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Biomasse wird auch als „Nachwachsender Rohstoff“ bezeichnet. Das Besondere an dem nachwachsenden Rohstoff und ein wesentlicher Unterschied zu anderen Rohstoffen ist, dass Biomasse eben auch „lebendig“ ist. Es klingt banal, hat aber weitreichende Auswirkungen. Für viele wirtschaftliche Nutzungen mag dieser Punkt erst mal uninteressant sein, aber Biomasse bekommt durch diese Sonderstellung auch eine ethische Dimension. Da ich vor kurzem auf ein sehr interessantes Interview mit Dr. Bernhard Widmann (Leiter des TFZ in Straubing) aufmerksam gemacht wurde, in dem es um die gesellschaftlichen Chancen und Konflikte der Bioenergie ging, möchte ich einigen moralischen Fragestellungen etwas nachgehen. Welchen langfristigen Einfluss kann die ethische Dimension der modernen Biomasse-Nutzung auf deren langfristige Entwicklung haben. Welche Gefahren und Chancen ergeben sich daraus? Hier einige Anregungen.

Moralische Unterschiede als wichtigste Ursache aktueller Probleme der Bioenergie-Branche?!

Selbst ein sehr radikaler Veganer oder Frutarier würde nicht so weit gehen, das Essen jeglicher Lebewesen als moralisch fragwürdig oder anmaßend zu benennen. Sich von Biomasse zu ernähren, um selbst leben zu können wird allgemein akzeptiert. Solange wir keine alternative Nahrungsquelle zu Kohlenwasserstoffen finden, wird das wohl auch so bleiben.

Anders sieht es aber bei der stofflichen und energetischen Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen aus, bei der die Positionen deutlich weiter auseinandergehen. Einige der größten Probleme, welchen sich die Branche der Bioenergie in ihrer aktuellen Entwicklung stellen muss, basieren meiner Meinung nach auf moralische Meinungsverschiedenheiten und daraus resultierenden Interessenkonflikten. Hier eine Auswahl aktueller Konflikte:

  • Tank-oder-Teller-Diskussion zu Biokraftstoffen: sicherlich das bekannteste und medial am häufigsten diskutierte Beispiel, welches zeigt, dass moralische Fragestellungen einen starken Einfluss auf die Akzeptanz und Umsetzung von technisch möglichen Anwendungen der Bioenergie ausüben. Lösungen bieten Biokraftstoffe der nächsten Generation
  • Regenwaldabholzung: ist zur Gewinnung von Bioenergie-Ressourcen komplett abzulehnen. Etwa 4% der globalen Regenwaldabholzung, vor allem in Südostasien, gehen aber auf die Gewinnung von Flächen zur Erzeugung von Bioenergie-Biomasse (z.B. Ölpalme) zurück. Der Ruf der Bioenergie leidet unter diesem Abholzungsanteil.
  • Indirect Land use Change (ILUC) : siehe Artikel über die Nachhaltigkeit der Bioenergie
  • Einführung von E10: auf den ersten Blick ein rein technisches Problem, welches auf die Sorge um die Gefährdung des eigenen Motors zurückgeht. Tiefere Gründe sind meiner Erfahrung nach häufig auch eine prinzipielle Ablehnung von Biokraftstoffen.

Die genannten moralischen Konflikte sind aneinander gekoppelt. Die Entfaltung des Potentials der Bioenergie ist deshalb auch eng an eine Differenzierung dieser moralischen Fragestellungen und das Entwickeln von Lösungsansätzen geknüpft.

Treffen sich ein Indianer und ein Ingenieur zur Diskussion über Ethik

Als Energiewirt, Holzhändler oder Ingenieur in einem Biomasseheizkraftwerk kann man die stoffliche und energetische Nutzung von Biomasse nicht wirklich offen hinterfragen, ohne gleichzeitig Gefahr zu laufen sein eigenes berufliches Fundament auszuhebeln. Man würde von einem Berufssoldaten auch nicht erwarten, dass er eine pazifistische Grundeinstellung vertritt.

