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Vielen Dank an Christoph Bächtle für diesen Gastartikel. Herr Bächtle ist Diplom Biologe und schreibt unter anderem auf Zeilenwechsel über Wissenschaft und Technologie.

Am 8. November fand in Stuttgart der Biogastag Baden-Württemberg statt. Gut besucht, mit interessanten Vorträgen ausgestattet und mit einer anscheinend ungelösten Frage behaftet: Was soll man mit den Unmengen an Gärresten machen, die mittlerweile in Biogasanlagen anfallen. Offenbar ist auf den Äckern nicht mehr genug Platz.

Die Branche hat getagt. Und es war ein gelungene Veranstaltung, die das Institut für Siedlungswasserbau der Universität Stuttgart, die Landesanstalt für Agrartechnik und Bioenergie sowie das Kompetenzzentrum Umwelttechnik – KURS e.V. – auf die Beine gestellt haben.

Der Biotagastag stand unter dem Thema „Biogas aus Abfällen – ein wesentlicher Baustein für Abfallwirtschaft und Energiewende“. In der Eröffnungsrede betonte Umweltminister Franz Untersteller, dass Baden-Württemberg Bioabfälle in Zukunft mehr denn je verwerten will. Ab 2015, so sieht es das Abfallwirtschaftsgesetz vom 1. Juni 2012 vor, sollen Bioabfälle gesondert gesammelt werden. Untersteller will das Potenzial der Bioabfälle, das sich aus dem neuen Gesetz ergibt, konsequent nutzen.

Biogastag Stuttgart

Viele trennen Biomüll – aber nicht jeder

Aktuell trennen in Baden-Württemberg 33 von 44 Stadt- und Landkreisen Biomüll von anderen Müllsorten und sammeln damit rund 500.000 Tonnen Biomasse pro Jahr. Zusätzlich fallen landesweit zirka 900.000 Tonnen Grünabfälle an, von denen jedoch nur 100.000 Tonnen verwertet werden. Unterstellers Ziel für das Jahr 2020 heißt: Pro Einwohner im Land 60 Kilogramm Biomüll pro Jahr in die Verwertung bringen. Das bedeutet: im Jahr 2020 sollen im Südwesten 700.000 Tonnen Grünzeug als Wertstoffe weiterverarbeitet werden.

2 Millionen Tonnen Chancen

Professor Frank Scholwin von der Universität Rostock verwies auf Untersuchungen, die zeigen, dass Restmülltonnen zu 45 Prozent Bio- und Grünabfälle enthalten. Auf rund 2 Millionen Tonnen summieren sich jedes Jahr Speisereste, Obst- und Gemüseschalen und was sonst noch so alles an Organischem aus dem Haushalt in die Tonne wandert. Die Infrastruktur ist in Deutschland noch nicht auf die künftigen Abfallmengen eingestellt. Es gibt lediglich 120 Bioabfallvergärungsanlagen im Land. Ein Engpass deutet sich an: Ohne neue Anlagen, die zudem dort stehen müssen, wo Abfallströme zusammengeführt werden, kann die Kraft der Wertstoffflut nicht im vollen Umfang genutzt werden.

Die großen Wertstoffmengen der Zukunft bringen einigen Nutzen. Sie haben aber auch Konsequenzen. Bioabfälle und Grünabfälle sind Rohstoffe für Strom und Wärme. Sie sind, so beschrieb es der Systemanalytiker Dr. Lutger Eltrop von der Universität Stuttgart, ein probater Weg, um speicherfähige Energieträger herzustellen. Biogas, so führte Eltrop weiter aus, lasse sich auch in veränderte energiewirtschaftliche Modelle ideal einbinden, die weniger auf Grundlast, sondern mehr auf Bedarfsanalysen ausgerichtet sind.

Bioabfälle wirken sich positiv auf den Flächenbedarf aus. Sie mindern den Flächenbedarf für Energiepflanzen um etwa neun Prozent.

Nutzungsstrecken noch nicht zu Ende gedacht

Die Expertenrunde war sich einig: Gärreste werden zum Problem. So weit so gut. Die Podiumsdiskussion beim Biogastag zeigte aber auch eine andere Seite. Das Gespräch zwischen Vertretern von kommunalen Abfallverwertungsgesellschaften, einem Vertreter des Umweltministeriums, einem Regionalpolitiker sowie gewerblichen Entsorgungsexperten zeigte, dass sich beim Thema Gärrest offenbar ein Problemfeld entwickelt. Diese Reststoffe, so der einhellige Tenor, werden Biogasanlagenbetreiber schon jetzt nicht mehr so einfach los.

Die rund 7500 Biogasanlagen in Deutschland überschwemmen langsam den Markt mit organischen Überbleibseln, die Mikroorganismen in Biogasanlagen nicht umsetzen können. Gärrest kann zwar weiterbehandelt werden zu Humus, oder auf Äckern als Dünger verteilt werden. Beide Nutzungsformen kosten mittlerweile aber Geld, weil zum Beispiel Landwirte Gärrest nicht mehr grundsätzlich kostenlos abnehmen.

Dem Gärrest fehlt der Wert

Dr. Andreas Kirsch von der Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. in Köln präsentierte in seinem Vortrag einige wichtige Daten zu Gärresten. Etwa 60 Millionen Tonnen schätzt Kirsch, fallen in Deutschland im laufenden Jahr an. Die potenziellen Werte, die im Gärrest stecken, werden ersichtlich, wenn man seine wichtigsten Inhaltsstoffe Stickstoff, Phosphor und Kalium dem Markt für handelsüblichen Volldünger gegenüberstellt. Gärrest enthält etwa acht Prozent des Stickstoffs, zirka 42 Prozent des Phosphors und etwa 55 Prozent des Kaliums, das im Düngermarkt gehandelt wird. Im Gärrest verbirgt sich also einiges an Geld: Stickstoff für 160 Millionen Euro, Phosphor für 145 Millionen Euro, Kalium für 175 Millionen Euro. Gärrest ist aber kein Ersatz für herkömmliche Düngemittel, weil jede der drei Komponenten geringer konzentriert ist. Landwirte bevorzugen daher nach wie vor kommerzielle Düngemittel.

Technologien besser verknüpfen

Ich war schon etwas überrascht darüber, dass die Experten auf dem Podium des Biogastages Gärreste nicht als Wertstoff, sondern als Problem wahrnehmen. Genau genommen sind Gärreste nichts anderes als der Biomüll, der zuvor in die Biogasanlage gekippt wurde: Eine Ansammlung von Kohlenwasserstoffen, die biologisch mehr oder weniger gut zugänglich sind. So gesehen ist der Unterschied zwischen Gärrest und Biomüll gering. Wenn biologische Verfahren nicht mehr greifen, um die Kohlenwasserstoffe in Gärresten zu erschließen, müssen andere Verfahren ran. Diese gibt es bereits, wie zum Beispiel Vergasung oder Ähnliches.

Mein Fazit des Biogastages: Es gilt, Technologien besser zu verknüpfen. Und es gilt, Nutzungswege an den Stellen weiterzudenken, wo sie scheinbar zu Ende sind. Genau dafür sind Netzwerkveranstaltungen da. Sie identifizieren Lücken, werfen Fragen auf und zeigen, wo neue Entwicklungen ansetzen müssen. Daher bin ich optimistisch, dass auch Gärreste bald Karriere als Wertstoff machen werden.