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Der Besuch der World Biofuels Markets 2012 (WBM12) war ein tiefes Einatmen von frischen Ideen zu Biokraftstoffen. Als Bioenergie-Enthusiast war der Aufenthalt in Rotterdam offen gesagt wie eine 3-tägige Kur nach einem anstrengenden Boxkampf über 12 Runden. Es ist sehr schön zu wissen, dass es noch zahlreiche Branchenakteure gibt, die bei allen dunklen Gesprächen rund um die flüssigen Bioenergieträger und den beschworenen Konflikten (Hunger, Regenwaldabholzung, ILUC) weiterhin an die helle Seite der Biokraftstoffe glauben und sich engagiert, gemeinschaftlich und mit viel Freude für diese einsetzen. Der Artikel bietet einen kleinen Überblick über meine Erfahrungen beim diesjährigen WBM, der die internationale Branche an einem der globalen Bioenergie-Hotspots zusammengebracht hat.

Ich möchte diesen Punkt nicht überstrapazieren, aber die wirklich inspirierenden Momente zu erneuerbaren Kraftstoffen sind in Deutschland momentan leider selten und am ehesten auf den großen Biokraftstoff-Messen (siehe BBE/UFOP-Event im Januar) einzufangen. Aber zum Glück fesseln wir die Biokraftstoffe aktuell nicht auf allen Kontinenten an die Anklagebank und vor allem in Nordamerika, Asien und Afrika werden Biokraftstoffe bei allen Risiken auch weiterhin als große Chance wahrgenommen.

Dabei spielen die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz auch international eine bedeutende Rolle, aber Gespräche zu Biokraftstoffen werden nicht mit der ILUC-Problematik begonnen, sondern diese ist Bestandteil einer ausgewogenen Debatte um den Aufbau der Energieversorgung der Zukunft. Eine wirklich angenehme Abwechslung.

Vor allem im Austausch mit US-Amerikanern habe ich erfahren, dass sie von der Entwicklung der Biokraftstoffbranche in Europa und dem stark negativen Ton geradezu erschrocken sind und die Europäer dazu ermutigen, sich deutlich stärker für das Image und die Vorzüge der Biokraftstoffe einzusetzen. In Bezug auf professionelles Marketing können wir Europäer wahrscheinlich noch einiges vom Land der Hollywood-Traumfabrik lernen.

Es ist eine schwierige und etwas festgefahrene Situation für Biokraftstoffe, aber eben nicht überall auf dem Globus. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse die ich aus Rotterdam mitgenommen habe.

Biokraftstoffe der nächsten Generation kommen in einem bunten Spektrum an Feedstocks und Technologien

Einer der Themenblöcke auf der diesjährigen World Biofuels Markets in Rotterdam wurde natürlich den Biokraftstoffen der Zukunft, also der zweiten und dritten Generation, gewidmet. Dieser Einblick in die Welt der Biokraftstoffe wurde zu meiner großen Freude  von dem US-amerikanischen Biokraftstoffexperten Jim Lane moderiert. Jim Lane hat den mittlerweile legendären Biofuels Digest gegründete und die US-amerikanischen Biokraftstoffbranche im Internet als Tech-Blogger begleitet und mit geprägt.

Jim Lane und Flavia Marples Lane vom Biofuels Digest Johanna Harvey  Ron Kirchner

Jim Lane vom Biofuels Digest auf dem WBM! (v.r.n.l. Flavia Marples Lane, Jim Lane, Johanna Harvey, Ron Kirchner)

 Auch wenn Nadim Chaudhry (CEO, Green Power Conferences) mittlerweile die Renaissance der Biokraftstoffe aufkommen sieht, sind es vor allem die Biokraftstoffe der zweiten und dritten Generation gewesen, welche während der vergangenen 3 dunklen Jahre die Hoffnungen der Branche hochgehalten haben, dass die dichten Wellen der scharfen Kritik überwunden und konstruktiv genutzt werden können.

In den kommenden Artikeln werde ich deshalb einen Themenfokus auf die innovativsten Biokraftstoff-Unternehmen in Europa legen. An dieser Stelle nur ein kurzer Überblick über weitere interessante Konzepte und Unternehmen, welche wichtige Impulsen für die Weiterentwicklung von Bioethanol & Co setzen und diese auf dem WBM vorgestellt haben.

David Cepla von Envergent Technologies hat die Fast-Pyrolysis-Technologie des Unternehmens vorgestellt, die es ermöglicht, aus einem breiten Spektrum von Abfällen Biokraftstoffe herzustellen. Bei dem verwendeten Pyrolyseverfahren kann der Energiegehalt des Substrats um den Faktor 6 verdichtet werden. Außerdem ist es das weltweit einzigartige Fast-Pyrolysis-Verfahren sehr flexibel einsetzbar und gestattet auch die Verwendung von lignocellulosehaltiger Biomasse mit Partikelgrößen von Holzstaub bis hin zu Hackschnitzeln.

