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Biomasse als erneuerbare Energiequelle wurde in Großbritannien über viele Jahre nicht sehr intensiv genutzt. Das Land verfügt nur über geringe eigene Holzreserven und vergleichsweise wenige Waldflächen. Auf die Vorteile beim Einsatz von Biomasse und vor allem Bioabfall zur Erzeugung von Bioenergie im Vereinigten Königreich wird nun durch die Kampagne “Back Biomass“ hingewiesen. Wie ist der Stand von Biomasseheizkraftwerken, Biogas und Biokraftstoffen in Großbritannien?

In anderen Artikeln wurde schon über die Entwicklung der Bioenergie bei aufstrebenden Energiegiganten wie Indien und China berichtet, die vor allem die dezentrale Verfügbar- und Einsetzbarkeit von Biomasse auf ihren großen Landflächen schätzen. Aber was passiert eigentlich bei unseren europäischen Nachbarn bezüglich dem Einsatz von Bioenergie? In diesem Artikel wird der Entwicklungsstand der Bioenergie bei einem europäischen Schwergewicht  betrachtet – Biomass is staying home.

„Biomass Back“ – Kampagne für den Einsatz der Bioenergie in Großbritannien

Die Renewable Energy Association (REA) des Vereinigten Königreichs hat am 23.08.2011 den Start der Kampagne „Back Biomass“ bekanntgegeben. Mit dieser möchte die REA vor allem auf die entstehenden Vorteile bei der Nutzung von Bioenergie hinweisen. Auf der Internetseite zur Kampagne werden die Stärken genannt:

  • Erhöhung der Energiesicherheit Großbritanniens durch die Verringerung der Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger
  • Beitrag zu einer flexiblen, bezahlbaren und CO2-neutralen Energiewirtschaft
  • Produktion von Strom und Wärme durch Kraft-Wärme-Kopplung möglich („Combined Heat and Power“ CHP)
  • Bioenergie als speicherbare Regelenergie im Erneuerbaren-Energie-Mix
  • Schaffung von Arbeitsplätzen in Großbritannien

Die Pro-Argumente für den Einsatz der Bioenergie unterscheiden sich somit auch auf der Insel nicht sonderlich von den weltweit genannten Vorteilen der Bioenergie.

60% Treibhausgaseinsparungen beim Einsatz von Bioenergie schon ab 2011

Die Wahl des Zeitpunkts für die REA-Kampagne „Biomass Back“ ist nicht zufällig, sondern sehr bewusst gewählt. Ende 2011 stehen wichtige politische Entscheidungen in Bezug auf den Einsatz von Erneuerbaren Energien in der Strom- und Wärmeproduktion an. Konkret geht es um die Festsetzung von Fördersätzen für die regenerativen Energien in der Zeit zwischen 2013 und 2017. Bevor die neuen staatlichen Rahmenbedingungen feststehen, werden private Investoren auch keine weiteren Biomasse-Projekte vorantreiben.

Schon jetzt steht fest, dass staatliche Förderungen für die Bioenergie seit dem 1. April 2011 an hohe Nachhaltigkeitsstandards für Bioenergie-Systeme gekoppelt sind. Im Vergleich mit den fossilen Energieträgern muss der Kohlenstoffdioxidausstoß bei der energetischen Umwandlung von fester und gasförmiger Biomasse um 60%  geringer sein!  Trotz der vergleichsweise harten Vorgaben werden diese von der Biomasse-Industrie in Großbritannien begrüßt.

Charles Hendry, Minister des Department of Energy and Climate Change, unterstützt die Biomass-Back-Kampagne des REA. Hendry ist davon überzeugt, dass der Einsatz von Biomasse zu einem ausgeglichenen Energie-Mix für Großbritannien beiträgt und bis 2020 eine elektrische Leistung von 6 GW durch Biomasse erreicht wird. So ist es auch in der „UK Renewable Energies Roadmap“ festgehalten, welche im Juli dieses Jahres veröffentlicht wurde.

Auf welchem Stand ist die gasförmige, flüssige und feste Bioenergie in Großbritannien?

Hier eine Grafik zum Einsatz Erneuerbarer Energien in Großbritannien im Jahr 2010, welche genau wie die Renewables Roadmap vom Department of Energy & Climate Change herausgegeben wurde.

Biomasse Biogas Biokraftstoffe Großbritannien

Größtes Biomasseheizkraftwerk der Welt in England?

England ist nur zu 9% mit Wald bedeckt und es mangelt an eigenem Holz, welches als klassischer Brennstoff für Biomasseheizkraftwerke verwendet wird.

Trotzdem gibt es dank der neuen Förderbedingungen für Bioenergie zahlreiche Pläne für neue Biomasseheizkraftwerke im Vereinigten Königreich.

Die neuen Biomassekraftwerke in dieser Größe (!) sind selten beliebt und es gibt auch in England Bürgerbewegungen gegen den Neu- oder Umbau von Biomassekraftwerken. Vor allem die Nachhaltigkeit von riesigen Anlagen wie der in Port Talbot wird angezweifelt.

