein Gas-Einspeisegesetz, weil wir der Meinung sind, dass wir den Markt aktivieren und die Anwendung von Biogas fördern müssen, dann kommt die Einspeisung von selbst. Das Gasnetz ausschließlich zur Speicherung zu verwenden, ohne das auch für eine anschließende Anwendung gesorgt wird, hilft nicht wirklich weiter.

Wir könnten uns zurücklehnen und sagen, dann landet es automatisch auch in der Brennwerttherme, was wir aber für falsch halten würden, weil wir die Biogasnutzung auch mit Effizienzgesichtspunkten verbinden möchten. Derjenige soll Biogas einsetzen können, der auch die modernste Heizung einsetzt und nicht auf einen Uraltkessel zurückgreift. Bei einem Gas-Einspeisegesetz würde bei jeder Anwendung Biogas mitbenutzt, egal ob sie effizient ist oder nicht. Das ist der große Nachteil und ein EEGasG ist ein reines Subventionsgesetz. Es wurde aus der landwirtschaftlichen Sicht heraus entwickelt, dass alles gut ist, wofür ich eine garantierte Vergütung erhalte und was mit dem Markt nichts zu tun hat.

Wir möchten Marktregeln haben, welche Anreize für die Anwendung von Biogas bieten, aber ansonsten den Wettbewerb zwischen den verschiedenen Anbietern ermöglichen. Der Wettbewerb soll auch dazu beitragen, dass die Kosten möglichst gedrückt werden und Biogas, beziehungsweise Biomethan, möglichst effizient erzeugt wird. Das ist schon ein großer Unterschied. Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Verbänden ist, ob man eher der Denkschule der EU-Agrarsubventionen oder der Sichtweise des Marktes entstammt.

In welchen Punkten sind der Biogasrat und der Fachverband Biogas eher Konkurrenten und in welchen eher Partner?

BiomassMuse: Eine Frage die ich mir als Bioenergie-Enthusiast gestellt habe ist, ob zwei Biogasverbände nun eigentlich eher gut oder eher schlecht für die Weiterentwicklung der gasförmigen Bioenergie in Deutschland sind. Gerade die Diskussionen im Zuge der EEG-Novelle 2012 oder die aktuelle Meinungsverschiedenheit zum EEGasG zeigen, dass die Interessen teilweise sehr unterschiedlich sein können. Welche Konflikte haben Sie in den vergangenen Jahren entdecken können? Existieren bereits Bereiche in denen Sie direkt  mit dem Fachverband zusammenarbeiten beziehungsweise sich miteinander absprechen?

Reinhard Schultz: Zunächst einmal gibt es natürlich große Gemeinsamkeiten. So stimmen beide Verbände darin überein, dass Biogas einen ganz wesentlichen Beitrag zur Ökologisierung der Energieversorgung leisten kann. Weiterhin stimmen wie überein, dass die Diskussionen um die Akzeptanz der Bioenergie, beispielsweise die Teller-oder-Tank-Debatte, eine sehr stark interessengeleitete Situation ist, bei der sich der Wettbewerb innerhalb der agroindustriellen Sphäre austobt.

Die Fleischwirtschaft ist beispielsweise überhaupt nicht daran interessiert, dass Landwirte die Möglichkeit haben auf zwei Märkten (Futtermittelmarkt, Energiemarkt) zu spielen. Hier gewinnt die Teller-Tank-Debatte eine ganz andere Dimension, die mit ethischen Gesichtspunkten gar nichts zu tun hat, sondern bei der es um knallharte ökonomische Interessen geht.

Das sehen der Fachverband Biogas und der Biogasrat gemeinsam. Bei Fragen zur Akzeptanzentwicklung und wie wir argumentativ nach außen auftreten, stimmen wir uns ab oder machen das teilweise gleich gemeinsam. In vielen Fragen der praktischen Regelungen von Gesetzgebungen stimmen wir uns ebenfalls ab, denn die Dinge sollen ja am Ende funktionieren. Hier gibt es schon durchaus Gemeinsamkeiten.

Der wesentliche Unterschied ist die Frage Marktansatz und die Frage nach dem industriellen Maßstab. Wir halten es für völlig ausgeschlossen, dass mit einem Anlagensegment von 50 bis 200 kW eine Energieversorgung im industriellen Maßstab wirtschaftlich möglich ist. Dezentral heißt nicht nur micky-maus-klein, sondern dezentral heißt auch ein wirtschaftliches Optimum zu finden.