Dr. Paul Snaith von Joule Unlimited hat das Konzept der “Advanced Solar Fuels” vorgestellt an deren Umsetzung das Unternehmen seit 2007 arbeitet. Das Visionäre an diesem Konzept ist die direkte Herstellung verschiedener Biokraftstoffe aus Sonnenlicht, ohne den „Umweg“ über die Biomasse-Produktion, die dann noch veredelt werden muss. Beim Verfahren des Helioculture werden Cyanobakterien als ein Biokatalysator genutzt, um auf einem Hektar Landfläche etwa 60.000 Liter Biodiesel pro Jahr herzustellen. Im Vergleich können mit dem gleichen Flächeneinsatz etwa 1.000 Liter Biodiesel aus Pflanzenöl gewonnen werden. Sollte dieses Konzept den Commercial-Scale-Status erreichen, wäre die Flächeneffizienz phänomenal.

Dr. Lisa Dyson ist CEO bei Kiverdi und hat über die Vision des Unternehmens gesprochen, aus Abfällen Öl herzustellen (nicht Biodiesel oder Bioethanol, sondern flexibles Öl!). Frau Dyson ist Physikerin und hat an den namenhaftesten Universitäten der USA (Standfort, Princeton, MIT) geforscht und im Bereich der String-Theorie promoviert, bevor sie sich der Welt des Carbon Recycling zugewandt hat. Das Verfahren des Unternehmens ist ebenfalls im Bereich der Pyrolyse angesiedelt, wobei sich Kiverdi auf low-cost-operations mit niedrigen Temperaturen und Drücken konzentriert.

Außerdem wurden auf dem WBM interessante Konzepte für die energetische Nutzung von Mikroalgen und Meerestang vorgestellt. Dabei ist den Angaben von Will Thurmond (CEO, Emerging Markets) der Schritt von der Pilotanlage zur Demonstrationsanlage der weltweit schwierigste Schritt, an dem bisher leider noch der Großteil der zahlreichen Start-Ups scheitert.

Unter dem Stichwort „Kleine Märkte, große Preise“ wurde der aktuelle Konflikt vieler Algenunternehmen erläutert, dass sie auf den parallelen Verkauf von kleinen Mengen an sehr spezialisierten Proteinen oder Chemikalien für die stoffliche Nutzung angewiesen sind, um ihr mittelfristig angestrebte Herstellung von Bioenergieprodukten im industriellen Maßstab finanzieren zu können. Erst ab 2020 wird mit den ersten Anlagen für die großtechnische Herstellung von Energieprodukten aus Algen gerechnet. Unternehmen der Algenbranche, die sich auf dem WBM präsentiert haben, sind beispielsweise Solix BioSystems, Bio Architecture Lab und ALGAEtech.

Hier finden sie eine Auflistung von Unternehmen und Instituten die sich mit der Algenforschung und –nutzung in Deutschland beschäftigen.

Im Folgenden einige Bilder und kurze Statements von Teilnehmern und Rednern des WBM.

Image, Handel und andere Herausforderungen für Biokraftstoffe

Das eingängigste Zitat zum Thema Biokraftstoffe kam von Damian Carrington (Head of Environment, The Guardian). Er meinte ganz einfach:

„Biokraftstoffe haben ein Imageproblem“.

Diese Aussage ist sicherlich kein großes Geheimnis, aber sie zeigt doch, dass selbst die größten Online-Medien die aktuelle öffentliche Wahrnehmung der Biokraftstoffe als schwierig beurteilen und dass sich die Branche noch deutlich mehr für die Verbesserung ihres Rufs einsetzen muss, wenn sie langfristig Erfolg haben möchte.

Bioenergie-Befürworter müssen natürlich nicht mehr von den Vorteilen der Biokraftstoffe überzeugt werden, aber ein großer Teil der Verbraucher und Politiker sind nach der anfänglichen Euphorie und der mittlerweile überwiegend negativen Berichterstattung verunsichert, ob Biokraftstoffe wirklich ein Gewinn für die Gesellschaft sind. An dieser Stelle muss die Branche in Deutschland stärker aufklären.

Die Vertreter von Oxfam oder Greenpeace haben auf dem WBM sehr deutlich Stellung bezogen und verlauten lassen, dass sie nicht eher von den Biokraftstoffen ablassen werden, bis sie der Meinung sind, dass diese komplett nachhaltig sind. Dem Austausch mit den scharfen Kritikern muss sich die Branche also weiterhin sehr offen stellen. Meine persönliche Meinung ist, dass die Biokraftstoffbranche schon deutlich engagierter mit dem Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz umgeht als viele andere Branchen, aber das ist auch ihre Aufgabe, wenn einer ihrer Vorteile der Umwelt- und Klimaschutz sein soll.