Wegen dem öffentlichen Widerstand hat der Bau des größten Biomasseheizkraftwerks der Welt in Port Talbot auch 4 Jahre nach der behördlichen Genehmigung noch nicht begonnen. Für 300 Millionen englische Pfund soll in der 200 km westlich von London gelegenen Hafenstadt ein 350 MW starkes Biomassekraftwerk errichtet werden, das mit Holzhackschnitzeln aus Kanada und den USA betrieben wird.

Ein interessanter Artikel, der die Standpunkte der Kritiker großer Biomasseheizkraftwerke vorstellt und durch viele Kommentare ergänzt wurde, ist im UK Guardian erschienen.

Das größte Biomasseheizkraftwerk Deutschlands, mit 100 MW, steht aktuell in Arneburg und ist an das Zellstoffwerk der Zellstoff Stendal GmbH angeschlossen.

Biomasse-Hoffnungsträger: „Biomass Gasification“ und „waste-to-energy“

Um trotzdem auf die Vorteile der Bioenergie als erneuerbare Energie zurückgreifen zu können, wird in Großbritannien vor allem auf die Weiterentwicklung der Gasification-Technologie für Biomasse gesetzt. Durch die flexible Umwandlung verschiedener Biomasse-Energieträger in ein energiereiches Gas können hierbei auch organische Abfälle in die Energieversorgung integriert werden („waste-to-energy“). Bioabfälle fallen besonders in dichtbesiedelten Ländern wie Großbritannien in hohen Mengen an.

Als vor 10 Jahren die erste Biomasse-Vergasungs-Anlage unter der Bezeichnung „Project Arable Biomass Renewable Energy“ (ARBRE) eröffnet und kurz darauf wieder geschlossen wurde, war der Zeitpunkt für diese innovative Form zur Erzeugung der Bioenergie scheinbar noch nicht gekommen. Seit Anfang 2011 kann eine Renaissance der Gasification-Technologie für Biomasse im Vereinigten Königreich beobachtet werden.

Erst Anfang August wurde der Bau einer modernen Gasification-Anlage mit 49 MW in einem Industriegebiet bei Teesside genehmigt, welche auf nicht recycelbare Abfälle zurückgreift und Strom für 50.000 Haushalte liefern wird.

Biokraftstoffe in Großbritannien

Bei der Herstellung von Biokraftstoffen spielt Großbritannien aktuell nur eine kleine Rolle. Laut einem im Juni veröffentlichten Bericht von British Petroleum (BP) über die statistische Zusammensetzung des globalen Energieverbrauchs wurden in Großbritannien im Jahr 2010 nur rund 180.000 Tonnen Biokraftstoffe („oil equivalents“) hergestellt. Dabei wurden Biodiesel und Bioethanol gemeinsam erfasst. Zum Vergleich waren es in Deutschland knapp 3 Millionen Tonnen.

Aktuell werden 3,3 % des gesamten britischen Kraftstoffbedarfs durch Biokraftstoffe abgedeckt. Der Großteil der Biokraftstoffe wird dabei importiert. Schnell wachsend ist vor allem der Anteil an Biodiesel aus argentinischer Sojabohne. Bis zum Jahr 2014 soll der Anteil von Biokraftstoffen am Kraftstoffverbrauch Großbritanniens auf 5 % steigen.

Biogas und Biogasanlagen in Großbritannien

Die Biogastechnologie wird in England unter dem Namen „Anaerobic Digestion“ geführt.

Genau wie bei der Nutzung der Gasification-Technologie soll vor allem auf organische Reststoffe zurückgegriffen werden, von denen jährlich 100 Millionen Tonnen auf der Insel anfallen. In Biogasanlagen vergoren könnten aus den Bioabfällen 1,7 TWh elektrischer Strom erzeugt werden.

Zwischen 2007 und 2013 werden durch folgende 3 Förderprogramme weit über 500 Millionen britische Pfund für die Errichtung von Biogasanlagen bereitgestellt:

  • Rural Development Programm
  • Organics Capital Grants Programm
  • Bio-Energy Capital Grants Scheme

Die verstärkte Wärmenutzung von Biogasanlagen, die Einspeisung von Biomethan ins Erdgasnetz und die Einführung eines Einspeisetarifs für kleine Biogasanlagen werden durch einen Biogas-Plan („Developing and implementation for anaerobic digestion“) ebenfalls politisch stark gefördert.

Vor einem Jahr, im August 2010, waren gerade einmal 40 Biogasanlagen in Großbritannien in Betrieb. Diese Zahl soll durch die genannten Förderprogramme bis 2020 auf über 1.000 erhöht werden. Prozentual zum Ist-Zustand betrachtet entspricht das einem rasanten Wachstum, ist aber verglichen mit der Anlagensituation in Deutschland (etwa 7.000 Biogasanlagen Ende 2011) noch relativ gering. Weitere Details zur Beschreibung der Biogas-Situation in England finden Sie hier.

Abschließend noch die Empfehlung für die Website des Biomass Energy Center, die zahlreiche Informationen zum Stand der Bioenergie in Großbritannien bereitstellt.