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Anfang 2012 wurde mit dem EEG 2012 das Marktprämienmodell zur Förderung der Systemintegration Erneuerbarer Energien eingeführt. Wie sieht die Bilanz im Biogasbereich nach über einem Jahr aus Vermarktersicht aus und welche Chancen bietet die Nutzung eines virtuellen Kraftwerks?

Zu Beginn war die Skepsis groß. Es würde nicht viele Betreiber geben, die den „sicheren Hafen“ der fixen EEG-Vergütung verlassen und ihren Biogasstrom direkt über die Strombörse vermarkten würden. Zu viele Unsicherheiten stünden im Weg:

  • die Unwägbarkeiten des Markts und der Börsenpreisentwicklung
  • die Kooperation der Verteilnetzbetreiber bei der Umstellung auf die Direktvermarktung
  • die Übernahme der Ausgleichsenergiekosten
  • die Bonität der Vermarkter im Gegensatz zur Bonität der Netzbetreiber
  • die Umsatzsteuerproblematik

Rückblickend lässt sich nach über einem Jahr sagen, dass viele der anfangs diskutierten Fragen entweder unbegründet waren oder inzwischen gelöst sind. So sorgt bereits das Design des Marktprämienmodells für ein vorsichtiges Herantasten der Biogasbranche an den freien Markt, indem es die Unwägbarkeiten der Preisentwicklung durch die gleitende Marktprämie vollständig auffängt. Die Betreiber von Biogasanlagen konnten so ohne Fallstricke erste Schritte auf einem Marktplatz wagen, der nach Auslaufen der EEG-Förderung wohl vorherrschend für die Vermarktung von Biogasstrom sein wird. Auch die Kooperation mit den Verteilnetzbetreibern war und ist im Großen und Ganzen unproblematisch, auch wenn viele Prozesse gerade zu Beginn noch unbekannt oder nicht etabliert waren.

Auf finanzieller und vertraglicher Seite gibt es durchaus Unterschiede zwischen den verschiedenen Vermarktern, sodass sich eine juristische Prüfung des Vertragswerks in vielen Fällen empfiehlt; schließlich geht es um hohe Summen. Ein Beispiel ist hier die Übernahme von Ausgleichsenergiekosten, die immer dann anfallen, wenn eine Anlage nicht die prognostizierte Strommenge produziert und einspeist. Manche wenige Vermarkter übernehmen die Ausgleichsenergiekosten in voller Höhe, manche nehmen den Betreiber mit in die Pflicht, manche geben die Kosten vollständig an den Betreiber weiter. Auch Handelskosten werden von manchen Vermarktern, insbesondere von solchen, die keinen eigenen direkten Börsenzugang besitzen, an den Betreiber weitergegeben. Die Bonität der Direktvermarkter hat sich ebenfalls als verlässlich erwiesen. Es ist uns kein Fall von Zahlungsverzug oder gar Zahlungsausfall bekannt, der auf eine mangelnde Bonität der Direktvermarkter im Vergleich zu den Netzbetreibern hinweisen würde. Somit haben sich Bedenken bezüglich der Einnahmesicherheit auf Seiten der Anlagenbetreiber nicht begründet. Auch die Frage, ob auf die Marktprämie eine Umsatzsteuer erhoben wird, ist inzwischen glücklicherweise geklärt.

Foto Biogasleitung für virtuelles Kraftwerk

Je mehr die anfängliche Skepsis im Laufe des vergangenen Jahres wich, desto mehr Anlagenbetreiber wechselten in das Marktprämienmodell der Direktvermarktung nach EEG 2012. Bereits Ende Dezember 2012 waren 1.936 MW an Stromerzeugungsleistung aus Biomasse (inklusive fester Biomasse wie Holz o.ä.) für die Direktvermarktung zur Inanspruchnahme der Marktprämie bei den Netzbetreibern gemeldet, bis Mai 2013 stieg diese Zahl sogar auf 2.418 MW an. Somit vermarkten heute knapp über die Hälfte der Biomasseanlagen in Deutschland ihre Stromproduktion über das Marktprämienmodell. Durchaus ein Erfolg, aber die reine Vermarktung über die Strombörse war und ist nicht das Ziel des EEG 2012. Was also sind die eigentlichen positiven Effekte der Direktvermarktung für Anlagenbetreiber und für die Energiewirtschaft insgesamt?

Virtuelles Kraftwerk ermöglicht Direktvermarktung in Eigenregie

Als Betreiber eines virtuellen Kraftwerks mit über 500 Biogasanlagen sehen wir die positiven Effekte vor allem in der verbesserten Systemintegration der Erneuerbaren Energien (EE). Denn mit der Stärkung der Direktvermarktung durch das EEG 2012 haben EE-Anlagen in vielen systemrelevanten Bereichen mehr Verantwortung übernommen.

