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In letzter Zeit habe ich häufiger über das neue Zertifizierungssystem ISCC berichtet, welches die Gewinnung der Biomasse für Biokraftstoffe  noch nachhaltiger werden lassen soll. Heute fand zu diesem Thema eine Veranstaltung in Berlin statt, zu der die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) und der WWF geladen haben, um über Umsetzungsdetails wie enthaltene Standards, Teilnehmer und Finanzierung des ISCC zu informieren. Von meinen Erkenntnisse und Erfahrungen beim Gespräch handelt der heutige Artikel.

Nachhaltige Biomasseproduktion zum Frühstück

Das Gespräch lief unter dem aussagekräftigen Namen „Zank-Apfel nachhaltige Biomasse“ und fand im direkten Anschluß an ein parlamentarisches Frühstück in Berlin statt. Die Gesprächsrunde bestand aus Martina Fleckenstein (WWF) und Dr. Andreas Schütte (FNR), welche zum Gespräch eingeladen haben, 4 Journalisten und mir als Wissenschaftsblogger. In 90 Minuten wurden die Hintergründe, Potentiale und Probleme bei der Umsetzung eines Zertifizierungssystems für Biokraftstoffe besprochen.

Standpunkte der FNR und des WWF zum Zertifizierungssystem ISCC

Auf die wesentlichen Randbedingungen rund um das Zertifizierungssystem „International Sustainability and Carbon Certification“ (ISCC) bin ich schon in einigen früheren Artikel (link) eingegangen. Die Standpunkte der FNR und des WWF zum ISCC können unter den Namenslinks nachgelesen werden.

Verschiedene Zertifizierungssysteme für nachhaltige Biomasseproduktion

Zurück zum Frühstück unter der thematischen Flagge der nachhaltigen Biomasse. Ich hatte das Vergnügen, das erste Mal bei einem so qualifizierten Gespräch zum Thema Zertifizierungssysteme dabei zu sein und habe schnell gemerkt, wie komplex das Thema diskutiert werden kann und eigentlich muss. Nachdem die Frage über die Notwendigkeit eines Zertifizierungssystems für nachhaltige Biomasse  mit JA beantwortet ist, kommen die viel schwierigeren Fragen über das WIE.

Ein Zertifizierungssystem für Biomasse hat das Potential ,die Märkte in Europa und weltweit stark zu beeinflussen, kann aber auch relativ unbemerkt wieder verschwinden wenn es von den Landwirten oder Verbrauchern nicht akzeptiert wird.

Dem ISCC ähnliche Zertifizierungssysteme wurden schon durch den „Roundtable on Responsible Soy“ und den „Roundtable on Sustainable Palm Oil“ auf den Weg gebracht. In beide Entwicklungsprozesse war auch Martina Fleckenstein involviert und hat die gemachten Erfahrungen in den Entwurf des ISCC einfließen lassen.

Was sich während der letzten Jahre bei der Reifung der Zertifizierungssysteme vor allem verändert hat, sind die Standards der Zertifikate. So wurden vor allem die sozialen Komponenten (z.B. die Arbeitsbedingungen) bei der Herstellung von Biomasse viel stärker in den ISCC Standards berücksichtigt. Die Mischung aus ökologischen und sozialen Kriterien treffen auf ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen in den teilnehmenden Ländern, was die Herausarbeitung von anspruchsvollen, aber trotzdem von den Teilnehmern akzeptierbaren Kriterien teilweise schwierig gemacht hat.

Außerdem hat eine Erweiterung der Anbaukulturen stattgefunden, welche von den Systemen erfaßt werden sollen, so dass z.B. auch der massive Anbau von Zuckerrohr in das System aufgenommen wurde. Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch die Überlegung, die Zertifizierungssysteme zukünftig nicht auf Biomasse für die Erzeugung von Bioenergie zu begrenzen, sondern die Standards auch auf die Lebensmittelproduktion zu übertragen.