Ein weiteres Problem der Biokraftstoffindustrie wurde von Ewout Deurwaarder (EU-Kommission) und Rob Vierhout (Geschäftsführer ePURE) angesprochen. Dabei geht es um den internationalen Handel von Bioethanol und Biodiesel. Bei aller Vision für eine gemeinschaftliche globale Biokraftstoffbranche ist es im vergangenen Jahr zu starken Konflikten beim Handel mit den erneuerbaren Kraftstoffen gekommen. Für die größten Spannungen haben die folgenden Handelsbeziehungen gesorgt:

  • Bioethanol-Handel zwischen den USA und Brasilien
  • Bioethanol-Importe von den USA nach Europa
  • Biodiesel-Importe von Argentinien nach Europa

Mit einem Verhältnis von 80-20 produzieren und nutzen wir in Europa aktuell Biodiesel und Bioethanol. Auf Grund der stark subventionierten Bioethanol-Exporte aus den USA („Dumping Kampagne“) haben sich die Bioethanol-Importe aus den USA im vergangenen Jahr sogar verzwanzigfacht! Unter diesem Preisdruck leidet der Absatz des in der EU produzierten erneuerbaren Ethanols und somit auch die beteiligten Unternehmen. An dieser Stelle hat die EU Kommission erst vergleichsweise spät mit einer Anti-Subsidy-Kampagne reagiert und voraussichtlich werden die „zerstörenden Importe“ (Vierhout) ab April 2012 nicht mehr möglich sein.

Trotz dieser aggressiven Absatzpolitik für Bioethanol aus den USA hatte der Geschäftsführer des Verbands für erneuerbares europäisches Ethanol noch ein versöhnliches Fazit.

„Alle Biokraftstoffindustrien weltweit sollten zusammenarbeiten, aber es muss darauf geachtet werden, dass die Märkte der anderen respektiert werden.“

Hier finden sie außerdem einen kürzlich erschienenen Artikel von Rob Vierhout zum Thema ILUC. Vor allem den Fortschritt der Debatte in Europa sieht er äußerst kritisch.

Ewout Deurwaarder von der EU-Kommission sieht in der Zunahme von Importen, aktuell ein Drittel aller Biokraftstoffe in der EU, auch eine große Chance für heimische Biokraftstoffe aus Abfällen. Diese Biokraftstoffe der nächsten Generation aus Ländern der Europäischen Union erfüllen auch die höchsten Nachhaltigkeitsstandards und werden vergleichsweise preiswert sein. Biokraftstoffe aus Abfällen sollen deshalb zukünftig noch stärker gefördert werden, um den Importen hochwertige heimische Biokraftstoffe entgegenzusetzen.

Ein aktuelles Hemmnis für die zügige Entwicklung der globalen Biokraftstoffbranche bilden weiterhin die bestehenden Blend Walls. Dem Vortrag von Dr. Carlo Hamelinck (Ecofys) zur Folge müssen diese Blend Walls sowohl technologisch, als auch mit entsprechenden politischen Rahmenbedingungen überwunden werden. Abgesehen von der brasilianischen Ausnahme (Beimischung von 20-25 Prozent Bioethanol) werden sowohl Bioethanol als auch Biodiesel nicht in Beimischungsverhältnissen größer 10 Prozent verwendet. Richard Stark (British Sugar) plädierte beispielsweise für die Aufnahme der Debatte für die Einführung von E25.

Lisa Dyson von Kiverdi empfängt Award auf WBM

Dr. Lisa Dyson, CEO von Kiverdi, empfängt Biokraftstoff-Award auf dem WBM

Preisträger der World Biofuels Markets 2012 in Rotterdam

Abschließend möchte ich ihnen noch die Gewinner der Biofuel Awards des WBM 2012 nennen. Die Gewinner sind:

  • Biofuels Leadership Award | Novozymes
  • Sustainable Biofuels Technology Award | LS9
  • Biofuels Adoption Award | City of Stockholm
  • Sustainable Bioethanol Award | Abengoa
  • Sustainable Biodiesel Award | Vale
  • Sustainable Feedstock Innovation | DuPont Cellulosic Ethanol
  • Innovation in Aviation | Boeing
  • Sustainable Biopower Generation Facility | Envergent Technologies
  • Leader in Bio-based Chemical Industry | Kiverdi

Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner und die nominierten Unternehmen.

In der Sparte „Sustainable Bioethanol Award“ zählte auch die deutsche Verbio AG zu den 3 nominierten Unternehmen!

Das war eine kurze Zusammenfassung des Biokraftstoffevents. Ich kann die Veranstaltung nur wärmstens empfehlen und würde mich freuen, wenn im nächsten Jahr auch die deutsche Biokraftstoffbranche noch stärker vertreten ist (in diesem Jahr Süd-Chemie, Gelsenkraft und Evonik).

Vielen Dank an die Veranstalter von Green Power Conferences für diese sehr gelungene Biokraftstoff-Veranstaltung.