Dies betrifft zum einen regelbare Anlagen (wie etwa Biogasanlagen), die nun auf dem Regelenergiemarkt zugelassen sind, wo sie neben konventionellen Erzeugungsanlagen für Netzstabilität sorgen. Wir gehen davon aus, dass bereits heute ca. 10% der ausgeschriebenen Regelleistung im Bereich der Minutenreserve von virtuellen Kraftwerken aus Erneuerbaren Energien bereitgestellt werden kann. Schon heute „regeln“ also manche Erneuerbare (insbesondere Biogasanlagen) die Schwankungen, die andere Erneuerbare (insbesondere Solar und Wind) verursachen. Die Tendenz, regelbare Anlagen über ein virtuelles Kraftwerk zu vernetzen und dieses zur Systemstabilisierung einzusetzen, wird sich aller Voraussicht nach verstärken, sodass wir in einigen Jahren über den heutigen Marktanteil von 10% wohl nur noch lächeln werden. Zusätzlich ist absehbar, dass auch im Bereich der Sekundärreserve, die noch vor der Minutenreserve zur Ausregelung der Netzfrequenz eingesetzt wird, insbesonders Biogasanlagen eine immer wichtigere Rolle spielen werden.

Zum anderen führt die Direktvermarktung von Erneuerbaren Energien über ein virtuelles Kraftwerk zu sehr interessanten Ergebnissen im Bilanzkreismanagement. In der fixen EEG-Einspeisevergütung speisen EE-Anlagen ihre produzierten Strommengen ohne Anmeldung in das Verteilnetz ein und übergeben sie in den Bilanzkreis des Netzbetreibers, der anfallende Ausgleichsenergiekosten auf die EEG-Umlage wälzt. In der Direktvermarktung übernimmt hingegen der Vermarkter die Fahrplanverantwortung gegenüber den Übertragungsnetzbetreibern und meldet alle Mengen seines Bilanzkreises für den Folgetag. Der Vermarkter ist naturgemäß an möglichst exakten Einspeiseprognosen der einzelnen EE-Anlagen interessiert, um seinen Bilanzkreis glattzustellen, da er die Ausgleichsenergiekosten nicht auf die EEG-Umlage wälzen kann und auch nicht auf die Anlagenbetreiber, zumindest nicht, wenn er keinen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Vermarktern riskieren möchte. Somit sorgt die Direktvermarktung für die Berücksichtigung von Wetterprognosen für einzelne Anlagenstandorte im Bereich der Wind- und Solarenergie und für ein erhöhtes Interesse an Fahrplantreue im Bereich der Bioenergie. Jede Betriebsstunde zählt. Anlagenbetreiber in unserem virtuellen Kraftwerk melden daher Wartungen und Störungen in unserem Webportal, damit möglichst geringe Ausgleichsenergiekosten über unseren Bilanzkreis anfallen – und somit der Bedarf an Regelleistung sinkt. Die Erneuerbaren sorgen also zum einen physisch für einen Teil der Ausregelung von Netzschwankungen über die Bereitstellung von Regelenergie und minimieren durch erhöhte Fahrplantreue bzw. verbesserte Wetterprognosen rein bilanziell den Bedarf an derselben. Hinzu kommt, dass in unserem virtuellen Kraftwerk, das über eine eigene Handelsabteilung mit direktem Börsenzugang verfügt, die Fehlmengen im eigenen Bilanzkreis durch kurzfristigen Stromhandel (das sogenannte Short Term Trading) weiter minimiert werden.

Foto: Stromleitungen eines virtuellen Kraftwerks

Stromleitungen

Die große Frage, die die Bioenergiebranche nach dem schweren Jahr 2012 auch uns als Vermarkter stellt, lautet: Wie geht es weiter? Auf den einschlägigen Veranstaltungen der Branche gab es zum Jahreswechsel einige Hinweise, wie sich die Direktvermarktung von Biogasstrom weiter entwickeln wird. Sicherlich ist die Ausweitung der Regelenergiebereitstellung auf die technisch anspruchsvollere Sekundärreserve ein Weg, der verstärkt Beachtung findet, umso mehr, als die Preise im Bereich Sekundärreserve derzeit auf hohem Niveau stabil sind im Gegensatz zu den leider sehr volatilen Preisen auf dem Minutenreservemarkt im letzten Jahr. Aber auch die bedarfsorientierte Erzeugung von Biogasstrom in Verbindung mit der Flexibilitätsprämie gewinnt an Bedeutung, wie wir am regen Interesse unserer Bestandskunden merken. Nach dem Gang an die Strombörse über das Marktprämienmodell im Jahr 2012 wird das Jahr 2013 unter dem Vorzeichen des Händlergeschicks stehen, das an der Strombörse zu Mehrerlösen für Betreiber führt, wenn diese verstärkt dann Strom ins Netz einspeisen, wenn Bedarf und Preis hoch sind. Auch gänzlich neue Konzepte im Biogassegment wie die regionale Direktvermarktung an Abnehmer in räumlicher Nähe zur Anlage zur Einsparung von Teilen der Stromsteuer werden wichtiger werden. Allen Vermarktungswegen gleich ist der Dreiklang aus Flexibilität, Kommunikation und Vertrauen, der die Basis dafür ist, die Trumpfkarte der Bioenergie, ihre Regelbarkeit, auszuspielen.

Johannes Päffgen, Jan Aengenvoort, Next Kraftwerke GmbH