Die Indianer haben den ethischen Konflikt über die Aus(-Nutzung) der Natur durch den Menschen sehr geschickt gelöst und dabei vor allem 3 Grundsätze berücksichtigt:

  • Der Eingriff in ein Ökosystem wird in seiner Intensität darauf beschränkt, dass es in der Lage bleibt, sich aus sich selbst heraus zu erholen (Resilienz eines Ökosystems).
  • Komplette Nutzung der gewonnen Ressource (Beispiel Büffel) führt zu einer effizienten Verwendung von Biomasse.
  • Ganzheitlicher Ansatz bezüglich der eigenen Stellung innerhalb der Natur, der zu einem nachhaltigen Umgang mit dieser führt.

Nutzung von Biomasse als ein Weg zum Einklang mit der Natur

Vielleicht hört sich das erst mal paradox an. Die menschliche Nutzung von Rohstoffen endet nicht selten in der Entwicklung industrieller Verfahren, die zur Effizienzsteigerung und abnehmenden Produktkosten beitragen. Das sind nicht unbedingt Verfahren die sich nach einem „Einklang mit der Natur“ anhören.

Trotzdem glaube ich, dass vor allem durch eine intensivere energetische und stoffliche Nutzung von Biomasse und die damit verbundene gesellschaftliche Abhängigkeit, eine deutlich stärkere Wertschätzung für die Gaben der Natur stattfinden kann. Je stärker unsere Gesellschaft mit der Natur verbunden ist, desto eher werden wir auch bereit sein, uns aktiv für deren Schutz einzusetzen.  Nur wenn wir uns stärker als ein Teil der Biosphäre wahrnehmen, werden wir diese auch leidenschaftlich schützen.

Die technische Nutzung der Biosphäre (Biomasse) und der Umweltschutz müssen deshalb kein Widerspruch sein. Dinge die für den Menschen einen Wert haben, ist er auch bereit zu beschützen.

Das maßvolle Nutzen von Biomasse kann zum Wohle der gesamten Biosphäre beitragen. An dieser Stelle nimmt die Argumentation aber dann fast schon religiöse Fahrt auf.

Auszüge aus dem Interview  mit Dr. Widmann über Chancen und die Ethik der Bioenergie

Über die tieferen kulturellen Hintergründe vieler moralischer Konflikte die mit der Nutzung der Bioenergie einhergehen erfahren Sie in dem spannenden Interview zwischen Dr. Bernhard Widmann und Christian Dürnberger, der das Interview führte.

Herr Widmann ist Leiter des Technologie und Förderzentrums (TFZ) Straubing. Herr Dürnberger ist Philosoph und Kommunikationswissenschaftler und am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) tätig. Das TTN gehört zur Ludwig-Maximilians-Universität München.

Hier einige Auszüge aus dem Interview:

  • Bioenergie sollte nicht als die Ursache für das Hungerproblem von Entwicklungsländern gesehen werden, sondern viel mehr als ein Teil der Lösung dieses Problems betrachtet werden.
  • Im vergangenen Jahrhundert waren ein Drittel der Ackerfläche nötig, um „Biokraftstoffe“ anzubauen – nämlich Futtermittel für Zugtiere
  • Nahrung und Energie sind „Lebens-Mittel“

Das Interview zeigt, dass die moderne energetische Nutzung von Biomasse in der Gesellschaft angekommen ist mit allen Vorzügen und Schwierigkeiten dieser Stellung. Die Bioenergie wird dabei auch in einem gesellschafts-historischen Kontext und neben Solar- und Windenergie als prägender Bestandteil für unsere zukünftige Kulturlandschaft beschrieben.

Außerdem kommentiert Herr Widmann den geschmacklosen Slogan „Weizen verheizen“ und dessen Wirkung und Symbolkraft in unserem Kulturkreis.

Aber lesen Sie selbst. Hier zum vollständigen Interview.

Vielen Dank für das interessante Gespräch zwischen Herr Widmann und Herr Dürnberger!

Was halten Sie von der modernen Nutzung von Biomasse? Was sollte erlaubt sein und wo sollten die Grenzen der technischen Nutzung liegen?