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„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören.“ – Demian, Hermann Hesse (Emil Sinclair)

Ich bin kein Freund kriegerischer Begriffe, aber auch bei dem so zukunftsorientiert daher kommenden Großprojekt der Energiewende, lassen sich einige Konflikte kaum noch ausblenden. Die anfänglich Euphorie und kooperative Grundstimmung beim Umstieg auf erneuerbare Energien ist aktuell weitgehend verflogen. Dafür befinden wir uns mitten in der Schlacht um die 2.400 TWh (Stand 2011), die jährlich in Deutschland an Endenergie verbraucht werden. Die Energiewende hat viele Facetten. Eine davon ist, dass sie ein Kampf ist, der an an verschiedenen Fronten ausgefochten wird. In diesem Artikel werden 5 Schlacht- und Spannungsfelder vorgestellt, welche den Umstieg auf erneuerbare Energien prägen.

Grafik: Schlacht zur Energiewende

Schlachtfeld Nr. 1: Kampf der verschiedenen Energieträger

Ein grundsätzlicher Konflikt unserer Energiewende tritt immer stärker hervor. Mit dem Drängen der neuen Energieträger (Biomasse, Sonnenenergie, Windenergie etc.) auf einen seit Mitte der 1990iger stetig liberalisierten Energiemarkt wird die Luft für die einzelnen Energieträger immer dünner. Wenn wir dann noch berücksichtigen, dass wir unseren Primärenergiebedarf mit Hilfe von Energieeffizienzmaßnahmen bis zum Jahr 2050 um 50 Prozent drosseln möchten, dann wird schnell klar, dass nur wenig Platz für ein entspanntes Miteinander der verschiedenen Technologien ist.

Der Energiekuchen wird in viele Stücken unterteilt und jeder Bürger kann selbst entscheiden, auf welchen Energieträger er zurückgreifen möchte. Während diese Situation für alle energieproduzierenden Unternehmen und Stadtwerke ein hartes Los ist, können wir Verbraucher nur dankbar für diese Verschärfung des Wettbewerbs sein. Oder? Immerhin führt auch dieser Wettbewerb und der Einsatz erneuerbarer Energien dazu, dass der Strompreis an der Börse in den letzten Jahren stark gefallen ist.

Auf der anderen Seite schürt diese harte Wettbewerbssituation auch die Sorge der Unternehmen, dass nicht genug Bedarf für alle Energieträger besteht. In einer Branche, in der die Investitionssummen gewaltig sein können, führt dieser Konkurrenzkampf häufig zu emotionalen Debatten, in welchem die einzelnen Mitglieder der Energiegemeinschaft attackiert werden. Die regenerativen Energieträger können ein wütendes Lied davon singen, wie die Strompreislüge die Erneurbaren-Branche in eine schwierige Verteidigungssituation gedrängt und einen Keil zwischen Bundespolitik und die EE-Gemeinschaft getrieben hat. Aber auch innerhalb der EE-Familie gibt es Angriffe aufeinander, wie beispielsweise die häufig einseitige Diskussion um die Flächeneffizienz von Photovoltaik und Biogas zeigt. Abgesehen von der Kohle, bei der man schon von derRenaissance der Kohle spricht, haben auch viele fossile Kraftwerke schwere Probleme zu lösen (Stichwort: Merit Order Effekt).

Als Bioenergie-Blogger kenne ich natürlich vor allem die Situation und die Argumentationsketten innerhalb dieser Branche. In der Öffentlichkeit wird eigentlich kaum eine konstruktive Diskussionen um die Stärken und Schwächen der Bioenergie geführt. Meistens geht es um einseitige Vorwürfe im Stil von Tank-vs-Teller, Vermaisung, Holzknappheit oder Regenwaldabholzung. Eine konstruktive Grundstimmung zum Gelingen der Energiewende wird durch den begrenzten Energiemarkt erschwert.

Fossile und erneuerbare Energieträger müssen erkennen, dass eine wirkliche Entwicklung nur dann stattfindet, wenn wir aufhören, uns gegenseitig schlecht zu reden. Jede Energiequelle hat ihre Stärken und Schwächen und es geht darum, diese so miteinander zu verbinden, dass wir eine flexible, klimaschonende und bezahlbare Energieversorgung aufbauen. Ein Wettkampf zwischen den einzelnen Energiesystemen ist gerechtfertigt und wichtig, aber wir sollten uns immer wieder dazu ermahnen, dass dieser auch konstruktiv und fair abläuft.

Schlachtfeld Nr. 2: Kampf zwischen Zentralität und Dezentralität

Eines der bedeutendsten und gleichzeitig unsichtbarsten Spannungsfelder beim Fortschreiten der Energiewende ist die Frage nach ihrer Dezentralität. Wie wird die Infrastruktur nach dem Umbau aussehen? Welche Bedeutung werden die kleineren, dezentralen Erzeugungsanlagen im Vergleich zu den großen Energieparks einnehmen?

Große Anlagen haben in der Regel einen besseren Wirkungsgrad bei der Energiegewinnung und nutzen die eingesetzten Energieträger somit effizienter. Ein Argument, das sowohl bei der ökonomischen als auch bei der klimaschützenden Bewertung punktet. Auf der anderen Seite muss die Energie aus größeren, zentraleren EE-Anlagen über weitere Wege transportiert werden und es sind größere Eingriffe in die Umwelt nötig. Außerdem können große Anlagen nicht von der Gemeinde bezahlt und betrieben werden, welche letztlich die Energie der Anlage beziehen. Das Erreichen von Energieautarkie in vielen Gemeinden, und der damit verbundene Charme, wird durch effizientere Großanlagen gefährdet.