Eine schöne Vision für eine ideale Produktion von Biomasse, welche auch die Standards von relativ anspruchsvollen Zertifizierungssystemen erfüllt, zeigt der folgende gut gemachte Imagefilm des Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO):

Der Einfluß der Zertifizierungssysteme auf die Entwicklung der Bioenergie

Nach einer Dreiviertelstunde Diskurs über verschiedene Maßnahmen und Standards, bisherige Erfahrungen und Ziele der Zertifizierungssysteme war ich ziemlich durcheinander und meine Meinung, dass Zertifizierungssysteme den Regenwald schützen UND der Bioenergie-Branche in jedem Fall helfen, war etwas angekratzt. Die bisherige Klarheit über Zertifizierungssysteme für Biokraftstoffe war erstmal stark durchgeschüttelt worden, aber wie sagt man so schön: „Nur wer Chaos in sich trägt, kann einen tanzenden Stern gebären“.

Mein größtes Verständnisproblem innerhalb der umfassenden Zertifizierungssysteme lag in den schwer vorhersehbaren Folgen, welche ein System mit relativ hoch angesetzten sozialen und ökologischen Kriterien für die Bioenergiebranche haben könnte. So kann ein Zertifizierungssystem auf der einen Seite die Abholzung von Regenwäldern verhindern, es kann aber auch dazu führen, dass die weniger nachhaltig produzierte Biomasse einfach in andere Regionen der Welt umgeleitet wird und andere Märkte bedient. Auch die Betriebskosten des Zertifizierungssystems müssen natürlich getragen werden, was den Preis für Bioenergie aber nicht zu stark ansteigen lassen darf.

Um etwas mehr Ordnung in die verschiedenen Einflüsse zu bringen, habe ich während der Rückfahrt vom Gespräch und in Weiterführung am Rechner die am stärksten von einem Zertifizierungssystem betroffenen Parameter zusammengestellt. Hier ist eine kleine Grafik dazu, welche die verschiedenen Spannungsfelder zeigt.

Übersicht zu Zertifizierungssystemen für nachhaltige Biomasse

Die Parameter sind inhaltlich aneinander gekoppelt und ihre Entwicklung kann im Vorfeld nur tendenziell abgeschätzt werden. Außerdem kann zwischen kurzfristigen und langfristigen Entwicklungen unterschieden werden. Die Biomasseproduktion wird durch die Standards des Zertifizierungssystems also deutlich ökologischer und sozialer, aber sie verliert etwas an „Wirtschaftlichkeit“ (Kaufpreis).

Wovon hängt der Erfolg der Zertifizierungssysteme ab?

Ob diese eigentlich sehr schöne Tendenz hin zu einer „ökologischen Landwirtschaft“ auch in Regionen zu installieren ist, welche bisher kaum nachhaltig produziert haben, hängt von vielen Faktoren ab.

Am Ende wird es darauf hinauslaufen, wie viele Verbraucher bereit sein werden für nachhaltig produzierte Biomasse und Bioenergie einen Preisaufschlag von ca. 10% in Kauf zu nehmen oder ob die preisliche Entwicklung abgestraft wird und die Verbraucher auf andere (preiswertere) Energiequellen umsteigen. Diese Bereitschaft zur Übernahme der Kosten hängt natürlich auch von der praktischen Umsetzung des Zertifizierungssystems ab. Wie regelmäßig und an wie vielen Orten findet die Zertifizierung statt, wie hoch ist die Transparenz der Zertifizierung, wie viele schwarze Schafe werden entdeckt und wie geht man gegen sie vor, wie viel teurer wird der Biokraftstoff durch die Zertifizierung?

Für sehr umweltbewusste Verbraucher ist das Zertifizierungssystem in jedem Fall ein großer Gewinn.  Das gereifte Zertifizierungssystem des ISCC ist ein toller Fortschritt in Richtung nachhaltige Biomasseproduktion, welches unbedingt unterstützt werden sollte. Auf der anderen Seite dürfen keine schnellen Wunder erwarten werden, sondern das „system in action“ muß weitere Anpassungsschritte auf die resultierenden Marktreaktionen annehmen und sich bei Produzenten und Verbrauchern etablieren.