Dieses Optimum liegt aus unserer Sicht bei Biogasanlagen eher bei der Größenordnung von 1.200 kW und bei Gas-Einspeiseanlage eher bei 2.000 kW. Das würde die Landwirte natürlich eher zwingen, untereinander zu kooperieren. Wir wollen, dass die Landwirte die Anlagenbetreiber-Struktur weiterhin stark mit prägen, aber das soll eben unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten passieren. Eine Anlage muss nicht so klein sein, weil der eigene Hof keine größere Anlage zulässt. Das sollte kein Kriterium bei der Entwicklung der Förderbedingungen sein. Hier unterscheiden sich die Verbände eben ganz wesentlich, ob wir eher weg von den Subventionen oder mehr Subventionen wollen.

Die Frage, ob 2 oder 3 Verbände zu viel oder zu wenig sind, hängt natürlich davon ab, ob es Interessenkonkurrenzen gibt und ob diese überwiegen. Ich glaube, dass wir das EEG dahin trimmen müssen, möglichst marktnah zu sein, damit es sich im Endeffekt möglichst aufhebt. Ich könnte es mir leicht machen und sagen, dass 1 Verband völlig ausreichend ist – nämlich unserer – aber das wird wahrscheinlich auf wenig positiven Widerhall stoßen bei den Anderen.

Wir haben teilweise auch Doppelmitgliedschaften. Der Fachverband hat Stärken in der Fläche als Beraterverband und ist von der Struktur her ähnlich aufgebaut wie der Bauernverband. Wir sind eher aufgebaut wie ein Industrieunternehmen und unsere Mitgliedschaft ist auch eindeutig industrieller.

Wo sehen Sie die Biogasbranche in 5-10 Jahren?

BiomassMuse: Sicherlich eine schwierig zu beantwortende, aber auch schöne Schlussfrage, deren Beantwortung Mut zur Prognose erfordert. Können Sie den Lesern einige ermutigende Gedanken für die Biogaslandschaft der Zukunft mit auf den Weg geben?

Reinhard Schultz: Ich sehe die Zukunft der Biogasbranche, wenn man das so sagen möchte, im Grundsatz durchaus rosig und das bei allen Schwierigkeiten, die wir aktuell haben. Ich glaube, dass diese stetige und bedarfsgerecht zur Verfügung stehende Energie eher eine größere als eine untergeordnete Rolle spielen wird.

Es hat keinen Zweck in erneuerbare Energien zu investieren, von denen nur 9 Prozent der installierten Leistung auch tatsächlich in elektrische Arbeit umgewandelt wird. Da kann man das Geld gleich im Papierkorb verbrennen, dass  muss man ja wirklich mal so sagen. Und damit werden auch Möglichkeiten frei in andere Sektoren zu investieren, ohne dabei die EEG-Umlage zu erhöhen.

Wir werden mehr Marktnähe bekommen und Anlagen werden nur die spezifischen Mehrkosten, im Vergleich mit Standardanlagen, über eine Umlage vergütet bekommen. Dazu wären wir jetzt schon in der Lage und das wird der Regelfall werden. Hier wird sich Biogas im Übrigen sehr gut schlagen.

Der zweite Punkt ist, dass wir bei der Auswahl der Substrate eine viel größere Bedeutung der Reststoffe haben werden als zum heutigen Zeitpunkt. Wir haben aktuell die Situation, dass reststoffstämmiges Biomethan der Renner ist, der im Biokraftstoffsektor mit der besten CO2-Bilanz aufwarten kann.  Wenn man das zur Kenntnis nimmt, dann wird man auch im nächsten Schritt erkennen, dass das auch im Wärmemarkt nicht ganz uninteressant ist. Letztlich wird diese Sichtweise wahrscheinlich auch im Strommarkt ankommen. Natürlich wird man immer noch NawaRo‘s nutzen, weil einfach das Marktpotential sehr groß ist und Reststoffe nicht ausreichen werden.

Der dritte Punkt wird sein, dass Biogas – und Biomasse überhaupt – im Bereich der Ausgleichs- und Regelenergie eine ganz wichtige Rolle spielen werden. Dazu bedarf es noch vernünftiger Rahmenbedingungen, aber die werden schneller kommen, als mancher glaubt.

Wir haben aktuell eine schwierige Phase der Unsicherheit in der gesamten Branche, aber ich würde sagen, dass sich das schon im Verlauf des Jahres 2012 weitgehend beruhigen wird. Wir werden ein ordentliches EEWärmeG hinbekommen. Und wir werden deutlich positive Effekte im Kraftstoffsektor haben, wo wir gar keine großen gesetzlichen Regelungen benötigen, sondern wo sich nur die Marktteilnehmer vernünftig verhalten müssen. Und der Regelenergiesektor, der läuft geradezu auf uns zu.

Herr Schultz, vielen Dank für das Interview.

Aufgezeichnet am 01.02.2012