Fest steht, dass abhängig vom Grad der Dezentralität der Energiewende unterschiedliche Technologien und Unternehmen von ihr profitieren. Vielleicht wird sich einer der beiden Extreme mittelfristig durchsetzen, vielleicht aber auch nicht. Zumindest zu Beginn ist die Kombination beider Wege nötig, um Großstädte und energieintensive Unternehmen mit Strom und Wärme versorgen zu können.

Letztlich ist die Vielfalt an vorstellbaren Energiewende-Szenarien sogar etwas, für das wir auch dankbar sein können. Ohne die Liberalisierung des Energiemarkts wäre das nicht möglich gewesen.

Schlachtfeld Nr. 3: Kampf zwischen Bund, Ländern und Kommunen

Langfristig wirkende Entscheidungen bringen eine große Verantwortung mit sich und wer bei diesen Weggabelungen die Risiken (z.B. Haftungsrisiken, Investitionsrisiken) trägt, möchte natürlich auch entsprechend von potentiellen Gewinnen profitieren. Der Umbau unserer Energieinfrastruktur ist definitiv ein Projekt, welches den Entscheidungsträgern eine große Verantwortung aufbürdet. Ich beneide Peter Altmaier nicht um die kaum unter einen Hut zu bringenden Probleme, die aktuell auf seinem Schreibtisch im Bundesumweltministerium landen. Die vorgestellte Strompreisbremse ist allerdings ein Lösungsansatz den ich für kontraproduktiv halte und der das Fortschreiten der Energiewende stark gefährdet.

Die gesellschaftlichen Entscheidungen die im Zusammenhang mit der Energiewende getroffen werden müssen, sind weitgehend neu und führen zu zahlreichen politischen Herausforderungen beim Verteilen der Aufgaben, Kosten und Haftungsrisiken. Wer übernimmt was auf Bundes-, Landes-, und Gemeindeebene?

Ganz besonders gilt das für das schleppende Thema Netzausbau. So sind für eine ganzheitliche Netzplanung natürlich Entscheidungen von Bundesbehörden (Bundesnetzagentur) notwendig. Ein großer Teil des Genehmigungsaufwands wartet dann allerdings noch vor Ort in Zusammenarbeit mit Anwohnern und gut organisierten Bürgerinitiativen. Wie im vorherigen Punkt schon angedeutet, entscheidet vor allem der Grad der Dezentralität unserer zukünftigen Versorgungsstruktur(= Netzausbau) darüber, wo die Gewinne der Energiegewinnung gemacht werden.

Die Herausforderung wird sein, dass alle Chancen und Risiken der Energiewende möglichst gerecht auf die staatlichen Organisationsstrukturen verteilt werden. Hoffen wir einfach, dass dafür keine Quadratur des Kreises erforderlich ist.

Schlachtfeld Nr. 4: Kampf um niedrige Kosten und gute Klimabilanzen

Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist vor allem eines: teuer! Das sagen zumindest die Kritiker und haben Recht damit. Allerdings gilt diese Kritik nur dann, wenn man die Energiewende in einem kurzfristigen Zeitfensters betrachtet und Faktoren wie externe Kosten (Klimawandel, Umweltzerstörung) ausblendet. Je länger der Zeithorizont wird, innerhalb dem man das Jahrhundertprojekt bewertet, desto überzeugender werden die Argumente für einen möglichst raschen Umstieg.

Trotzdem, die Energiewende kostet erstmal Geld und die über Jahrzehnte aufgebaute fossile Energielandschaft garantiert uns häufig eine kostengünstige Energieversorgung. Vor allem die Anpassung des Stromnetzes an eine dezentrale Energieinfrastruktur benötigt erstmal Milliarden an Steuergeldern.

Vergessen wir aber nicht, dass auch die fossile Energiewirtschaft jährlich Milliarden an Subventionen erhält und das sich der Strompreis für den Privatverbraucher seit der Jahrtausendwende verdoppelt hat. An dieser Entwicklung hat die EEG-Umlage nur einen geringen Anteil (siehe Grafik).

Grafik: Strompreis Entwicklung Deutschland

Niedrige Stromgestehungskosten und eine höchstmögliche Einsparung von Klimagasen zählen zu den wichtigsten Entwicklungszielen bei neuen Energietechnologien. Das Erfreuliche ist, dass die Stromgestehungskosten im Bereich der erneuerbaren Energien konstant fallen (siehe Studie zu Stromgestehungskosten vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, Mai 2012) und ihre Klimabilanzen definitionsgemäß besser sind, als die von fossilen Energieträgern.

Der technologische Wettkampf um niedrige Kosten und geringe Emissionen ist letztlich Teil des Kampfes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Er hält jedem Herstellungsprozess die Pistole auf die Brust und sagt: wenn du nicht nachhaltiger und preiswerter wirst, dann wird dir bald die gesellschaftliche Akzeptanz entzogen.

Den vollständigen Artikel und alle anderen Beiträge zum Thema „Kampf um die Energiewende“ finden Sie in dieser Ausgabe der Energiefacetten.

Welche wichtigen Schlachtfelder der Energiewende sehen Sie noch? An welchen nehmen Sie aktiv oder notgedrungen teil und am wichtigsten, wie können wir sie auflösen?